Bolaño Sarmiento

Im Folgenden möchte ich noch einmal auf den zweiten „Spaziergang durch die Literatur“ von Bolaño eingehen. Ich muss dazu einen etwas längeren Umweg nehmen, bitte daher um Geduld. Ein paar der Spuren, denen ich nachgegangen bin, hat Günter auch schon von mir gelegt. Danke! Manchmal habe ich auch spekuliert, weil ich den Weg noch nicht klar genug sehe. Vielleicht klärt sich ja das eine oder andere über eine Diskussion mit euch.

Ich gehe davon aus, dass Roberto Bolaño „Barberei und Zivilisation. Das Leben des Facundo Quiroga“ von Domingo Faustino Sarmiento, erschienen 1845, gelesen hat. 2003, im Juli diesen Jahres stirbt Roberto Bolaño, erscheint „El gaucho insufrible“, also sein letztes, zu Lebzeiten veröffentlichtes Werk. In der deutschen Übersetzung (2006) lautet der Titel: „Der unerträgliche Gaucho“. Das Buch besteht aus 5 Erzählungen und zwei Essays.

Die Titelgeschichte des Buches spielt zu der Zeit als die neoliberalen Heilsversprechen, derer man sich in Argentinien mustergültig hingegeben hatte, wie die berüchtigte Seifenblase zerplatzte und dieses Platzen die schlimmste aller argentinischen Wirtschaftskrisen auslöse. Hauptfigur der Erzählung ist der Rechtsanwalt Manuel Pereda, der meint vor dem Chaos in Buenos Aires auf einen alten Familiensitz in der Pampa fliehen zu können. Doch die Krise hält nicht nur die Stadt, sondern auch das Land im Griff. Wer der Realität nicht zu entfliehen vermag, kann sich nur retten, wer die Realität so vollständig wie möglich verdrängt. Kaum am Ziel, fühlt sich der Protagonist an Borges’ Kurzgeschichte “Der Süden” erinnert und gibt sich der Pampa-Romantik hin, die so rein gar nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat.

Doch die triste Realität des argentinischen Hinterlands beeindruckt den von berufswegen peniblen Rechtsanwalt nicht im Mindesten und er will auch vom Elend der Provinz nichts wissen. Er ist der Meinung Argentinien sei ein Roman und demnach – wie alle Romane – falsch oder zumindest verlogen. Nur die Pampa sei etwas Ewiges. Dabei unterschlägt er gewissenhaft, dass dieser Topos erst vom Schriftsteller Domingo Faustino Sarmiento geschaffen wurde und sich als Floskel, als geflügeltes Wort wohl weiterhin erhalten wird. (aus: http://wolfskreis-lyrics.de/modules.php?name=News&file=article&sid=84)

Ich stimme diesem Teil der Besprechung von „Der unerträgliche Gaucho“ durchaus zu. Er gibt uns einen kleinen Einblick in die Beziehung gerade dieser Geschichte zu dem Buch „Barberei und Zivilisation“ von Sarmiento.

Der Name Sarmiento wird in der deutschen Übersetzung von „El gaucho insufrible“ auf der Seite 41 erwähnt. „Mit wohlklingender Stimme begann sie Verse von Hernandez und Lugones zu zitieren. Laut fragte sie sich, wo Sarmiento sich geirrt haben konnte.“ (S. 41) Sie, das ist eine Psychaterin, die Bebe bei einem Besuch seins Vaters Pereda in der Pampa begleitet. Sarmiento erwähnt diese beiden zitierten, argentinischen Dichter in seinem Buch nicht. Wahrscheinlich handelt es sich um Jose Hernandez (1834 – 1886) und Leopold Lugones (1874 – 1938). Sarmiento erwähnt im zweiten Kapitel von „Barberei und Zivilisation“ Esteban Echeverria (1805 – 1851) und Luis Dominguez (1815 – 1898).

Aber dieses zweite Kapitel könnte uns Aufschluss darüber geben, warum sich die Psychaterin im Zusammenhang mit dem Zitieren dieser beiden Poeten fragt, wo Sarmiento sich geirrt haben könnte. Dieses zweite Kapitel ist überschrieben mit: „Originalität Argentiniens und seiner Charaktere“. Und die hat zu tun mit der argentinischen Poesie. Davon redet Sarmiento auch, zumindest auf den ersten Seiten des zweiten Kapitels. Und da heißt es z. B.: „So liegt ein unerschöpflicher Fundus an Poesie in den natürlichen Gegebenheiten des Landes und den außergewöhnlichen Sitten, die es erzeugt.“ Oder zwei Seiten später: „Aus diesen allgemeinen Sitten und Vorlieben ragen bemerkenswerte Eigenschaften hervor, die eines Tages die einheimische Dramen- und Romanzenliteratur verschönern und um eine originelle Färbung bereichern werden.“ Und genau das möchte, da bin ich mir ziemlich sicher, die Psychaterin in Bolaños Erzählung „Der unerträgliche Gaucho“ mit ihren beiden zitierten Dichtern Hernandez und Lugones überprüfen. Wenn man dann noch weiß, dass Hernandez in der Provinz Buenos Aires und Lugones in der Provinz Cordoba geboren wurden und welche exemplarische Rolle gerade diese beiden Provinzen im siebenten Kapitel von „Barberei und Zivilisation“ spielen, dann dürfte kein Zweifel mehr darüber herschen, dass Bolaño Sarmientos Buch sehr gut gekannt hat und in „Der unerträgliche Gaucho“ sehr geschickt darauf anspielt bzw. es dort verarbeitet.

