Aus dem Übersetzernähkästchen: Faulfleisch-Prosa

Als mir Heinrich von Berenberg die Übersetzung des Romans Estrella distante (Stern in der Ferne) von Roberto Bolaño antrug, wusste ich so gut wie nichts über den Autor. Berenberg hatte als Lektor beim Kunstmann Verlag Bolaño für den deutschen Buchmarkt „entdeckt“ und gerade erst selbst Die Naziliteratur in Amerika übersetzt – meiner Ansicht nach bis heute der beste Landeplatz auf dem Planeten Bolaño, ein Buch, das noch stark den Einfluss von Borges oder, richtiger, von Bustos Domecq, der Verschmelzung von Borges und Bioy Casares, und seinen genialen „Chroniken“ zeigt. Bolaño galt schon damals, vor 10 Jahren, als Geheimtip, und ohne Estrella distante vorher ganz gelesen zu haben, nahm ich den Auftrag an und ging ich mit einer entsprechend hohen Erwartungshaltung an die Arbeit.

Bereits nach wenigen Seiten stellte sich eine gewisse Ernüchterung ein. Mein Eindruck, polemisch überspitzt: Hier wurde Sprache mit einer Nachlässigkeit zu Text verarbeitet, die fast stümperhaft wirkte, hier schien ein Autor am Werk, der unempfindlich war gegen Wortwiederholungen, der mit stereotypen Floskeln um sich schrieb, als käme es nicht in erster Linie auf sprachlichen Ausdruck an. Kurz: Ich vermisste eine Sprache, die ihre Literarizität offen zur Schau trug, eine zum Spiegel gedanklicher Komplexität aufpolierte Sprache, und wurde mit funktionaler Bauhaus-Prosa abgespeist. Entschädigte mich der „Inhalt“ für die schlichte Darreichungsform? Nein, im Gegenteil; das ganze altbackene poète-maudit-Getue, die aufgesetzt wirkende Verschränkung von Künstler und Killer…Bolaño schien mir völlig überschätzt. Aber da ich die nächsten Monate mit ihm auskommen musste, war es unumgänglich, sich zusammenzuraufen; und irgendwann, erst im Zuge der Überarbeitung des Manuskripts, kam ich auf den Trichter. Drei Dinge spielten dabei eine Rolle.

1. Handwerk: Beim Übersetzen stellt man den Text des Originals quasi auf Zeitlupe um, damit einem auch ja nichts entgeht (Bedeutungen, Bezüge etc.), und es gibt Texte, die in dieser Verlangsamung förmlich aufblühen. Nicht so die Texte von Roberto Bolaño. In seiner Prosa skizziert er mehr, als dass er malt; Bolaño benutzt Sprache nicht, um erschöpfend zu beschreiben, sondern um Eckpunkte zu setzen, für sich genommen unerheblich wirkende Linien, Striche, Schattierungen, in deren Konfiguration erst sichtbar wird, worum es ihm geht – das Beklemmende einer Situation, tragische Momente des charakterlich Fiesen, Ängste jenseits der Artikulierbarkeit, fadenscheiniges Glück. Eine solche Konfiguration aber zerfällt wieder in „Punkt Punkt Komma Strich“, sobald man beim Lesen eine gewisse Mindestgeschwindigkeit unterschreitet. Pointiert formuliert: Erst als ich meine eigene Übersetzung laut und zügig las, fing ich an zu verstehen, was ich da übersetzt hatte.

2. It don’t mean a thing: Eine Eselsbrücke war mir das oft unbeholfen anmutende Trompetenspiel von Kenny Dorham, seine seltsamen Soli, technisch scheinbar Lichtjahre hinter einem Clifford Brown zurück, aber in manchen Momenten von einer anrührenden, überirdischen Schönheit, die offensichtlich nicht in den Noten liegt, die er spielt, durch die er manchmal geradezu taumelt, sondern gewissermaßen im Taumeln selbst, in einem permanenten Ausdemgleichgewichtsein, das nur durch seinen insistierenden Vorwärtsdrang den „Sturz“ vermeidet.

3. Abschweifung: Die über den Roman Rayuela von Julio Cortázar verstreuten poetologischen Skizzen eines gewissen Morelli. Wer das Buch zufällig im Schrank stehen hat, sollte einmal Kapitel 94 aufschlagen – und kann sich die Augen reiben (so jedenfalls ging es mir). Kleiner Vorgeschmack: „Eine Prosa kann faulen wie ein Lendensteak […] Meine Prosa verwest syntaktisch und schreitet – mühsam! – zur Einfachheit fort […] Wenn die Komposition an ihre äußerste Grenze gelangt ist, öffnet sich das Territorium des Elementaren.“

Christian Hansen, Übersetzer von 2666

0 Responses to “Aus dem Übersetzernähkästchen: Faulfleisch-Prosa”

  1. Günter Landsberger

    Danke für den „Rayuela“-Hinweis (wie für den ganzen Beitrag); ich schau jetzt gleich nach im Kapitel 94.

