Aus dem Übersetzernähkästchen: Syntax, nicht Worte (S.30-36)

Ursprünglich als Kommentar zu diesem Beitrag gepostet:

Hallo Marvin, eine schöne, verschwenderische Abschweifung!
Was den angesprochenen Satz mit Überlänge betrifft – meines Wissens ist er tatsächlich Bolaños längster –, so war das natürlich eine besondere Herausforderung, denn für den zeit- und raumübergreifenden Erzählfluss musste eine Syntax gefunden werden, die möglichst weiche Übergänge ermöglicht, damit der Leser diese unmögliche Reise übersteht. Syntax ist ja, vereinfacht gesprochen, die Ordnung, in die “Inhalte” gebracht werden müssen, damit sie von den Spracherkennungsprogrammen, die man uns in unserer Kindheit (auf kleinerer Flamme ein Leben lang) mühsam auf unsere biodynamischen Festplatten paukt, möglichst fehlerfrei und energiesparend entziffert und in den Arbeitsspeicher (hieß früher Bewusstsein) geladen werden können.

Anders als manche meinen, besteht die Welt, wie wir sie wahrnehmen und verstehen, nicht vorrangig aus Worten (Shakespeare, Hamlet, II, 2), sondern vor allem aus einer bestimmten Syntax. Und die ist von Sprache zu Sprache verschieden. Syntax, nicht Worte, sind das Hauptarbeitsfeld des Übersetzers. Warum ich so weit aushole: Man könnte in dem Satz eine poetologische Parabel sehen. Er führt vor, wie Sprache Bilder der Wirklichkeit erschafft, die durch syntaktische Mittel laufen lernen – eine Kamerafahrt der phantastischen Art: Sie nimmt ihren Ausgang im Jahr 1995 in Amsterdam, springt von dort in die Zeit kurz nach dem zweiten Weltkrieg, fröstelt sich durch ein winterliches ostfriesisches Städtchen, um sich noch weiter, bis ins Jahr 1927 oder 1928, vorzuarbeiten, ein Kreuzfahrtschiff zu besteigen, den Atlantik zu überqueren und in einer apokalyptisch anmutenden Szenerie Argentinien zu erreichen (Viehstall und Schlachthaus der Welt), in Buenos Aires (als dem zugehörigen Verladehafen) anzulanden, von dort ein Landgut außerhalb der Stadt anzusteuern, ein Reitduell auszutragen, in die Stadt mit seinen mondänen Festen zurückzukehren, den Atlantik in umgekehrter Richtung zu überqueren, um schließlich wieder beim “Fischer und siner Fru” am Kneipentisch zu sitzen.

Und der Leser macht alles mit, ohne Jetlag und in erzählerisch durchmessenen 80 Jahren um nur ca. 15 Minuten gealtert. (Julio Cortázar hat in einer seiner besten Erzählungen die phantastische Vorlage dazu geliefert: Der andere Himmel: Dort betreten Sätze eine Passage im Buenos Aires der vierziger Jahre und kommen in einer Passage im Paris des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts wieder heraus.) Ein paar konkrete Beispiele für die sprachlichen Scharniere, die diese raumzeitliche Beweglichkeit ermöglichen und die im Spanischen andere sind als im Deutschen, nämlich häufig Partizipien und Gerundien, die dort sehr elegant ganze Nebensätze überflüssig machen, während sie im Deutschen oft rostig quietschen. An die Stelle solcher Verbalkonstruktionen treten bei uns mal Substantive (descontando los gastos de transporte – wörtlich: die Reisekosten davon abziehend; viel lässiger: nach Abzug sämtlicher Reisekosten), mal die heimlichen Superstars unserer Sprache, die Modalpartikel (diríase que se pegaba al cuello de su caballo – wörtlich: man würde sagen, er klebte am Hals seines Pferdes; viel eleganter: er klebte förmlich am Hals seines Pferdes)…

Wahrscheinlich will das aber so genau kein Leser wissen, daher mache ich mein Nähkästchen erst einmal wieder zu.

4 Responses to “Aus dem Übersetzernähkästchen: Syntax, nicht Worte (S.30-36)”

  1. Yvonne Berardi

    An keiner Stelle Ihrer wunderbaren Übersetzung dieses langen Satzes quietscht das Deutsche rostig. Als ich zu lesen begann, nahm mich die Geschichte der Witwe sogleich gefangen. So sehr folgte ich ihrer Erzählung, dass ich den eigentlichen Anlass diese Episode zu erzählen, nämlich die Begegnung des Schwaben mit Archimboldi, aus den Augen verlor. Und obwohl es ausgerechnet ein Schwabe ist, der auf diese Weise eine Geschichte erzählt, ist es ein sehr lateinamerikanischer Erzählfluss. Einer, der ohne Punkt und Komma mäandert, hierhin (Archimboldis Lederjacke) und dorthin (Pferderennen in Argentinien) fließt und schließlich zum eigentlichen Anlass zurück kommt. Ihre deutsche Übersetzung dieser Episode klingt als würde ein Lateinamerikaner sprechen. Ausgezeichnet!
    Und dann hat mir „Knilche“ als Übersetzung für „pinches“ sehr gefallen und dass Sie „Híjole“ stehen ließen ebenso.

