Prototyp eines Maulhelden

Ein Detektiv kann seiner Arbeit nur nachgehen, indem er privatisiert. Insofern ist er der Prototyp eines jeden Maulhelden. Bekanntlich hat Borges keine Romane geschrieben. In letzter Zeit kann man immer wieder lesen Bolaño hätte die Romane geschrieben, die man von Borges hätte erwarten können, die dieser gerne geschrieben hätte. Was für eine Art von Roman hätte aber nun Borges gerne geschrieben?

Die Romane, die Borges geschrieben hätte

Für den lateinamerikanischen Autor sah Borges die Aufgabe darin wieder Zeuge einer Welt zu werden, in der Wirklichkeit und Fiktion nicht getrennt sind. Wir haben es zwischen Epos und der modernen Tradition des Romans mit einem Gegensatz zu tun, den Schiller als Bruch zwischen dem naiven und dem sentimentalen analysiert hat. Nach letzteren Bruch war die Dichtung für längere Zeit von der Prosa der Welt getrennt. In der Moderne musste man die Einheit wollen, und dieses Wollen widerspricht der unmittelbaren Einheit von Wollen und Nicht -Wollen, die gerade das Wesen der Kunst ist.

Wie kommen wir aber nun nach den Stufen naiv und sentimental auf die nächste Stufe, die wir vielleicht dann als geistig bezeichnen könnten? Flaubert schlug zur Lösung dieses Dilemmas vor, der Autor müsse nicht eine bestimmte Weise des Schreibens entwickeln, sondern eine absolute Art und Weise die Dinge zu sehen. Es ging ihm jenseits jeder freien subjektiven Behauptung des Autors um eine Sichtweise, die jede Behauptung von vereinzelten Blickpunkten aufhebt. Wir können feststellen, dass Flaubert und Borges für die Zukunft der Literatur das Selbe wollen, der eine durch die Aufhebung jeder Rhetorik durch die reine Konstruktion der Erzählung, der andere durch die Überpersönlichkeit einer jede Rhetorik überwindenden reinen Beschreibung. Und hier kommt nun Bolaño ins Spiel, der in seinen Romanen einen Weg gefunden hat jede Behauptung von vereinzelten Blickpunkten aufzuheben, indem er eben diese vereinzelten Blickpunkte selbst zur Erzählung macht. Wie geht das aber nun genau vor sich?

Das Aufzeigen der Kontinuität zwischen Leben und Literatur ist es was Bolaños Werk auszeichnet. Das wahrhaft gelebte Leben ist Literatur. Zumindest für Borges. Und weil Borges gerade jeden Bruch zwischen Literatur und wahrhaft gelebten Leben ablehnte, erfüllt Bolaño dessen Prophezeiung einer kommenden Literatur tatsächlich.

Um dies zu verwirklichen musste Bolaño/Belano – wie Leskow – seine Texte mit einer Vervielfältigung der Aussagesubjekte anreichern, die letztlich zur Selbstwiderlegung des Begriffs des Erzählers führt. Es ist eben jene Fiktion des in der Erfahrung verwurzelten Erzählers die einerseits die Literatur als Ort des reinen Erfahrungsverlustes bestimmte – der Weg geht hier von Proust direkt zu Beckett – und andererseits Literatur und Leben eins werden lässt. (Peter Handke hat dies, ahne ich, 2008 in Bis daß der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts versucht auf seine Weise zu formulieren.) Denn erst wenn die Verhaftung in Erfahrung und Erinnerung kulturell überwunden sind, kann die reine Kontinuität zwischen Literatur und Leben zu Tage treten. Denn der gute Kreislauf der dies bewirken kann, ist die unendliche Bewegung des Austausches von Träumen, die ihrerseits geträumt werden können. So gibt es für Borges auch dementsprechend eine schlechte Vorherrschaft des Lesers, die den Aberglauben des Stils nähert, und eine gute Vorherrschaft des Lesers, die ihn zum Schöpfer dessen macht, was er liest.

