Piglia Borges Bolaño

Ein Nachtrag zu „Amuleto“ von Bolaño. 2000 erscheint das Buch „Formas breves“ von Ricardo Piglia, 2006 in deutscher Übersetzung mit dem Titel „Kurzformen. Babylon, Borges, Buenos Aires“. Das Buch enthält 12 sogenannte Kurzformen, eine davon ist betitelt mit „Borges’ letzte Erzählung“. Ich habe mir dieses Buch günstig über Amazon bestellt, Sonnabend hat es die Post geliefert, Sonntag hatte ich diese eine Kurzform über Borges gelesen und heute möchte ich ein paar Leseeindrücke und weitergehende Überlegungen mit Blick auf Bolaño schildern.

Piglia schreibt also über Borges’ letzte Erzählung. Borges veröffentlichte diese Erzählung mit dem Titel „Shakespeares Gedächtnis“ 1983. Was schreibt nun Piglia über diese Erzählung? Borges hätte berichtet, er hätte geträumt, dass ihm in einem Hotelzimmer in Michigan ein Mann ohne Gesicht „Shakespeares persönliches Gedächtnis“ angeboten hätte. Aus diesem Traum sei dann die erwähnte Erzählung entstanden. In ihr würde ein „obskurer Schriftsteller, der sein Leben der Lektüre und der Einsamkeit gewidmet hat, (…) von den persönlichen Erinnerungen Shakespeares bewohnt.“ Ich habe die Erzählung von Borges nachgelesen, so weit stimmt es, was Piglia schreibt. Der Schriftsteller heißt Hermann Soergel.

Piglia zitiert dann im Weiteren ein Stück Text aus Borges’ Erzählung: „Mit dem Verstreichen der Jahre ist jeder Mensch verpflichtet, die wachsende Last seines Gedächtnisses zu ertragen. Mich erdrückten zwei, die sich zuweilen vermischten: meines und das des anderen, unmittelbar.  (…) Zu Beginn vermischten sich die Wässer der beiden Gedächtnisse nicht. Shakespeares großer Strom bedrohte – und vernichtete beinahe – mit der Zeit meinen bescheidenen Bach. Mit Schrecken bemerkte ich, dass ich die Sprache meiner Väter zu vergessen begann. Und da die persönliche Identität auf dem Gedächtnis beruht, fürchtete ich um meinen Verstand:“ Ich habe das Zitat von Piglia natürlich am Original überprüft. Die Klammer (…) stammt von mir. Sie trennt zwei Teile des Zitats, die im Original genau umgekehrt aufeinander folgen. Und im Original findet sich dann genau an der Stelle meiner Klammer noch etwas Text. Aber ansonsten stimmt der Wortlaut, zumindest in meinen deutschen Übersetzungen. Warum Piglia die beiden Teile ungetauscht hat, wird deutlich, wie ich meine, wenn man bemerkt, worauf er hinaus will.

Warauf will er hinaus? Das wird im nächsten satz von Piglia deutlich: „Borges’ Metapher des fremden Gedächtnisses, mit ihrem Beharren auf der Deutlichkeit der künstlichen Erinnerungen, steht im Zentrum der zeitgenössischen Erzählprosa.“ Dieser Satz hat mich stutzig gemacht. Ist „Amuleto“ von Bolaño nicht auch ein solches Stück zeitgenössische Prosa mit eben dieser Thematik? Piglia nennt andere Autoren. Pynchon, Gibson und Phlip Dick. Bei ihnen würden wir die „Zerstörung der persönlichen Erinnerung“ erleben. Haben wir dies nicht auch mit Auxilio Lacouture aus „Amuleto“ erlebt?

Piglias Ausführungen über Borges’ letzte Erzählung und sein Blick auf die zeitgenössische Erzählprosa finde ich sehr hellsichtig. Mit seinen Ausführungen, die ich hier nicht weiter wiedergeben kann und möchte, hat er, dass kann ich hunderprozentig versichern, was z. B. „Die Vergangenheit“ von Alan Pauls angeht, genau ins Schwarze getroffen. Ob er auch bei Bolaño, wie man so sagt, ins Schwarze getroffen hat, möchte ich noch nicht entscheiden. Aber wenn man Piglias Behauptung, Borges’ Methapher über das „fremde(n) Gedächtnis“ stünde im Zentrum der Borges nachfolgenden Erzählprosa, nachgeht und die Erzählung selbst von Borges liest, dann wird man feststellen, wie nah Bolaño bezüglich dieser Thematik Borges stand bzw. steht. (Was diese Methapher und ihren möglichen Zusammenhang mit „Amuleto“ angeht, möchte ich hier nur sehr unvollkommen einige Seiten aus „Amuleto“ angeben: S. 43, S. 53, S. 60, S. 61 und S. 154). Außerdem möchte ich auf verschieden Beiträge verschiedener Autoren auf diesen Seiten zu „Amuleto“ und dem Thema Gedächtnis, Zeit, Geschichte etc. hinweisen.)

Zuletzt möchte ich noch einen satz aus der Erzählung „Shakespeares Gedächtnis“ von Borges zitieren: „Niemanden ist es gegeben, in einem einzigen Moment die Fülle seiner Vergangenheit zu erfassen.“ Das sagt der Held dieser Geschichte, Hermann Soergel. Was hätte wohl Auxilio Lacouture zu diesem Satz gesagt?

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