Biancas erster Weiße-Nacht-Traum

FETZEN 69/II – Biancas erster Weiße-Nacht-Traum

Dass die beiden wie durch einen Urknall jäh verwaisten Geschwister – an ihren nun und fortan glühend weißen Gesamttagen (ohne den bisherigen und für andere nach wie vor üblichen Tag-und-Nacht-Kontrast) – Tagträume haben, lässt uns die Ich-Erzählerin Bianca schon im ersten Kapitel des Lumpenromans wissen (S.12); und ganz nebenbei wird festgehalten, dass nur des Bruders Tagtraum entschieden als Zukunftstraum zu bezeichnen sei, ihr eigenes Zeitverständnis  sich jedoch bereits verwandelt hat: sie scheint, gleichsam zukunftsindifferent, nur mehr in einer gegenwartsverhafteten Naherwartung zu leben, nur noch so etwas wie eine Art Ausweitung der Gegenwart zu erwarten. (S.14) Heißt das: Bianca lebt jetzt nach der Devise: Sorge dich nicht um den morgigen Tag?

Im 2. Kapitel erzählt Bianca, wie sie während eines neuerlichen Pornofilms, den ihr Bruder zum  Liebe-Lernen, wie er eher technisch Prozedurales meinend ungefähr sagt, ins Haus gebracht hat, beim gemeinsamen Schauen einschläft und einen Traum hat. Und diesen Traum, in dem sie eben nicht  von (dem zeitlich parallel als Videofilm weiterlaufenden und vom Bruder wohl noch weiter voyeuristisch verfolgten „Schweinkram“) geträumt hat,  gibt sie nun ausführlich und in seiner ganzen Merkwürdigkeit wieder. Bianca findet sich in diesem Traum als eine in der Wüste (!) schon halb Verdurstete. Nur ein weißer (!) Papagei ist bei ihr. Der befindet sich auf einer ihrer Schultern, wird immer schwerer, kann angeblich nicht fliegen. Mit gefühlten 5 Kilogramm  lastet er groß auf ihr und verlässt sie nicht, solange sie noch einen Rest von Leben in sich hat. Zwischendurch macht er ihr immer wieder Mut:  „Halt durch, Bianca“ (S.18)! (An die ausdauernden Selbstermutigungen einer anderen Ich-Erzählerin bei Bolaño fühle ich mich da ein wenig erinnert: an die von Auxilio Lacouture aus dem hier bei uns schon ausgiebig besprochenen Kurzroman „Amuleto“.)

„Wüste“ und drohendes „Verdursten“ – das einschlägige Zitat zur aktuellen Situation von  „Wahrheit“ (in einem emphatischen Sinn) aus der Vorrede von Hegels „Phänomenologie des Geistes“ stellt sich assoziativ in mir ein; ebenso assoziiere ich die Bedeutung der „Wüste“ als symbolische Metapher bei Nietzsche, aber auch die ähnliche in Bolaños großem Roman „2666“. In der Nietzscheschen Eis- und Schneewelt von „Vereinsamt“ wurde die Krähe zum Wüstenvogel, wie der Sache nach auch schon zuvor bei Wilhelm Müller und  Franz Schubert im Zyklus der „Winterreise“; in „2666“ wird der imaginäre Simurgh von Jorge Luis Borges zum „Simurgh der Wüste“ und hier im „Lumpenroman“ wird symbolhaft zum Wüstenvogel der exotische Papagei,  traumhafter Lebens- bzw. Sterbebegleitvogel durch die Wüste bis hin zum Tode. Weiß ist dieser Papagei und groß, seine Unfarbe passt zum Namen Bianca und zur weißen Nacht und zur „Weißglut“ (S.15) des totalen Tages.

Darf man bei ihm auch an die Papageien bei Heinrich Heine („Vitzliputzli“) und Gustave Flaubert („Ein einfaches Herz“) denken? Oder vielleicht doch fast mehr noch an den Papagei bei Daniel Defoe, als den ersten annähernd sprachfähigen Begleiter des durch Schiffbruch vorerst isoliert lebenden Robinson Crusoe?

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