Wie sorgt Bolaño nun für eine gute Vorherrschaft des Lesers? In den beiden grossen Romanen von Bolaño wird das Motiv des kohärenten Exzesses zentral dafür angewendet. Einmal als Auflistung von Zeugenaussagen. Das andere Mal durch die Auflistung von verstummten Zeugen, den jungen mexikanischen Frauen die in der Stadt Ciudad Juárez ermordet wurden.

Der Maler Giuseppe Arcimboldo ist das klassische Beispiel dafür Listen in Form zu überführen. Er führt uns vor wie man künstlich von der Liste zur Form übergehen kann. Diese Zusammenschau disparater Elemente bestimmt auch das Werk von Bolaño. Ein Motiv, welches sich in der Auflistung von disparaten Werken eines Autors mit dem Namen Archimboldi in dem Roman 2666 in einer Art mise en abyme perspektivisch verschachtelt.

Hier liegt auch das wahre Erbe von Borges verborgen, welches Bolaño übernimmt. Denn Borges erblickte, in der Erzählung Der Aleph, das gesamte Universum als eine verhängnisvolle unvollkommene Liste von Orten, Personen und erfundenen Erscheinungen. Und eben das Übergehen von einer scheinbar beliebigen Auflistung zu einer verborgenen höheren Ordnung, ist das Zeichen des kohärenten Prozesses. (Siehe mehr hierzu auch in Die unendliche Liste von Eco.)
Im Grunde sind wir bei Bolaño unmittelbar dabei, wie aus dem Chaos eine Ordnung höherer Ordnung entsteht. Wie aus etwa niederträchtigen Taten – wie auch auf den Bildern von Gustave Moreau – eine göttliche Ordnung als Kontrast erst hervorgeht.

Eine Serie verwandelt Beliebiges in Teile eine höheren Ordnung eines göttlichen Spiels und einzelne Erzähl-Gesten in einen kohärenten Prozess. Durch eine bestimmte zyklische Wiederkehr von Dingen oder Ereignissen entsteht eine Geschichte, die nur in dem Maße unbarmherzig erscheint, wie uns die Konfiguration, aus der sie hervortritt, unbekannt bleibt. Dies ist die Grundlage jeder Erzähl-Geste: Die den Ereignissen zu Grunde liegenden Konfigurationen, ebenbürtig entgegen zu treten. Der Roman nimmt so schließlich den Platz von Mythos und Epos ein, aber nur um beide zu überwinden und endgültig zu verabschieden.

In DeLillos Roman Underworld ist diese Konfiguration (jene Geste, die alle Ereignisse zusammenhält) ein Baseball, ein Ding, welches ein Spiel am laufen hält, steuert, und welches man in dem Moment nicht mehr wirklich besitzen kann, in dem es zum Symbol für etwas wird. Von dem Moment an, in dem der Ball das Bezeichnende wird, sind ihm unbewusst alle in der Unterwelt unterworfen, die mit ihm in einen Kontext geraten. Oder man müsste sagen: Die Konfiguration wird von dem Kampf um diesen Baseball gebildet. Ohne ein entsprechendes falsches Verlangen gibt es keine Beute, weltliche Macht oder Unterwelt.

Das wandernde Ding ist das Strukturmotiv der Erzählung, es zeichnet den Subjekten die Plätze vor, die diese einnehmen müssen. Und die geschichtliche Zeit mit ihrer linearen Struktur geht aus dieser Konfiguration hervor. Die zyklische Zeit mit ihrer Struktur der Unbegrenztheit geht hervor aus der Rückführung der Ereignisse auf ihre Wirkungen. Bei Joyce oder Schnitzler kommt es noch zu Großstadt-Odysseen, weil die Männer sich noch nicht direkt der höheren Wirkung des Weiblichen überlassen können, aber sie werden zumindest schon einmal direkt bei diesen Schriftstellern mit dieser konfrontiert. Insofern treten wir hier bereits ein in eine Ordnung einer zyklischen Zeit. Die wahre Liebe jenseits der Zeit existiert nur, wenn Frau und Mann aus sich selbst die grundlegende Konfiguration ihrer Geschichten hervortreten lassen können und auch den Mut haben dieser zu folgen. Der Schriftsteller in 2666 lebt in diesem Sinne auf seiner Odyssee die Konfiguration seiner eigenen Geschichte.

