Der Schnee

„Hast Du Zeit Dir meine Geschichte anzuhören“, fragt Rogelio Estrada, ein Chilene, der in Barcelona wohnt einen Freund, auch er Chilene, nachdem die beiden im Wohnzimmer Estradas schweigend eine Flasche Wodka getrunken haben. Von Estrada wissen wir da bereits, dass er Anfang 30 ist, viel trinken kann und Michail Bulgakow für den größten Schriftsteller des Jahrhunderts hält. Mehr als zehn Werke des Autors kann er auf Russisch benennen. Estrada wohnt in einer kleinen, möblierten Wohnung. Auf einem Regal steht das eingerahmte Foto einer jungen Frau, das den Raum zu beherrschen scheint.

Estrada beginnt nun seine Lebensgeschichte zu erzählen. Aufgewachsen ist er in Santiago. Sein Vater, ein hoher Funktionär der Kommunistischen Partei Chiles und in der Regierung Allendes tätig, prophezeit ihm ein Leben als Delinquent. Mit 13 klaut er ein Fahrrad, mit 14 raucht er Marihuana und mit 15 bricht er ein Auto auf und wäre wohl auch erwischt worden. Aber dann kam der Putsch und die Familie Estrada floh in die Botschaft der Sowjetunion und von dort nach Moskau. Rogelio Estrada besucht verschiedene Schulen, studiert dieses und jenes und wird schließlich Sportlehrer. Er lernt Jimmy Fodeba kennen, einen Zentralafrikaner, dessen Vater ebenfalls Kommunist und verfolgt war. Fodeba und Estrada werden unzertrennlich. Sie ziehen durch Moskaus Nächte, trinken, rauchen, machen Frauen an. Mit seinem ersten Job als Trainerassistent beginnt Estradas Karriere in der Moskauer Unterwelt. Von nun an nennt er sich Roger Strada. Er erzählt seine Geschichte im coolen Slang der Straße, ohne Emotionen, ohne moralische Wertung, versucht aber auch an keiner Stelle sich selbst besser zu machen als er ist. Zwei Moskaus gibt es, sagt er: das der Papiere und Memoranden seines Vaters, und das der Drogen und Prostitution, in dem er lebt. Es vergehen einige Jahre, während derer die Familie zurückkehrt nach Chile, sein Vater dort stirbt, sein bester Freund im Krankenhaus arbeitet und die Demokratie in Russland einzieht, die Freiheit und mit ihr die Mafia.
Roger Strada mischt bei den Sportwetten und Schiebungen mit. Er träumt davon Geld zu sparen und zu reisen. Er arbeitet für Misha Pawlow, genannt Billy the Kid, einem üblen Gangster – reich und mächtig und mit einer Vorliebe für Sportlerinnen, vor allem Hochspringerinnen. Natalja Tschujkowa, eine 18-jährige Athletin aus Wolgograd weckt sein Interesse und Strada soll sie ihm besorgen.

Strada sucht die Hochspringerin beim Training auf und ab hier ändert sich der Ton der Erzählung. Strada verliebt sich, das weiß der Leser schon vor ihm. Und ebenso weiß er, dass das Ärger mit Pawlow bedeutet. Strada und Tschujkowa tun was Verliebte tun: sie gehen ins Kino, zum Essen, reden lange. Er schenkt ihr Bücher ihres Lieblingsautors Bulgakow. Und wir verstehen wie groß seine Liebe sein muss, wenn er noch Jahre später in einer Bar in Barcelona aus Bulgakows Werken auf Russisch zitieren kann. Alles ändert sich als Strada erfährt, dass Tschujkowa Pawlows Geliebte ist. Er heult Rotz und Wasser und spürt zum ersten Mal die Kälte Moskaus.