  2. Günter Landsberger

    Im Salzburg-Kapitel von „2666“, lieber Herr Hansen, geben Sie das „en la cervecería El Toro Rojo“ des spanischen Originals (S.56) mit der Wendung „im Brauhaus Roter Ochse“ (S.54) wieder, während es in der englischen Übersetzung „at the Red Bull beer Hall“ (S.37) heißt. Für mich als einem in Salzburg Geborenen und mit Dortigem etwas Vertrauten sind diese drei Varianten im Nebeneinander recht interessant. Die englische Übersetzung lässt den Fußballclub „Red Bull Salzburg“ assoziieren und die ihn sponsernde gleichnamige Getränkefirma (wiewohl keine Brauerei! / die größte Brauerei in Salzburg wäre Stiegl, gegründet 1492 im Jahr der Wiederentdeckung Amerikas durch Columbus). Ihre Version gemahnt an in Deutschland und in Österreich häufiger vorkommende Gasthausnamen: In Salzburg Stadt gibt es meines Wissens zwar in der Realität keinen Gasthof dieses Namens, wohl aber in Abtenau (Salzburg Land). (Von einem Wiener Gasthaus „Zum Roten Ochsen“ spricht schon Johann Peter Hebel in seiner Kalendergeschichte „Der silberne Löffel“.) Wollten Sie mit Ihrer Übersetzung unterschwellig auch eine Anspielung auf das berüchigte Stasi- (und früher schon Gestapo-) Gefängnis „Roter Ochse“ (in Halle) ermöglichen? Mit dem Wechsel von „Stier“ (toro) zu „Ochse“ geht allerdings gegenüber dem Original auch etwas verloren. Ein in Salzburg Geborener, dessen Vorfahren seit Generationen ebenfalls aus Salzburg stammen, wird in Salzburg traditionellerweise als „ein (echter) Stierwascher“ bezeichnet, was letztlich auf einen (erzählbaren) Vorgang bei der Belagerung der Festung während der Bauernkriege zurückweist: Die Belagerten täuschten genügend Nahrung vor, indem sie ihren einzig noch verbliebenen Stier im Wechsel färbten und abwuschen, und mehrmals wieder neu färbten und immer wieder abwuschen; und dieses Tier auch jeweils sichtbar an der Mauer ausstellten. (Übrigens: Die alte Orgel auf der Festung hat den Namen „Salzburger Stier“.)

  3. Christian Hansen

    Vor Ihnen, lieber Herr Landsberger, ist aber auch keine übersetzerische Eigenmächtigkeit sicher… Vielleicht darf ich jedoch die Gelegenheit nutzen, etwas Grundsätzliches zur Arbeitsweise zu sagen. Bolaños Sachkenntnis auf den denkbar abseitigsten Gebieten ist eindrucksvoll genug, was einen als Übersetzer aber zur Verzweiflung treiben kann, ist, dass er gleichzeitig programmatisch die Vermischung bzw. die Ununterscheidbarkeit von Faktizität und Erfindung betreibt. Man denkt, das kann ja wohl nur erfunden sein, und siehe da, nein, es existiert wirklich; andere eher wahrscheinliche Dinge, Straßennamen in Berlin etwa, stellen sich als „ohne Not“ erfunden heraus. Zwei persönliche Einschätzungen dazu. Bolaños stupende Kenntnisse verdanken sich überwiegend einer in allen Bücherwäldern wildernden Lektüre, die sich von Jugend an um so etwas wie einen literarischen Kanon nicht geschert hat. Ich bin nicht sicher, glaube aber nicht, dass Bolaño je in Salzburg war; so wenig wie übrigens in Santa Teresa alias Ciudad Juárez. (Auf eigene Irrtümer konnte er als Autodidakt dennoch sehr empfindlich reagieren.) Zweitens ist für den Übersetzer ohne Auskunft seitens des Autors (und auch dabei setzte Bolaño oft noch sein mystifikatorisches Spiel fort) nicht zu entscheiden, was er mit einem Eigennamen bezweckt: faktische, historische oder landeskundliche Genauigkeit oder ästhetisch-lautliche Gestaltung oder symbolisch-motivische Subtexte… Im vorliegenden Fall habe ich mich an zweierlei orientiert: An der von Ihnen erwähnten realen und literarischen Tradition von Gasthäusern mit Ochsennamen. Und an der vom Original vorgegebenen „Vokalharmonie“ (Toro Rojo / Roter Ochse), an der sich übrigens auf ihre Weise auch die englische Übersetzung orientiert (als Wechsel von hellem und dunklem Vokal). Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass Toro Rojo einer Übersetzung von Roter Ochse aus irgendeiner dt. oder österreichischen Vorlage ins Spanische entspringt – denn eine Namensfügung wie Buey Rojo im Spanischen wäre völlig undenkbar, sachlich – wie bei uns der Ochse assoziativ fruchtbar ist, so im Spanischen eben der Stier – und ästhetisch – Toro Rojo besteht wie gesagt die poetische Tauglichkeitsprüfung für einen Gasthausnamen, Buey Rojo leider nicht (zumal nicht für einen Lateinamerikaner, für den buey semantisch noch ganz anders eingespannt ist…).
    Ihre spannenden Salzburger Assoziationen finde ich aber großartig! Ob sie nun durch das Original (oder die Übersetzung) gedeckt sind, ist mir und wäre sicher Bolaño schnurz; diese Form der Vermehrung ist die den Texten naturgemäße Art der Fortpflanzung, denke ich!

  4. Günter Landsberger

    Herzlichen Dank, lieber Herr Hansen, für Ihre ausführliche und für mich plausible Antwort. – Dass ich mich auch gefragt habe, welches Hotel in Salzburg denn mindestens sechs Stockwerke hat, erwähne ich jetzt nur noch am Rande. Hier war ja Bolaño vorsichtig genug, keinen Namen zu geben. Vor allem zwei von den in Salzburg in solcher Gebäudehöhe kaum vorhandenen Hotels fallen mir dennoch ein: Das gleich an der Salzach nahe Kapuzinerberg und Staatsbrücke gelegene Hotel Stein (nach dem 2. WK amerikanisch) und das Hotel Europa in Bahnhofsnähe (der Nachfolgebau des im Krieg zerstörten Hotel Europe, das im Krieg der Sitz des deutschen Generalkommandos war).

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