Der Wurm

I
Die Erzählung „Der Wurm“ ist im Grunde ernst – und ist doch ganz leichtfüßig geschrieben. Sie wirkt in Fortgang und Stil wie schwerelos und verdient eigentlich keinerlei plumpe Darstellung.

II
Ich ertappe mich dabei, dass der Titel der Erzählung anfangs bei mir ganz bestimmte Assoziationen wachruft: literarische (der intrigante Sekretarius in Schillers „Kabale und Liebe“; die Schiller- Verse: „Wollust ist dem Wurm gegeben, doch der Cherub steht vor Gott“ und deren Wiederaufnahme als eines der dortigen Leitmotive in Dostojewskijs letzten Roman “Die Brüder Karamasow“ ), biblische (Psalm 22 z. B.),  redensartlich abträgliche (etwa im Sinne des Ausrufes „Du Wurm!“)  sowie biologisch-medizinische (Bandwürmer, Spul- und Fadenwürmer) – und stelle anschließend sehr bald  fest, dass der Titel im mexikanischen Spanisch noch einen ganz anderen Assoziationsspielraum eröffnet. Hier gilt einerseits: der gesamte Bereich der  Band-, Spul- und Fadenwürmer ist durch das spanische Wort „Gusano“ offenbar nicht abgedeckt, dafür gibt es jeweils andere, differenziert eigene Wörter im Spanischen; andererseits aber: Comics, Lieder, Videos zum Thema „Como se mata el Gusano“ z. B. sind in Mexiko offenbar  (allem Anschein nach schon seit längerem) weit verbreitet.

Dennoch werde ich stutzig. Wie kommt der Ich-Erzähler dazu, sein plötzlich und dann wochenlang  beständig Vormittag für Vormittag  innerhalb seines Gesichtskreises auftauchendes Gegenüber insgeheim als  „W u r m“ zu bezeichnen? Der ist doch groß von Wuchs? – Aber er ist weiß gewandet; und aus der Anfangssicht der Ferne wirkt er folgerichtig auf den Ich-Erzähler kleiner, als er ist. Überhaupt: Alles spricht dafür, dass der gewählte Ausdruck „Wurm“ hier nicht pejorativ-abträglich gemeint ist, sondern nur den ersten empfangenen Eindruck vom Aussehen des längst erwachsenen Mannes  auf die Dauer festhält.

III

„Der Wurm“, diese klare und doch zugleich auch geheimnisvolle Geschichte, die selbst bei wiederholter Lektüre nicht alle ihre Geheimnisse preisgibt, hat, wie sich herausstellt, zu ihrer Überschrift genau jenen Übernamen, den die ältere der beiden männlichen Hauptfiguren von der anderen, der jüngeren, damals noch juvenilen, schon im Vorfeld ihrer Begegnungen insgeheim  erhalten hat. Zu diesen beiden männlichen Hauptfiguren der recht ansprechend durchweg zwischen purer Fiktion und autobiographisch Belegbarem angesiedelten Geschichte (vgl. hierzu auch den Essay „Wer traut sich?“ aus dem Band „Exil im Niemandsland“) gesellt sich zumindest vorübergehend – zudem auf eine ganz besondere Weise bedeutsam – eine weibliche Hauptfigur, die vor allem in Mexiko – von vielen Filmen und Telenovelas her –  auch noch gegenwärtig einen sehr hohen Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad besitzt: Jacqueline Andere. (Außer ihr wird auf Seite 83 auch noch ein anderer sehr bekannter mexikanischer Schauspieler erwähnt: Ignacio López Tarso – und zugleich offengelassen, ob er es an Ort und Stelle wirklich ist. Beide Schauspieler haben übrigens auch in über Mexiko hinaus bekannt gewordenen Filmen mitgespielt: jeweils getrennt voneinander in zwei verschiedenen Filmen von Luis Buñuel, 1959 in „Nazarin“ / „Der Nazarener“ und 1962 in „El Ángel exterminador“ / „Der Würgeengel“. Gemeinsam spielten sie unter anderem in einem mexikanisch-us-amerikanischen Horrorfilm des Jahres 1967, in „Un largo viaje hacia la muerte“ / „A Long Journey towards Death“ unter dem Regisseur José Maria Fernandez Unsain.)

