Der gefallene Engel

Der gefallene Engel von Timo Berger

Ich bin Roberto Bolaño nie begegnet. Einmal schrieben wir uns, um ein Interview in Zürich zu vereinbaren – doch Roberto kam nicht, ich wartete vergeblich im Café Altstadt in der Kirchgasse 4, bis mich ein chilenischer Literaturprofessor, der eigentlich Bolaños Lesungen in der Alpenrepublik organisiert sollte, aufklärte: Robertos war am Flughafen in Barcelona aufgehalten worden: Sein Pass war nicht mehr lange genug gültig, um in die Schweiz einzureisen. Wir schrieben den November 2002, etwas mehr als ein halbes Jahr später war der chilenische Schriftsteller, der in Spanien lebte, tot.

Seine Werke sind mir zum ersten Mal 1998 in Argentinien begegnet: Cecilia Manzoni gab an der Universidad de Buenos Aires im Rahmen des Kurses „Literatura Latinoamericana II“, der sich in jenem Semester dem Verhältnis von Geschichte, Historiografie und Literatur widmete, mehrere Stunden über „La Literatura Nazi en América“ (Die Naziliteratur in Amerika) und „La estrella distante“ (Der Stern in der Ferne). Auch wenn die meisten der in dem Kurs vorgestellten Bücher spannend waren – ich erinnere vor allem an „Redoble por Rancas“ des Peruaners Manuel Scorza, an Mario Vargas Llosas’ reécture von Euclides da Cunhas’ Roman „Os Sertões“ in „La guerra del fin del mundo“ (Der Krieg am Ende der Welt) oder an das Buch eines puertoricanischen Schriftstellers über die Schwierigkeiten seines Landes einen von den USA unabhängigen Weg zu einzuschlagen – so war es doch Bolaños fiktive Enzyklopädie, die mich am meisten faszinierte.

Ich erstand das Buch ein paar Monate später in der Casa Matriz in der Calle Huérfanos in Santiago für 8.990 chilenische Peso – damals ein Vermögen. Es war die aus Spanien importierte Ausgabe in Klappbroschur von Seix Barral – mein zweites in Chile gekauftes Bolaño-Buch sollte ein wesentlich günstigerer Raubdruck von „La novela lumpen“ werden. Die spanische Ausgabe zierte ein unspektakuläres Pastellgemälde des belgischen Künstlers Léon Spillaert von 1913: „La amazona“, ein Mensch mit großen Augen Hut, der den Betrachter direkt anstarrte. Der Titel von Bolaños Buch dagegen sprach auf den ersten Blick überhaupt nicht an. Ohne die Vermittlung von Cecilia Manzoni hätte ich nie zu dem Buch gegriffen. In ihrem Kurs rückte sie das Werk in eine Reihe mit Marcel Schwob und Jorge Luis Borges: Beide hatten sich mehr oder weniger fiktive Biografien geschrieben. Der Franzose Schwob 1896 seine „Vies Imaginaires“ (Imaginäre Lebensläufe), in denen er die Lücken in Biografien historischer Figuren mit seiner Vorstellungskraft füllte, der Argentinier Borges hatte in „La historia universal de la infamia“ (Der Universalgeschichte der Niedertracht) wahre Geschichten für ein Kompendium des Bösen ausgeschlachtet.

Borges hat Bolaños falsche Enzyklopädie vielleicht am meisten beeinflusst: Im Grunde genommen ist sie eine wahre falsche Universalgeschichte der Niedertracht. Es liegen ihr keine Biografien tatsächlicher Personen der Zeitgeschichte zugrunde – doch gelingt es Bolaño auf meisterhafte Weise, den Leser und die Leserin so in den Bann zu schlagen, dass er und sie die von ihm vorgestellten apokryphen Dichter und gewissenlosen Schriftsteller, die Werk und Wirken in der Welt – ganz politisch (nur nicht politisch korrekt) – in Beziehung setzen und so oft selbst zu Tätern werden, Nazis avant und auch lange nach den léttres, als wahre, glaubhafte Figuren dargestellt. Der Schauder auf dem eigenen Rücken ist echt: in der Tat, so wie Bolaño schreibt, zusammenfasst und lexikalisch räsoniert, könnte es sich zugetragen haben. Wenn man das Buch zuklappt, sind die heraufbeschworenem Schreckgestalten noch lange nicht aus dem Leben verschwunden. Man dreht sich jäh um und befürchtet das Schlimmste. Doch die perverse Faszination des Bösen ist der Impuls, der einen Seite um Seite verschlingen lässt. Vielleicht ist das Wort Lesegenuss unangebracht. Es geht eher um Schadensbegrenzung, Voyeurismus, solange es mich nicht trifft, lese ich weiter.

