Der Mond so hell wie die Sonne

FETZEN 129 / IV : DER MOND SO HELL WIE DIE SONNE

alias:  Intensivierte Einnistung nach scheinbarem Rückzug

Beleuchtete – wie spärlich auch immer und aus dem Blickwinkel der Ich-Erzählerin Bianca, versteht sich – beleuchtete also das  geheimnisvolle 3. Kapitel zwei Tage von den, wie sich im 4. Kapitel im Nachhinein herausstellt, insgesamt fünf Tagen, an denen sich das merkwürdige „Blutsbrüder“duo im Haus der verwaisten Geschwister einzunisten begonnen hatte, so scheint dieses Duo zu Beginn des 4. Kapitels  genauso plötzlich zu verschwinden, wie es vordem gekommen war. Jedoch: Nach über 2 Wochen Abwesenheit sind die beiden  urplötzlich wieder da. Ziemlich kurz vor der plötzlichen Rückkehr der beiden hatte Biancas Bruder zu ihr noch gesagt, dass diese an einem nationalen Bodybuilding-Wettbewerb in Mailand teilnehmen würden. Dennoch bleibt im Textwortlaut offen, ob nicht auch er durch ihr Wiederkommen überrascht worden ist.

Uns Leser…n mag sich spätestens jetzt die Frage stellen, ob es sich denn bei all dem um eine langfristig angelegte intrigante Taktik der beiden handelt. Den Bruder scheinen sie bereits längst für sich gewonnen zu haben; nun endlich scheint es ihnen darauf anzukommen, auch noch (und vor allem!) die Schwester für sich einzunehmen. Dabei scheinen sie recht vorsichtig zu Werke zu gehen: Mit Hilfe von Geduld und Rücksichtsnahme, scheinbar uneigennütziger Hilfsbereitschaft und dezent schmeichelhafter Galanterie wollen sie jetzt auch noch die seit Beginn gegen sie stark gebliebenen Vorbehalte Biancas untergraben und außer Kraft setzen. Dies gelingt ihnen schließlich wohl auch – mit Hilfe von geschickt in Gang gesetzten Mechanismen in Biancas Psyche. Auffällig ist dabei, dass auch sie wie schon zuvor der Bruder (S.23) an die Dauerhaftigkeit der eigenen Souveränität (S.37) zu glauben bereit ist. Der von ihr faktisch erzählte Verlauf spricht dennoch eine eigene Sprache. Hatten Biancas gründlichen Nachforschungen in der elterlichen Wohnung gezeigt, dass sie und ihr Bruder in den ersten 5 Tagen von den beiden Fremden – anders als von ihr vermutet, wider Erwarten also –  eben nicht bestohlen worden waren, dass sie sie sonach zu Unrecht für Diebe gehalten hatte, so kommt nach ihrer unerwarteten Wiederkehr einer von ihnen  gleich in der ersten Nacht  – gleichsam wie ein Dieb in der Nacht – zu ihr und schläft mit ihr und fortan jede Nacht – und zwar ohne jede klare Identifizierung – der eine oder der andere. So wenig sie sich von der ersten Nacht an gegen diese Beischlafanmutung  gewehrt hat,  vielmehr sich geradezu wie selbstverständlich (auch ein bisschen wie aus eingebildeter Überlegenheit und Mitleid) darauf eingelassen hat, von einem bestimmten Zeitpunkt an verriegelt sie dennoch entschieden ihre Tür, als wollte sie sich selber zeigen, dass sie noch Herrin ihrer eigenen Entschlüsse geblieben ist.

Hinsichtlich eines von Kapitel zu Kapitel aufs Ganze gesehen dichter werdenden Verweisungszusammenhanges wäre auch in diesem Kapitel noch so einiges festzuhalten: Biancas zunehmende Betrachtung des „Himmels“ und ihr zunehmendes „Gefühl, auf einem fremden Planeten zu leben“ (S.31f.), ihr starkes Gefühl von Fremdheit bei nur scheinbarer Nähe und ihre (anfechtbar biologistische?) Behauptung, jetzt als „Mutter“ erst zu wissen, was wirkliche „Nähe“ sei (S.32f.), ihr Warten auf etwas und sei’s „eine Katastrophe“ (S.34), das fortgesetzte Strahlen der Nacht „wie heller Tag“ (S.34) und der für sie so hell „wie die Sonne“ leuchtende „Mond“ (S.37) und das wider Erwarten „unverändert“ so weitergehende Leben.

Heißt dies – anscheinend noch immer wie in Analogie an das Ende von Büchners Novellenfragment „Lenz“ gemahnend  – : „So lebte sie hin“ ?

Was muss denn passieren, dass sich in Biancas Leben, im Leben überhaupt, etwas zutiefst ändern kann? Kann sich jemals etwas wirklich ändern? Jenseits (oder diesseits?) aller Illusionen?  –

Hier könnte ich schon so manches vorwegnehmen, tu’s aber nicht.

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