Aira – Die Erzählmaschine

„Wenn es derzeit einen Schriftsteller gibt, der sich jeglicher Einordnung entzieht, dann ist das César Aira. Er ist ein Exzentriker, aber auch einer der drei oder vier besten Schriftsteller der heutigen Zeit in spanischer Sprache“ – nur wer weiß, wie rigide Roberto Bolaño in der Kritik seiner literarischen Kollegen war, kann ermessen, welche Anerkennung er dem 1949 in Coronel Pringles (Provinz Buenos Aires) geborenen Argentinier mit diesen Sätzen zuteil werden ließ. Und tatsächlich handelt es sich bei Aira um ein literarisches Phänomen, das permanent auf der Flucht vor den üblichen Kategorien der Gegenwartsliteratur zu sein scheint. Ab 1967 als Übersetzer in Buenos Aires lebend, veröffentlicht Aira 1975 mit Moreira seinen ersten Roman – der Auftakt zu einem heute kaum noch überschaubaren Werk. Über 60 Veröffentlichungen weist seine Bibliographie seitdem auf, die Mehrzahl davon Romane, von denen die „Erzählmaschine“ Aira mitunter drei bis vier pro Jahr verfasst und veröffentlicht.

„Alle meine Bücher sind Experimente“, bekennt Aira, der seine literarische Position folgendermaßen auf den Punkt bringt: „Mein Motto bleibt der berühmte Vers Baudelaires: Vorwärts streben und immer auf der Suche nach dem Neuen.“ Tatsächlich lassen sich in Airas Büchern immer wieder Parallelen zu den Avantgarde-Bewegungen des 20. Jahrhunderts finden, wie beispielsweise das „automatisierte Schreiben“ der Surrealisten, das für Aira in etwas abgeschwächter Form zum Kompositionsprinzip seiner Literatur wird: „Ich gehe von einer Geschichte aus, von etwas, das plötzlich auftaucht und mir attraktiv erscheint, anregend oder zumindest genießbar, und dann starte ich im Blindflug, ich weiß nicht genau, wohin sich der Text bewegen wird.“ Improvisation als höchstes Prinzip – das charakterisiert Airas Literatur und sorgt dafür, dass Spreu und Weizen in seinem umfangreichen Werk mitunter nah beieinander liegen, was den Autor selbst in seiner Methodik allerdings nicht anficht. „Wozu noch ein gutes Buch schreiben? Es geht darum, etwas Neues zu erfinden, einen neuen Wert erfinden, von dem aus man das Gute hinsichtlich neuer Paradigmen beurteilen kann, die ein bestimmter Schöpfer etabliert hat. Das, so scheint es mir, ist die Essenz des Schaffens.“

Es mag diese Radikalität Airas sein, die bisher dafür gesorgt hat, dass dieser in der literarischen Welt so hoch geschätzte Autor es bisher nie vermochte, außerhalb dieser Welt Zugang zu einem größeren Lesepublikum zu finden. Doch scheint er darüber nicht sonderlich unglücklich zu sein. Auf die Frage, ob er denn eine Vorstellung von seinem Publikum habe, antwortete Aira in einem seiner eher seltenen Interviews mit der taz vor einigen Jahren: „Es sind Leute, die sich nicht nur für Literatur, sondern auch für die Mechanismen, mit denen Literatur gemacht wird, interessieren. Mir würde es besser gefallen, ein „normales“ Publikum zu erreichen. Aber nein, es sind Professoren, Akademiker.“ Ebenso ins Bild passt die Tatsache, dass Aira, mittlerweile selbst Mitglied in den Jurys angesehener Literaturwettbewerbe, nie einen wirklich bedeutsamen Literaturpreis erhalten hat. Und auch wenn Carlos Fuentes vor einiger Zeit bekundete, er stelle sich Aira „als den ersten argentinischen Nobelpreisträger“ vor, zieht es der Gelobte vor, auch weiterhin einen bedeutenden Teil seiner Bücher in kleinen Verlagen wie Eloisa Cartonera zu veröffentlichen statt zugunsten einer größeren Verbreitung künstlerische Kompromisse einzugehen.

Denn soviel ist sicher: Zur Marketingmaschine taugt die sperrig-stampfende Erzählmaschine César Aira nicht. Und das ist auch gut so.

Benjamin Loy ist 23 Jahre alt, studiert Hispanistik und Germanistik in Saarbrücken und hat in den letzten Jahren insgesamt zwei Jahre in Santiago de Chile gelebt (Studienaufenthalte, Praktika, etc.). Ansonsten arbeitet er als freier Mitarbeiter von Zeit zu Zeit für verschiedene Medien, u.a. für Spiegel-Online, Saarbrücker Zeitung und die Lateinamerika-Nachrichten.  Er ist ein begeisterter Anhänger der lateinamerikanischen Literatur, vor allem der zeitgenössischen, die ihm unserer heimischen gegenüber doch bis auf wenige Ausnahmen als sehr viel origineller und spannender erscheint, siehe nur das Beispiel Bolaño.

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