Durch diese Kälte und einen fürchterlichen Schneesturm kämpft er sich einige Zeit (Jahre?) später zu Fuß durch das nächtliche, menschenleere Moskau zu Pawlow, der ihn mitten in der Nacht zu sich geordert hat. Noch immer ist Tschujkowa Pawlows Geliebte und immer noch trifft sie sich heimlich auch mit Strada.
Die folgende Szene, die vom Verlauf der Geschichte der tragische Höhepunkt sein müsste, ist kurz und schmerzlos, beinahe beiläufig erzählt. Pawlow streckt Strada gleich bei seinem Eintritt mit einem Faustschlag nieder und tritt mit den Füßen auf ihn ein. Strada fühlt nur wenig Schmerz, geht aber zu Boden. Pawlow setzt sich, nimmt ein Buch und liest. Strada geht ins Bad und als er zurück kommt fragt er was Pawlow lese. Bulgakow, antwortet dieser. Ein drittes Mal tritt der Autor in dieser Erzählung auf und verweist auf Natalja. Strada umklammert das Messer, das er in Anbetracht der unsicheren nächtlichen Straßen eingesteckt hat und schwört sich Pawlow zu töten sollte dieser Natalja erwähnen. Pawlow fragt ihn, ob er mit Natalja schläft. Strada verneint. Er glaubt Pawlow habe Natalja schon getötet und er selbst sei der Nächste. Völlig unverhofft zieht er sein Messer, schneidet Pawlow die Kehle durch, verwischt alle Spuren, geht nach Hause und betrinkt sich.

Er kommt davon. Ein halbes Jahr nach dem Mord verlässt er mit Natalja Russland. Sie wohnen zunächst in Paris, reden vom Heiraten. Natalja ahnt nicht, dass Strada Pawlow getötet hat. Die beiden ziehen nach Frankfurt, danach nach Stuttgart. Natalja lernt einen Deutschen kennen. Sie leert eine Flasche Wodka mit Strada, dann trennen sich die beiden. Strada zieht nach Barcelona, wird Sportlehrer und vermisst Russland (nicht Natalja), wenn er auch nicht sagen kann, was er wirklich vermisst. Am Ende der Geschichte will er nach Chile zurückkehren. Vielleicht liegt darin seine eigentliche Sehnsucht. Immerhin hat Estrada, der als Jugendlicher Chile verlassen musste und bereits seit über 20 Jahren im Exil ist, in seiner Barceloneser Wohnung alte, abgegriffene Wimpel der drei großen Fußballclubs von Santiago de Chile an der Wand hängen.
Die Erzählung „Der Schnee“ ist eine Liebesgeschichte zwischen einem Exilchilenen und einer russischen Hochspringerin im Mafiamilieu Moskaus der 70er und 80er Jahre, die ihren Höhepunkt in einem „beiläufigen“ Mord hat und die endet, wie viele Liebesgeschichten im wirklichen Leben enden.

„Der Schnee“ ist die längste Erzählung im Teil der „Kriminalbeamten“. Und wenn ich mich recht entsinne, ist sie die Einzige in diesem Teil, in der auch Literatur eine Rolle spielt. Da ist zum einen die dreimalige Erwähnung von Bulgakow, dem Satiriker der russischen Literatur. Er ist Lieblingsautor von Natalja und dient den beiden Rivalen als indirekter Hinweis ihrer Liebe zu ihr.

Und dann gibt es noch eine „Literaturepisode“, die ein wenig aus dem Erzählrahmen fällt.  „…denn Pawlow, man glaubt es kaum, las viel, und natürlich sprach er gern über das, was er las“, so wird Pawlow, der „ruhelose Geist“ eingeführt, den es neben dem „Geschäftsmann Pawlow“ und dem „liebestollen Pawlow“ auch gibt.

Dieser ruhelose Geist, dieser König der Moskauer Unterwelt, dieser Typ, der schlimmer ist als alle anderen und der Angst verbreitet, dieser Pawlow liest alle große, russische Literatur. Dostojewski, Boris Pilnjak, Tschechow und Gogol. Er liest und möchte darüber reden. Also lädt er (oder zwingt er) einen Kreis äußerst merkwürdiger Personen zu den Diskussionen über Literatur. Da ist Fjodor Petrowitsch Semjonow, ein Autor im Alter von Estrada, der pornographische Romane schreibt und dessen Bücher bei mancher dieser literarischen Treffen von Pawlow in den Himmel gelobt werden. Er soll seine Frau umgebracht haben, aber Genaues weiß man nicht. Dann ist da noch Paolo Ripellino, ein italienischer Stipendiat der Sprachenschule, der behauptet ein guter Freund Pawlows zu sein und der an einem Drehbuch arbeitet, von dem er hofft, dass Pawlow es finanziert. Ripellino ist der Einzige dieser Runde, der sich traut zuzugeben, dass er all die Bücher, über die diskutiert wird, nicht gelesen hat. Und schließlich ist da noch Rogelio Estrada, alias Roger Strada. Der hat in seinem Leben nur Bulgakow gelesen und das nur aus Liebe zu Natalja. Er ist kein Leser. Trotzdem rennt er nach jedem Literatur-Treffen in die Bibliothek und liest bspw. über Dostojewski, obwohl Pawlow, fast nie auf denselben Autor zurück kommt, wenn der einmal besprochen wurde. Ob nun Pawlow ein kundiger Leser ist, wissen wir nicht, denn Estrada, der darüber schreibt, ist es nicht.
Diese literarische Episode passt zwar nicht in den Erzählfluss der Liebesgeschichte, hat aber durchaus ihren Reiz. Und damit will ich es gut sein lassen für dieses Mal.