  2. mediokra

    Werter Herr Hansen,
    Sie schreiben: „Wahrscheinlich will das aber so genau kein Leser wissen, daher mache ich mein Nähkästchen erst einmal wieder zu.“
    Doch, ich finde das sehr interessant und erfahre gerne mehr darüber!
    Schließlich ist es Ihr Verdienst, dass das Buch sich auch im Deutschen gut liest.

  3. Christian Hansen

    Über Ihr Vergnügen am Text, liebe Yvonne Berardi, habe ich mich sehr gefreut, nur bei dem Lob, der Text lese sich, als würde ein Lateinamerikaner ihn sprechen, bin ich leicht zusammengezuckt. Mit dem gleichen Zwirn vernäht man nämlich auch die kehrseitige Kritik, die da lautet: Eine Übersetzung klinge doch sehr englisch, französisch, spanisch etc. Womit man sagen will, das Übersetzen ans deutsche Ufer habe auf halber Strecke Schiffbruch erlitten, da wate einer noch hüfttief durch fremdes Sprachgewässer. Erneut Gelegenheit, bis zum Ellbogen im Nähkästchen zu grabbeln (hallo, liebe/r mediokra!) und dabei Gefahr zu laufen, mit der einen oder anderen ungesicherten Stopf- oder Nähnadel handgemein zu werden. Ich fange mal beim Allgemeinsten an, umschrieben mit dem so bekannten wie fiesen italienischen Wortspiel traduttore-tradittore (Übersetzer-Verräter), das ja einen wahren Kern besitzt; Übersetzer sind zwielichtige Gesellen, Diener zweier Herren, Doppelagenten, von denen niemand weiß, wo ihre Loyalitäten tatsächlich liegen. Wollen sie dem Original eine sprachliche Rosskur verpassen, die ihm bis in die landeskundlichen Ritzen das Fremdländische austreibt, um es, mit den eigenen literatursprachlichen Wassern gewaschen, unerkannt als Deutschländer unter Deutschen wandeln zu lassen? Eine solche Übersetzung erfüllt meist die Redensart „Operation gelungen, Patient tot“. Oder sind sie dem Original blind ergeben, lassen es so unangetastet wie möglich, tauschen nur behutsam, oft etymologisch anbiedernd, den Wortbestand aus und unterwandern ihre eigene Sprache mit fremder Redensartigkeit? Abgesehen davon, dass dies oft nur ein Deckmäntelchen für Billig(lohn)übersetzung darstellt, macht das am Ende des Tages nur Sinn(!), wenn Sprache und Kulturkreis des Originals schon soweit vertraut sind, dass der Buch-User wegen dem, was er da liest, den Übersetzer nicht für total strange hält. Jetzt könnte man diplomatisch empfehlen, einfach den Mittelweg einzuschlagen. Blöderweise gibt es den nur theoretisch, praktisch ist man meist mal hüben, mal drüben. Und auch die theoretische Mitte verschiebt sich je nach kulturpolitischer Großwetterlage.

    Konkret zu 2666. Híjole. Das ist im deutschen Text natürlich viel fremdkörperlicher als im spanischen. Allerdings ist die Situation auch vertrackt: Bolaño versucht, vor allem in den Teilen 2-4, ein innerspanisches und sogar innermexikanisches Sprachrelief zu erzeugen, indem er u.a. chilenisches, DF-mexikanisches, nordmexikanisches und katalanisch infiziertes Spanisch voneinander abgrenzt bzw. entsprechende Markierungen einstreut. Bei Híjole zirpen auch den meisten deutschen Lesern ganze Mariachi-Kapellen im Kopf, andere Formulierungen, die den mexikanischen Hauptstädter sprachlich entlarven, würden untergehen, wenn man sie nicht in deutschen Soziolekt überführte; Einige Nordmexikanismen durften stehenbleiben – da schaut der Mexikaner aus DF genauso in die Röhre wie der deutsche Leser. Viel schwieriger die Niederungen des Sprachtransfers: landeskundliche Realia (Straße, Platz, Herr, Frau, Fräulein etc.) oder Eigennamen… Der mexikanische Gewährsmann für den Hinweis auf Archimboldis Anwesenheit in Mexiko trägt den knuddeligen Spitznamen „El Cerdo“, wörtlich „Das Schwein“. Sicher steht El Cerdo auch in Mexiko nicht ganz oben auf der Kosenamenliste, aber so unvorteilhaft wie unser „Schwein“ steht es dem Träger dann doch nicht. Vor allem aber macht der vorangestellte Artikel (oder alternativ Don oder Doña) Probleme – zum Verzweifeln! Das „El“ oder „La“ setzt noch dem unangenehmsten Epitheton gewissermaßen einen Helmbusch auf. El Bigote, auch so ein Fall; den könnte man flugs als „Schnäuzelchen“ auf die deutschen Leser loslassen – und hätte den Burschen damit auratisch kastriert. Also lässt man Spitznamen meist stehen; aber was, wenn der Leser deren konkrete Bedeutung kennen muss, um gewisse Anspielungen zu verstehen? Irgendwann im vierten Teil sagt zB ein Opfer mit letzter Kraft, der Täter habe ein Gesicht gehabt wie ein Schwein…

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