2666: Die Kritiker, Amalfitano und Fate (Teil II)

Im zweiten Abschnitt des Romans – Der Teil von Amalfitano– steht ebendieser im Mittelpunkt, wir kennen ihn aus dem ersten Teil. Amalfitano ist Chilene, Universitätsprofessor, Philosoph. Er war nach 1973 im argentinischen Exil, dann lebte er in Barcelona. (Wie viel von Bolaño selbst mag in dieser Figur stecken?) Seine Frau verließ ihn und die Tochter Rosa; sie ging und lebte auf der Straße. Wahnsinn war das Ziel. Amalfitano geht mit Rosa nach Santa Teresa an die dortige Universität, und dies ist ein Schritt, den er sich selbst nicht verzeiht. Er führt Gespräche mit einer Geisterstimme (seinem toten Vater), er hat Angst um Rosa.

Amalfiltano findet in seinen Umzugskartons ein ihm unbekanntes Buch: Rafael Dieste, Geometrisches Vermächtnis, das ihn irritiert. Er hängt es schließlich auf der Wäscheleine im verwilderten Garten seines Hauses auf, überlässt es dem Spiel des Windes. (S. 238)

Die Idee stammte natürlich von Duchamp.

(Dort hatten es bereits die Kritiker gesehen, im ersten Teil.)

Rosa Amalfitano rückt immer stärker in den Vordergrund, auch später im dritten Teil des Romans, Der Teil von Fate. Die Geschichte von Oskar Fate, eigentlich Quincy Williams, steht im Mittelpunkt des nach ihm benannten Teils. Er ist Afroamerikaner, Journalist, arbeitet für eine von Schwarzen gemachte und gelesene Zeitung in New York. Fate ist gründlich arbeitender Reporter mit dem Faible für Sozialreportagen. Seine Mutter stirbt in Harlem, Fate wird nach Detroit geschickt, um Barry Seamon, einen Ex-Black-Panther, zu interviewen. (Hier gestattet sich Bolaño Längen, Abschweifungen. Doch wer weiß, vielleicht kommt er später darauf zurück?) Dann muss er für einen ermordeten Sportreporter seiner Zeitung einspringen und von einem Boxwettkampf zwischen einem New Yorker und einem Mexikaner berichten. Der Wettkampf findet in Santa Teresa statt…

Fate lernt rund um den Boxwettkampf andere Journalisten kennen, er wird in das angsterfüllte Fluidum dieser Stadt hineingezogen. Er lernt den Rundfunkmoderator Chucho Flores und seine Clique kennen, darunter den Film-Fan Charly Cruz. Das Gespräch kommt auf David Lynchs Twin Peaks, Analogien zu Santa Teresa lägen auf der Hand. Guadaloupe Roncal, eine Journalistin aus DF (d.i. Mexico City), will einen inhaftierten Hauptverdächtigen für die Morde im Gefängnis interviewen. Sie bittet Fate um seine Begleitung.

Fate lernt Rosa Amalfitano kennen, die gerade im Begriff ist, ihre Beziehung mit Flores zu beenden. Fate verliebt sich; Amalfitano bittet ihn, seine Tochter aus dieser Stadt fortzubringen, sie mit in die USA zu nehmen. Sie fliehen zusammen mit Roncal, fahren in die Strafanstalt. Guadaloupe Roncal sitzt dem Hauptverdächtigen, ein riesenhafter Deutscher, allein gegenüber. Rosa und Fate schauen von Außen zu.

»Fragen Sie, was Sie wollen«, sagte der Riese. Guadaloupe Roncal hob eine Hand zum Mund, als würde Sie ein giftiges Gas einatmen, und wusste nicht, was sie fragen sollte.

Damit ist, auf Seite 428, Der Teil von Fate zu Ende.

arabesken.juergen-luebeck.de

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