Der schwimmende Geist

Auxilio Lacouture verlässt das Genre Horrorfilm und kehrt in ihr Schiff in der Zeit, in die Frauentoilette im vierten Stock der Fakultät für Philosophie und Literatur, zurück. Die Fähigkeit, ihren Geist frei und ungebunden durch die Zeiten schwimmen zu lassen, nutzt sie für einen Besuch bei der katalanischen surrealistischen Malerin Remedios Varo im Jahr 1962 – ein Jahr vor deren Tod.

8 Responses to “Der schwimmende Geist”

  1. Günter Landsberger

    Auch das 9. Kapitel kokettiert noch – mit Blick zurück auf bereits erlebte „Abenteuer der Poesie“ – mit der Gattung „Abenteuer-“ bzw. aventiure-„roman“. Thematisiert wird jetzt Auxilios imaginäres „Abenteuer mit Remedios Varo“. (S.92)
    Dennoch. Auch die „Horror“geschichte des 8. Kapitels gab sich ausdrücklich als „Abenteuer“ (vgl. schon S.74).

  2. Günter Ladsberger

    Im Mittelpunkt (des imaginären Gesprächs) des 9. Kapitels steht das geheime, „das letzte“ oder “ das vorletzte“ (S.96) „Bild“ der exilierten, mit Leonora Carrington befreundet gewesenen, katalanischen Malerin Remedios Varo. Es ist zunächst verdeckt mit einem alten riesigen Rock. Für Auxilio wird dann der volle Blick auf das wohl ebenfalls riesige Gemälde nach vorübergehendem lächelnden Zögern Remedios freigegeben.
    Die Vison dieses Bildes wird in „Amuleto“ noch weiterhin eine große Rolle spielen. Spätestens im Schlusskapitel, ab S.158f., wie wir noch sehen werden.
    Schon jetzt aber könn(t)en wir uns daran erinnern, dass im 7. Kap. die Vision von einem Tal schon einmal eine bedeutsame Rolle gespielt hatte: „Ich stand vor einem Spiegel und erblickte ein riesiges verlassenes Tal“ (…) „Ich weiß nicht mehr, ob es das Tal der Glückseligkeit war oder das Tal des Verderbens. Aber ich sah es, und dann sah ich mich auf der Frauentoilette und erinnerte mich, daß ich dort dasselbe geträumt (!, GFL) hatte und daß ich, beim Erwachen aus diesem Alptraum (!,GFL), ebenfalls in Tränen ausgebrochen war, oder aber es waren die Tränen selbst, die mich aufweckten.“ (S.68)

    War es nicht zunächst noch unentschieden, ob es sich bei diesem Tal um das „Tal des Verderbens“ oder um das „der Glückseligkeit“ handeln würde? Und nun erscheint es doch und nun ganz unzweideutig als Teil eines „Alptraums“? –

    Wen wird es sehr verwundern, dass ich mich bei der Lektüre dieser Passagen sogleich an den nur vermeintlichen, weil vom Erzählverlauf letztlich (oder doch nur scheinbar?) ad absurdum geführten Paradieszustand des Tals im Mittelteil von Kleists „Das Erdbeben in Chili“ erinnert gefühlt habe?

  3. Andreas Gierth

    Das Tal im „Erdbeben in Chili“ ist doch ziemlich eindeutig eine Anspielung auf das Paradies. In ihm steht z. B. ein Granatapfelbaum. Jeronimo und Josephe verlassen mit ihrem Sohn Philipp dieses Tal. Sie fallen sozusagen letztendlich nicht wieder „zurück in den Stand der Unschuld“ (Kleist). (Sie essen übrigens auch keinen Grnatapfel.) Für Jeronimo und Josephe gibt es dieses „letzte Kapitel von der Geschichte der Welt“ (Kleist) nicht. Ihre Geschichte setzt sich fort, indem es letztendlich doch zu ihrer Hinrichtung kommt. Für diese beiden ist das mit dem Ende der Geschichte, das Anhalten der Zeit gescheitert.

    Von dem Tal in „Amuleto“ wird doch gesagt, es sei „vielleicht (…) auch das Tal des Todes, denn der Tod ist Stab und Stecken Lateinamerikas, und ohne das kann Lateinamerika nicht wandeln.“ (S. 69) Das erinnert mich an den „Schatten, der es auf (Auxilios) Tod abgesehen hatte“ (S. 62 f.) und an die Rede vom „immer wiederkehren(n), tödlich lateinamerikanische(n) Schrecken“ (S. 62). (Es gibt sozusagen zwei Schrecken: Die Gefahr des Todes und das fehlende Messer, wenn sie einem begegnet. Vom Messer ist nach Seite 62 wieder auf Seite 87 die Rede!)