Zu der Dreier-Figurenkonstellation der Haupterzählung von zwei männlichen Hauptpersonen (einem reifen Erwachsenen und einem Heranwachsenden von 16 Jahren) und einer weiblichen (etwa 30jährigen) kontrastiert auf den Seiten 80 bis 82 in einer vorweg Beziehungsfelder schaffenden Parallelgeschichte die  filmische Variante einer Konstellation dreier erwachsener Personen, von zwei jüngeren Frauen und einem aus dem Gefängnis ausgebrochenen Mann, verdeutlicht in der zwar ausführlichen, aber kurzweiligen Nacherzählung eines vom Ich-Erzähler damals gesehenen, höchstwahrscheinlich französischen Films. Vom Genre und Hergang her fühlte ich mich dabei ein wenig an Pedro Almodóvars viel späteren Film „Átame!“ erinnert.

IV
Kurze Inhaltsangabe
Der 16jährige „Arturo Belano“ (S.85) geht Vormittag für Vormittag nicht, wie er seine Eltern glauben macht, in ein Gymnasium im Inneren der mexikanischen Hauptstadt zum Unterricht, sondern seine eigenen Wege. Gewohnheitsmäßig und wohldosiert verteilt er dabei seine Zeit – gute Bücher liebend, – auf  zwei unterschiedliche Buchhandlungen und Schreiben und Lesen, aber auch auf das Anschauen von bevorzugt europäischen Filmen, manchmal auch jüngeren mexikanischen Sex- und Horror-Filmen, in den Kinos der Innenstadt, zu denen er jeweils gegen 10.00 Uhr morgens hinschlendert. Eines Morgens entdeckt er durch die Scheiben der „Glasbuchhandlung“ hindurch einen auf einer Bank in der Alameda sitzenden Mann, den er fortan – zumindest insgeheim – „den Wurm“ nennt. Obwohl er ihn fortan Tag für Tag sieht, kommt er erst an einem besonderen Morgen mit ihm unversehens und überraschend ins Gespräch. Dieser Morgen, der alles ändert, ist nun der Morgen von des Ich-Erzählers A. B. überraschender, von Dritten völlig unbehelligter Begegnung mit Jacqueline Andere, die in der Alameda mit einem Filmteam gerade einen Film dreht.

Unmittelbar nach  dieser Begegnung spricht auch „der Wurm“ A. B. an, der von seiner Bank aus die Frau in ihrer Besonderheit ebenfalls wahrgenommen hatte, ohne sie allerdings als Filmschauspielerin zu kennen. Aus diesem ersten Gespräch der beiden männlichen Personen entwickelt sich nun über anderthalb Monate hinweg eine generationsübergreifende freundschaftliche Begegnung der beiden, deren Details wir fortlaufend erfahren. Die Kinobesuche des Jungen entfallen fortan zugunsten gemeinsamer Unterhaltungen miteinander. (Von sich aus bevorzugt der eher wortkarge Mann immer wieder ein Sprechen über Villaviciosa, seinen Herkunftsort.) Nach wie vor Tag für Tag kehrt der Junge rechtzeitig nach Hause zurück, als käme er gerade ordnungsgemäß aus der Schule.

Eines Morgens muss A. B. feststellen, dass der zwar wiederum am frühen Morgen auf der Bank Sitzende fiebrig erkrankt ist und kümmert sich um ihn. Er bringt ihn in dessen Pension und holt mit den Geldscheinen, die der Mann ihm gebündelt gibt, Medikamente aus der Apotheke. Am nächsten Morgen ist er wie gewohnt, offenbar genesen, an Ort und Stelle und nötigt dem Jungen als „Entgelt“ hinreichend Geldscheine auf, damit er sich Bücher fortan nur kaufe und überhaupt keine mehr stehle. An einem anderen Tag macht er ihm noch ein Klappmesser mit dem auf dem Griff eingravierten Wort „Caborca“ zum Geschenk, über das der Junge sich sehr freut. Vom nächsten Morgen an ist „der Wurm“ aber wie vom Erdboden verschwunden, so plötzlich, wie er anfangs in des Jungen Gesichtskreis getreten war. –

V
Viele Details, die wir über den Mann, den „Wurm“, die ganze Erzählung über erfahren haben, geben uns lange noch zu denken. Weiße Stellen, verräterische Lücken, sind manchmal fast unmerklich, aber wohl sehr bewusst in die Erzählung mitaufgenommen werden.

