Der Grünschnabel…

Der Grünschnabel auf allen Vieren

Da ist er wieder: Während er sich an die Zeit der Ausgangssperre unter Pinochet erinnert, sieht Urrutia plötzlich den vergreisten Grünschnabel wieder. Er sieht ihn nicht wirklich, nur vor seinem inneren Auge, aber auch dieser innere Anblick bleibt unklar: Ist es eine Erinnerung, ein Traum, eine Vision, eine bloße Vorstellung? Jedenfalls kauert der Grünschnabel auf einem Hügel, er kriecht auf allen Vieren und zittert und runzelt die Nase – fast schon animalische Züge bekommt dieser Widergänger, dessen Identität nach wie vor ungeklärt ist. Ist er überhaupt eine reale Person? Oder handelt es sich bei ihm um einen ausgelagerten Teil der Persönlichkeit Urrutias? Vieles spricht für diese letzte Lesart, aber diese schließt die Existenz einer realen Person ja nicht aus. Ich stelle mir vor, dass der Grünschnabel beides ist: Ein junger Dichter, dem Urrutia irgendwann begegnet ist, vielleicht nur ganz beiläufig, was ein Grund dafür sein könnte, warum er nie seinen Namen nennt – er verschweigt ihn nicht etwa, sondern kennt ihn gar nicht.

Ich stelle mir vor, wie Urrutia in Gesellschaft ist, zu Gast in einer angesehenen Familie, zu deren Verdiensten es gehört, dass sie die Kunst und die Literatur hochhält. Urrutia ist gerade in ein Gespräch mit einem Freund des Hauses vertieft, der ihm natürlich Komplimente macht, als er plötzlich unter den Gästen diesen jungen Mann erkennt, der zu ihm herschaut. Es ist nur dieser eine Blick, dessen Bedeutung sich Urrutia nicht erklären kann, der ihn bis ins Mark trifft und den er nicht mehr vergessen kann. In diesen Blick legt er von da an all das hinein, was ansonsten in seinem Leben keinen Platz hat.

4 Responses to “Der Grünschnabel…”

  1. Günter Landsberger

    Selbst wenn es Gott, der in die Herzen sieht, (cordis speculator), für diesen Priester U. L. nicht geben sollte, so gibt es immer noch (von wann datierbar an?) und ihn zutiefst beunruhigend diesen Blick!

  2. Der Buecherblogger

    Mir aufgefallen ist schon auf S. 44 der „Blick des Gualtemateken“, der sich aber auf „unseren Schriftsteller“, also Reyes bezieht,dem „ein leiser Schauder über seine Seele kroch“. Dann auch auf S. 135 der Blick des Kindes von Maria Canales, wo Lacroix nun selbst sagt: …seine Augen sahen etwas, was sie lieber nicht gesehen hätten. Bei mir kam neben der Politik, die Lacroix unter Allende nicht mehr versteht, das ist nicht mehr sein Chile, auch der Gedanke an Pädophilie, der ja im Moment aber auch sehr virulent und aktuell ist in bezug auf die katholische Kirche. Zumindest sind dies immer entlarvende Blicke, die gerade das sehen, von dem Lacroix nichts erzählt, vermutlich auch seine wie immer latente Homosexualität betreffend. Dieser Priester ist jedenfalls ein Meister der Verdrängung und Bolaño stellt es so dar, dass nicht nur das chilenische Volk, sondern eigentlich auch das deutsche oder alle Nationen damit gemeint sein könnten.

  3. Günter Landsberger

    Noch immer kann ich mich mit von Berenbergs Übersetzung „vergreister Grünschnabel“ nicht anfreunden. „Alter (gealterter) Frischling“ schiene mir demgegenüber besser, aber auch nicht gut.
    (Immerhin kann ich bei „Grünschnabel“ außer an Kellers bedeutenden Erstling „Der grüne Heinrich“ vor allem an Dostojewskijs großen, oft unterschätzten Roman „Ein grüner Junge“ – mit früher verbreitetem Titel „Der Jüngling“ – denken, in dem der junge Ich-Erzähler Arkadij sein eigenes Verhalten in jüngstvergangener Zeit erzählend zu rechtfertigen sucht. Auch hier schimmern andere Perspektiven als die des Ich-Erzählers gegenläufig, vorwiegend indirekt durch.)

  4. Der Buecherblogger

    Mit einiger Sicherheit kann man den „vergreisten Grünschnabel“ doch mit der Instanz des Gewissens, einer Art psychologischen Richter gleichsetzen. Der eigentliche Richter des Erzählten aber bleibt doch Bolaño selbst. Er projiziert seine Kritik in diese Instanz. Bei César Aira las ich den Satz:
    „Wodurch die so furchterregende Figur des Richters die nur dem Anschein nach harmlose Gestalt des Erzählers annahm.“ („Varamo“, S. 57)
    Das ließ mich an Lacroix denken. Ich finde die Berenbergsche Übersetzung nicht schlecht. Einmal hat die Alliteration des „G“ wahrscheinlich eine Rolle gespielt, und das Gewissen altert ja mit, ohne seine Frechheit und Frische zu verlieren. Es hat ein gleichzeitig fast bis in die Kindheit zurückreichendes Gedächtnis. Nach meiner Meinung wirft hier Bolaño auch einen Blick zurück auf sich selbst. Man erinnere sich an die doppeldeutige Bemerkung Lacroix´:
    „Oder etwas Ähnliches, das der Wind vom Ende der fünfziger Jahre her noch immer durch die endlosen Windungen eines Gedächtnisses schiebt, das nicht mir gehört“ S. 33 Spielt hier nicht Bolaño auf das eigene Gedächtnis an? Vorher auf S. 23 heißt es, er hätte die Bücher des vergreisten Grünschnabels „mit spitzen Fingern“ gelesen. Das auch eine Art Vogelmotiv beim Wort Schnabel mitschwingt fällt mir gerade auf. Also ich finde die Übersetzung gut.

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