Carlos und Erigone

Also weiter in diesem erzählten inneren Monolog einer Frau auf der Toilette. Auxilio steigt in die griechische Mythologie herab, in der ich kein Experte bin: Homers Mörderpfuhl und Schatzkiste Sigmund Freuds. Sie besucht den Maler Carlos Coffeen Serpas, ein attraktives Müttersöhnchen Lilians? Er scheint mal mordender Orest und dann fast wieder zu bemitleidender, inzestuöser Liebhaber und Vergewaltiger zu sein. Erigone, die Schöne, symbolisiert wohl so etwas wie eine traurige Liebe, die der Gewalt begegnet. Wie gesagt, griechische Geschichte ist zu groß für mich. Sieht Auxilio bei der Beschreibung seiner Künstlerhöhle und seiner nichtssagenden Zeichnungen nicht auf diesen Schatten seiner Mutter herab und ist doch auch von ihm angezogen? Von der „Niederkunft der Geschichte“ (S. 135) träumt Auxilio. Manchmal muss man, um die griechische Geschichte endlich zu einem Ende zu bringen, schon weiter lesen. Auf einer Fahrt zum Operationssaal, die mich an die Fahrt im Aufzug  aus „Literatur + Krankheit = Krankheit“ erinnert („Der unerträgliche Gaucho“, S. 142 ff, dort wird auch viel mit den Griechen verglichen) ist von der Todesangst, aber auch davon die Rede, dass Eile geboten ist, um diese Geschichte im doppelten Sinne zu gebären. Geschichten werden nämlich nur zeitnah (ein schönes Unwort aus dem Personalmanagement) geboren, sonst versteht sie niemand mehr und Auxilio gebiert ihr Baby, ihre ureigene Erinnerung an das schreckliche Massaker 1968 in Mexikos Hauptstadt.

Ein anderes Thema: Warum habe ich den Eindruck, doch wenig wirklich Biographisches von Auxilio zu hören? Ihre Gedanken scheinen sich auf andere, ihr ähnliche Personen zu richten. Sie ist zwar selbstreflektierend und erzählt auch von ihren Gefühlen, aber über ihr tatsächliches Leben erfahre ich nur Weniges. Wie ein Blogger das Internet durchzieht oder ein Suchroboter, so streift Auxilio durch die Zeit und sammelt ihre Eindrücke, aber aus Gründen der Geheimhaltung oder um im Bild zu bleiben, des Datenschutzes, sagt sie nur wenig über sich selbst und ihren Lebenslauf. Sie bleibt eine Art träumende und halluzinierende Papierfigur. Andere Literaten und Künstler geben ihr scheinbar Leben, aber gleichzeitig ist sie auch deren Retterin und Mutter.

3 Responses to “Carlos und Erigone”

  1. Günter Landsberger

    Auxilio Lacouture eine bloße „Papierfigur“? –

    Wirkt sie denn so papieren und nicht lebendig?
    Ist sie denn nicht als durchweg lebendig Erzählende der lebendige Geist der Erzählung?
    Ja vielleicht sogar der der „Geschichte“ im doppelten Sinne?

    Dass ihre Geschichte lateinamerikanisch exemplarisch gemeint ist, wird auch wie nebenbei deutlich, schon im 1. Kapitel, dem Keim des Ganzen:

    „Fest stand, daß die Blumenvase nun einmal dort thronte, obwohl sie auch in einem offenen Fenster in Montevideo hätte stehen können oder auf dem Schreibtisch meines Vaters, der schon so lange tot war und den ich fast schon vergessen hatte, im alten Haus meines Vaters, Doktor Lacouture, ein Haus und ein Schreibtisch, die auch schon hinter dem Schleier des Vergessen verschwunden sind.“ (S.15f.)

  2. Jürgen Lübeck

    Ich tendiere die Einschätzung der Figur Auxilio Lacouture betreffend auch zur Meinung von Herrn Hillebrandt, möchte das aber eigentlich bis zur „Gesamtschau“ zurückstellen.

  3. Günter Landsberger

    Welche davon abweichende Meinung habe ich denn geäußert? Ich habe mich ganz bewusst nur am Ausdruck „Papierfigur“ gestoßen, den ich auch von der Gesamtschau her nicht benutzen würde – ohne jetzt – einverstanden! – schon weiter darauf einzugehen zu wollen.
    Ich selber hatte früher schon einmal für Auxilio den Ausdruck „Rollenfigur“ gebraucht. Vielleicht dürfte man sie sogar als Person bezeichnen; von lateinisch „personare“ = durchtönen; aber wer oder was ist es, was in ihr als Figur oder Person durchtönt? Ist sie selber nicht viel mehr als eine – dem Autor sei Dank – Ich sagen dürfende Erzählstimme?

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