Im zweiten Kapitel seines Buches „Barberei und Zivilisation“ spricht Sarmiento von der „Originalität Argentiniens und seiner Charaktere“. Sarmiento ist fest davon überzeugt, dass die Landschaft Argentiniens und die sie hervorbringenden Charaktere die Literatur seiner Zeit und besonders die künftige Literatur Argentiniens „verschönern und um eine originelle Färbung bereichern werden.“ (Ich glaube, dass Sarmiento hier von etwas spricht, was Eingang in die Lateinamerikanische Literatur überhaupt gefunden hat.) Im Folgenden spricht Sarmiento dann von vier solcher Charaktere. Es sind: der Gaucho als „Spurensucher“ („rastreador“), als „Wegführer“ („baqueano“), als „böse(r) Gaucho“ („gaucho malo“) und als „cantor“. Ich glaube nun, dass Bolaños „unerträgliche(r) Gaucho“ („El gaucho insufrible“) vom Typ her eine Anlehnung an den „böse(n) Gaucho“ („gaucho malo“) von Sarmiento ist. Und ich glaube nocht etwas anderes: Der Detektiv bei Bolaño hat viel zu tun mit dem Gaucho als „Spurensucher“ („rastreador“) bei Sarmiento. Vielleicht könnte man auch hier von einer Anlehnung sprechen. Warum ich guten Grund zu dieser Annahme habe, kann ich hier nicht ausführen. Da würde den Rahmen hier einfach sprengen.

Aber auf eines möchte ich doch noch hinweisen: Man lese noch einmal den zweiten „Spaziergang durch die Literatur“ von Bolaño aus „Exil im Niemandsland“. Günter Landsberger hat ja hier darüber geschrieben. Ich zitiere: „Wer ist aber mit ‚wir’ gemeint? Der Sprecher dieser Wir-Gruppe, als wie groß und umfassend sie auch immer gemeint sein mag, sieht diese Gruppe, der er, ohne selber hier als Ich in Erscheinung zu treten, offenbar zugehört, in einem andauernden Zustand des Sich-Verirrens und des Sich-Verirrthabens. Der Ort dieser Irrfahrt, dieses In-die-Irregehens wird als ein ‚großer Müllhaufen’ bezeichnet. Wieder stellt sich (…) eine ins Umfassendere gehende Assoziation ein: die vom ‚Müllplaneten Erde’ (…). Eine Parallelbenennung im Text selber gibt es außerdem noch: ‚ein Labyrinth aus Glas und Schlamm’. Darin habe sich die Wir-Gruppe, die hier – in erster Linie metaphorisch gemeint und wohl auch auf die Erkundungsversuche von Schriftstellern bezogen – mit ‚lateinamerikanischen Detektiven’ gleichgesetzt wird, verirrt. Aber noch mehr Synonyme zum ‚Wir’ werden gebildet: Irrgänger, Mörder, Um-Verzeihung-Bittende, Manisch-Depressive, Traumfiguren im vom ‚Vater’ geträumten (großen? umfassenden?) Traum.“

Mit „Wir“, das behaupte ich jetzt einfach und dies doch wohl im Einklang mit Günter, sind lateinamerikanische Schriftsteller gemeint. Diese werden nicht nur gleichgesetzt mit lateinamerikanischen Detektiven. Es werden noch andere Synonyme zum „Wir“ gebildet. Alle Synonyme – vielleicht nicht alle – haben auffällig zu tun mit den vier von Sarmiento aufgezählten Gaucho-Typen. Man merkt das, wenn man den zweiten „Spaziergang durch die Literatur“ von Bolaño aufmerksam liest. (Mögliche Hilfe: Spurensucher = „lateinamerikanische Detektive“, Wegeführer = „gehen in die Irre“, böse Gaucho = „morden und bitten um Verzeihung“ und cantor = Sprecher des Spazierganges, im „Wir“ inbegriffen)

Wenn man alle Synonyme zusammenfasst, diesen zweiten Spaziergang liest und an die Anlehnungen an Sarmiento denkt, geht es ja in dem Spaziergang um den lateinamerikanischen Schriftsteller, der offenbar gescheitert ist. Und zwar gescheitert als ein Geschöpf Gottes, als letztlich dessen „utopische(r) Traum“. Das ist merkwürdig. Übrigens sagt Sarmiento im Zusammenhang mit dem Gaucho als Spurensucher (= Detektiv): „Welch erhabenes Geschöpf hat Gott nach seinem Bilde, als sein Ebenbild geschaffen!“ Davon ist bei Bolaño in seinem zweiten Spaziergang, in seinem Klage-Gedicht – Gedicht mit allen Einschränkungen verstanden! – nicht mehr die Rede.

2 Responses to “Bolaño Sarmiento”

  1. Marvin Kleinemeier

    Ein sehr schöner Artikel, lieber Andreas. Ich werde mich auch noch ausführlicher dazu äußern. Bolaños Geschichte habe ich auch gelesen und lese derzeit Juan Jose Saers “Die Gelegenheit”, die zumindest in der Anlage der ersten Seiten viele Parallelen aufweist.

  2. Günter Landsberger

    @ Andreas Gierth
    Eine sehr interessante, sehr hilfreiche Ergänzung und Ausweitung. Vielen Dank!

Hinterlasse eine Antwort

Basic HTML is allowed. Your email address will not be published.

Subscribe to this comment feed via RSS

twitter-widget.com