Indem das Prinzip der kohärenten Übersteigung die Geschichte so mit dem erzählen einer Geschichte verkettet, wird entweder alles magischer Weise zu Dingen – wie in den Gesichtern des Malers Arcimboldo – oder alle Dinge werden Teil eines größeren Spiels von dem die Geschichte aber nichts erzählen kann. Womit wir beim Dilemma der Kunst wären, so dass wir mit Derek Walcott sagen möchten:
Keine Kunst. Nur die Gabe,
Die Dinge, wie sie sind, zu sehen, halbiert von einem Dunkel,
Dem sie nicht entrücken können.

2 Responses to “Prototyp eines Maulhelden”

  1. Dietmar Hillebrandt

    Zunächst einmal halte ich diese Analyse von Thorsten Wiesmann für einen klugen Beitrag, wie alle von ihm. Ob ich alles wirklich verstanden habe, weiß ich nicht. Normalerweise scheint mir das Kommentieren in Weblogs immer nach einem bekannten Diskussionschema abzulaufen. Kommentator A schreibt eine affirmative Kritik, Kommentator B schreibt einen Verriss, C bringt einen völlig neuen Aspekt, E kann sich nicht entscheiden, F widerspricht B usw. Nach zweimaliger Lektüre sind einige Kernaussagen bei mir hängen geblieben:
    “Das Aufzeigen der Kontinuität zwischen Leben und Literatur ist es was Bolaños Werk auszeichnet. Das wahrhaft gelebte Leben ist Literatur.”
    Es reizt mich zu widersprechen, indem ich sage: Die D i s kontinuität zwischen Literatur und Leben… In welcher aufgehobenen klassichen Erzählperspektive oder Betrachtungsweise auch immer, Literatur und Leben läßt sich nie gleichsetzen. Subjekt und Objekt, Spiegel und Spiegelbild sind in der Kunst immer ein Trugbild. Allerdings kann dieses künstliche Bild oft mehr Wahrheitsahnungen enthalten als ein dahingelebter Augenblick. Vor dem Leben bleiben Kunst, Philosophie, Religion die eigentlichen “Maulhelden”. Ein Autor kann sich auch noch so geschickt auf seine Figuren oder in eine bis in die Unendlichkeit reichende Zeugenerzählerschaft hinter welchem gespiegelten Blick auch immer verflüchtigen, es bleibt ein ironisierender Trick des Autors, eine heute modern wirkende Erzählhaltung.
    Ob sich diese zugrundeliegende Konfiguration der Erzählhaltung zu einer Art höheren Ordnung geriert bleibt für mich dahingestellt.
    Dass die disparate Buchliste der 20 Werke Archimboldis aufgrund ihres Listencharakters im kohärenten Prozess des perspektivischen Erzählens zu einer höheren Ordnung findet, die dann als Kontrast zur Gewalt des Bösen eine göttliche ist, wirkt auf mich ein bißchen esoterisch. Ich kann das zu einer Einheit findende Positive bei Bolaño so offensichtlich nicht sehen. Eher erkannte er den Abgrund nicht nur in den Dingen, sonden auch in sich selbst. Aber wahrscheinlich habe ich manches nur nicht richtig verstanden und der Schluß stimmt mich versöhnlich, dass auch die größte Kunst die Dinge nur im Halbdunkel sähe.

  2. Thorsten Krämer

    Lieber Thorsten Wiesmann,

    danke für diesen schönen Text, insbesondere die beiden Sätze “Das Aufzeigen der Kontinuität zwischen Leben und Literatur ist es was Bolaños Werk auszeichnet. Das wahrhaft gelebte Leben ist Literatur.” – Inzwischen ist ja mein kleiner Text zur Frage “Warum Bolaño lesen” online, den ich geschrieben habe, bevor ich Ihren Beitrag kannte; und es freut mich, dass wir da beide offenbar einer ganz ähnliche Fährte auf der Spur sind…

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