    Was ich eigentlich sagen will: Das Tal in „Amuleto“ erinnert mich nicht an das Paradies bei Kleist. Wenn, dann nur in der Funktion. Auch, spekuliere ich, im Tal bei Bolano wird das „letzte Kapitel der Geschichte der Welt geschrieben“. Aber es geht um den Tod, nicht um das Wiedergewinnen der Unschuld. Da hast du mich, lieber Günter, auf eine Idee gebracht, die ich hier nicht weiter ausführen kann.

  4. Günter Landsberger

    Das Tal in „Amuleto“ in seiner zeitweiligen Doppeldeutigkeit („Tal des Verderbens“ vs. „Tal der Glückseligkeit“, S.68) erinnert mich deswegen an das Tal in Kleists „Erdbeben“, weil der als paradiesisch erlebte Zustand im Tal dort sich eben doch nur – vom Fortgang der ins mörderisch Gewalttätige umschlagenden Handlung her, aber auch in der sprachlichen Vorwegnahme (Irrealis; Konjunkiv II) – als ein Als-ob-Zustand entpuppt, auch wenn die schiere Möglichkeit eines solchen Zustandes auch noch in der Täuschung kenntlich geworden sein mag.

    Ergänzender Zusatz:
    Auch im 5. Kapitel in „Amuleto“ im Zusammenhang mit der inzwischen um ein Geringes, aber Entscheidendes veränderten Elena (wie Arturo nach 1973, nur aus anderen Gründen: bei Elena wegen ihrer „amour fou“, bei Arturo wegen der bei seiner Rückkehr nach Chile dort akut erfahrenen Todesnähe ) klingt das Tal-Motiv deutlich an:
    „Um diese Zeit, sagte sie, komme ihr die Cafeteria immer etwas unheimlich vor; ich sagte nichts dazu, aber heute wüßte ich nicht, warum ich nicht meine Meinung sagen sollte: Ich fand die Cafeteria um diese Zeit einfach großartig, abgewetzt und majestätisch, ein ärmlicher Ort der Freiheit, in den die letzten Strahlen der Sonne über diesem gewaltigen Tal hineinschienen, eine Cafeteria, die mich flüsternd bat, noch zu bleiben bis zum Schluß und ein Gedicht von Rimbaud zu lesen, eine Cafeteria, wo einem die Tränen kommen.“ (S.47)

    Bei diesem zuletzt zitierten Tal-Ort schießen viel eher als Kleist-Assoziationen noch ganz andere Assoziationen in mir zusammen, nämlich: „die letzten Strahlen der“ untergehenden „Sonne“ (ein äußerst wichtiges Motiv im Gesamtwerk Dostojewskijs – insbesondere in „Verbrechen und Strafe“, in „Böse Geister“, im „Traum eines lächerlichen Menschen“), die philosophische bzw. revolutionäre Utopie eines „Reiches der Freiheit“, die Lyrik Arthur Rimbauds. Welches Gedicht Rimbauds hätte Auxilio Lacouture an diesem Abend wohl lesen wollen? Das Gedicht „Der Schläfer im Tal“? Oder noch ein ganz anderes?

  5. Dietmar Hillebrandt

    Fast jeden Satz Bolaños kann jeder Leser auch als einen unterschwelligen Verweis auf die Literatur lesen, die Bolaño oder der Leser selbst gelesen hat. Ich frage mich allerdings auch, ob diese Referenzen nur ihr Gutes haben? Jeder Schriftsteller ist ein Leser, aber besteht seine Kunst darin, Gelesenes neu zu verarbeiten oder ganz neu zu schreiben? Ich schmunzele, Bolaño kann beides!

  6. Günter Landsberger

    „Ich frage mich allerdings auch, ob diese Referenzen nur ihr Gutes haben?“

    In diesem Falle habe ich bewusst nur Assoziationen genannt, die mir in den Kern der Diskussion des gesamten Romans „Amuleto“ zu führen scheinen. (Sie waren nicht als Selbstzweck gedacht.)

  7. Dietmar Hillebrandt

    Ich meinte nicht ihre Assoziationen und Selbstzweck sind ihre schon gar nicht. Ich wollte mehr darauf hinaus, ob die Intertextualität oder anders ausgedrückt, die ständige Verarbeitung gelesener Literatur, nicht auch eine Art Schwäche des Schriftstellers sein könnte, sprachlich oder überhaupt etwas ganz Neues zu machen. Und ich glaube, in dem Sinne ist selbst Bolaño traditionell, vielleicht ist das für das Erzählerische aber auch gut so. „Finnegans wake“ habe ich nie zu Ende gelesen.

  8. Günter Landsberger

    Ich mag z. B. Koeppen, Raabe, Fontane, auch Thomas Mann wegen ihrer Intertextualität, aber auch andere wie z. B. Stifter, in deren Werken ich nur ganz wenig Intertextualität zu finden vermag. Ich werde mich hüten, sie gegeneinander auszuspielen. es gibt zum Glück solche und solche. Aber alle bauen irgendwie auf anderen auf – und sei’s auch nur im Gegenentwurf, ob nun bewusst oder auch intuitiv unbewusst.

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