Am Packendsten ist – und das erklärt auch, warum Bolaño sich nach der Veröffentlichung für ein Weiterschreiben eines Lexikoneintrags in der Novelle „Der Stern in der Ferne entschied – das letzte Kapitel der „Der Naziliteratur in Amerika“ (vor dem durchaus lesenwerten Anhang): „Rámirez Hoffman, el Infame“ (Ramirez Hoffman, der Niederträchtige) überschrieben – verweist es zum einen ungeniert auf Borges, zum anderen ist hier eine rasante Geschichte erzählt über den Künstler, der in Versuchung geführt wird, und sich für das Böse entscheidet, um ein vermeintliches Gesamtkunstwerk zu schaffen. Die Kunst wird so zur Fratze, die in den Himmel geschriebenen Gedichte von Ramírez, oder von seinem Widergänger in „Der Stern in der Ferne“ Carlos Wieder, sind die Vorausdeutungen eines bestialischen Endes. Hier schreibt ein Künstler zuerst mit Rauch, dann mit Blut.

Die existentielle Einsamkeit des Künstlers ist ein Thema, das sich durch das Werk von Bolaño zieht, zum anderen sind da aber auch die Brücken, die durch den bisweilen – und in den beiden hier behandelten Werken besonders makaberen – Humor gebaut werden. Wir kommen nicht umhin, Bolaño mit einem ironischen Lächeln auf den Lippen zu denken. Er hätte den Kult, den mittlerweile junge Schriftsteller in Lateinamerika, Spanien und den USA um ihn treiben belächelt – vielleicht aber auch als Bestätigung für seinen unerschütterlichen Glauben an sein eigenes Schreiben zu werten, das es ihm wert war, die Gesundheit aufs Spiel zu setzen.

„Literatur und Krankheit“ ist einer seiner letzten Essays überschrieben. Das Unvorhergesehene, das, was sich einem entgegenstellt: Das Böse hat ihn zeitlebens in seinem Werk beschäftigt. Sein letzter posthum erschienener Roman „2666“ ist eine große Elegie über diabolische Kräfte, die in der zeitgenössischen Welt hineinwirken. Der gefallene Engel – Bolaño hat ihn verachtet, aber auch als Motor seiner narrativen Maschine vor den Karren gespannt. In „Der Naziliteratur von Amerika“ finden wir all diese Spuren, die zu seinem späteren Werk hinführen, angelegt.

2 Responses to “Der gefallene Engel”

  1. Günter Landsberger

    Da ich die gebundene Ausgabe von „Die Naziliteratur in Amerika“ noch VOR dem Erscheinen von „2666“ und – wohl auch deswegen – noch einigermaßen günstig antiquarisch erwerben konnte, habe ich das Buch noch schnell VOR dem großen Roman „2666“ lesen können. Durchaus mit Interesse. Aber ich muss zugeben, dass NACHHER der Eindruck von „2666“ in seiner ganzen Großartigkeit bei mir alles wieder verdeckt, ja geradezu verschlungen hat. – Deswegen ist es gut, sich diesem eigenständigen Vorläuferwerk „DNliA“ jetzt im Abstand wieder neu zu nähern.

  2. Günter Landsberger

    Ein zum Motto gemachter Augusto-Monterroso-Satz
    ein Ironiesignal fürs ganze Buch?

    Der erste Autor, der uns nach dem Autorennamen Roberto Bolano im vielleicht „Roman“ (S.2) zu nennenden Gattungsverweigerungsbuch „Die Naziliteratur in Amerika“ namentlich begegnet, ist ebenfalls kein fiktiver, sondern der real vom 21.12. 1921 bis zum 07.02. 2003 lebende, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von DNiA also noch am Leben befindliche Schriftsteller Augusto Monterroso. Sein komplexer Satz „Wenn der Fluß langsam fließt und man ein gutes Fahrrad oder ein Pferd hat, kann man durchaus zweimal (sogar dreimal, im Einklang mit den hygienischen Bedürfnissen eines jeden) im selben Fluß baden.“ reagiert mit unverkennbar ironisch-humorvollem Einschlag in Form einer Gegenrede auf Heraklits bekanntes Fragment: „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.“
    Ist nun aber das, dieser Satz bzw. diese Motto-Wahl, – verbunden mit dem ernsten Nazi-Thema des Buches – die spielerische Variante zum Brechtschen Diktum „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“?

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