Yvonne Berardi, 48, arbeitet in einer PR-Agentur in Tübingen. Sie hat viele Jahre in Mittelamerika gelebt und gearbeitet. Sie liest gern.

3 Responses to “Der Schnee”

  1. Dietmar Hillebrandt

    Nun kommentiere ich schon eine Erzählung, die ich noch gar nicht gelesen habe. Unmögliches Verhalten! Trotzdem weiss ich schon eins nach dem Lesen dieses Beitrags, die Erzählung muss ich lesen und die inhaltliche Beschreibung von Frau Berardi ist, ich sag´s mal unverblümt: Klasse! Außerdem, auch wenn es nach Schleichwerbung klingt, möchte ich auf die bisher 10 Rezensionen von „2666“ bei Amazon verweisen. Die Lektüre, auch der negativen Kritiken, ist erhellend:

    http://tinyurl.com/ycnhvy7

  2. Günter Landsberger

    Übrigens: Auch in „Der Wurm“ spielt Literatur eine beträchtliche Rolle. „Der Fall“ von Albert Camus ist das Lieblingsbuch des 16jährigen Arturo Belano; die Filmschauspielerin Jaqueline Andere bittet er, ihr Autogramm bzw. ihre Widmung, mangels anderen Papiers auf die erste Seite des ihn geradezu begleitenden Buches von Camus zu schreiben. (S.84+85) Es ist auch kein Zufall, dass er sich Mühe gibt, im wiederholt von ihm angeschauten französischen Film (S,82) herauszufinden, welches Buch die Rothaarige liest; und es ist so etwas wie Freude wenn nicht spürbar, so doch erahnbar, als er feststellt, dass es „Der Fall“ von Camus ist. Ausgerechnet sein Lieblingsbuch! Ob die Thematik seines Lieblingsbuches etwas zu tun hat mit den in RBs Geschichte erzählten Vorgängen? –
    Dann: der Anklang an den Orpheus-Mythos in „Noch eine russische Erzählung“ meint (wenn auch nicht ohne bittere Ironie) alle Kunst: Durch das bloße Wort „Kunst“, das nur vermeintliche, das eigentlich ein anderes war(s.o.), werden „die Bestien besänftigt“. –
    Und in der Erzählung „Kriminalbeamte“ kommt zumindest der angehende Schriftsteller Arturo Belano vor; nicht in seiner Eigenschaft als Schriftsteller zwar, sondern als früherer Klassenkamerad zweier Polizisten. Arturo Belano also, den wir aus anderen Geschichten bereits als Ich-Erzähler kennen, der mit vollem Namen manchmal ganz plötzlich und unerwartet in Erscheinung tritt (S.55).

    In der deutschen Literatur kenne ich parallelbiographisch Vergleichbares nur aus den Geschichten von Alfred Andersch, in denen dessen „alter ego“ Franz Kien ähnlich wie Arturo Belano bei RB in ausgewählten Situationen ganz bestimmter Lebensabschnitte vergegenwärtigt wird. Bruchstückhaft und schlaglichtartig entsteht in der Summe der Erzählungen bei beiden so etwas wie eine asynchrone Lebensgeschichte aus Teilen.

  3. Dietmar Hillebrandt

    S. 99 „die Welt der Sportwetten“
    Wie aktuell Bolano hier in der Beschreibung dieser russischen Bestechungswelt doch ist, wenn ich an den aktuellen Skandal der Fußballwetten in Deutschland und China denke…den kriminellen Informationsbeitrag an den mafiösen Gangsterboss, der sicher keine Skrupel hat, auch Sportler zu bestechen. Meine Meinung: der bezahlte Fußball ist ohnehin ein Auflaufen von 500€ Scheinen.

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