Arturo Belano, den Namen des Ich-Erzählers, erfahren wir erst nach einigen Seiten und eher beiläufig exponiert, nämlich indirekt durch das direkte Zitat dessen, was die Filmschauspielerin Jacqueline Andere dem Jungen auf die erste Seite seines damaligen Lieblingsbuches, des Romans „Der Fall“ von Albert Camus,  geschrieben hat.

Das ansprechende Hauptthema dieser Erzählung ist wohl nicht nur für mich die gute, die doppelte Erfahrung von menschlich berührender, echter Anerkennung eines jungen Menschen durch zwei  fremde, ältere Personen, das nicht zu unterschätzende Ereignis also von liebevoll freundschaftlicher Anerkennung durch eine etwas ältere und sehr prominente weibliche Person ebenso wie kurz danach durch eine deutlich ältere männliche, die als geheimnisvolle, anonym bleibende Titelperson in den Mittelpunkt gerückt wird.

Dennoch: selbst hier schimmert ein anderes, ein dunkleres Thema durch. Ein Subtext wird spürbar, eine dunklere Unterströmung, die Interesse weckt und eigene Akzente setzt.

VI Zugabe:
Passagen, Stellen und Korrespondenzen vom Meister des Lückenlassens und der kunstvollen Verschränkung
(Zitate aus der Erzählung „Der Wurm“)

S.79 „Wie ein weißer Wurm sah er aus, mit seinem Strohhut und der Bali, die an seiner Unterlippe hing. Morgen für Morgen“ … „saß er unter den Bäumen still da und starrte ins Leere.“ … „er tat nichts als rauchen und die Augen offen halten“.

S.86 „Er wollte über Jaqueline Andere sprechen. Wie ich verwundert feststellte, wußte er nicht, daß diese Frau eine Filmschauspielerin war.“ … „der Wurm erinnerte sich einfach weder an die Techniker, noch an die am Set aufgebauten Apparaturen. Jaquelines Erscheinung auf dem Weg, an dem sich seine Bank befand, hatte alles andere ausgelöscht.“ …

(S.92 „Wenige Tage bevor er für immer verschwand, forderte er mich urplötzlich auf, von Jaqueline Andere zu erzählen. Ich begriff, daß das seine Art war, sich an sie zu erinnern.“)

S.86 „Am nächsten Tag trafen wir uns wieder.“ … „Er schien zu schlafen, obwohl er die Augen offen hatte.“ … „Dennoch schien seine Schlaffheit eher moralischer als physischer Natur.“

S.87 „Der Wurm diskutierte nie, er äußerte auch keine Meinungen.“ … „Er war kein neugieriger Typ, obwohl ihm kaum etwas entging.“
„ Der Wurm“ … „war kein Musterbeispiel an Respekt anderen gegenüber, er hörte einfach zu und registrierte, vielleicht hörte er auch nur zu und vergaß wieder, auf seiner Umlaufbahn fernab von der aller anderen (Hervorhebung von mir, GFL). Seine Stimme war sanft und monoton, manchmal allerdings schraubte sie sich in die Höhe, und er klang dann wie ein Verrückter, der einen Verrückten nachahmt (s.o., GFL). Nie erfuhr ich, ob er das absichtlich tat, als Teil eines Spiels, das nur er verstand, oder ob er es nicht verhindern konnte und die stimmlichen Entgleisungen ein Teil seiner Hölle (s.o., GFL) waren.“

S.86 „Ich merkte schnell, daß er aus dem Norden stammte oder lange im Norden gelebt hatte, was auf dasselbe hinausläuft. Ich bin aus Sonora (!, GFL), sagte er. Das fand ich spannend, weil mein Großvater auch dorther kam. Das interessierte den Wurm,  und er wollte wissen, aus welcher Gegend von Sonora. Aus Santa Teresa (!, GFL) sagte ich. Ich aus Villaviciosa, sagte der Wurm.“

S.88 „Er kannte ganz Sonora (!, GFL), von Huatabampo und Empalme an der Küste des Golfs von Kalifornien bis zu den verfallenen Käffern in der Wüste. Er beherrschte die Yaqui-Sprache und das Pápago (das im Grenzgebiet von Sonora gesprochen wurde) und verstand Seri, Pima, Mayo und Englisch. Sein Spanisch war rauh und hatte gelegentlich etwas Gezwungenes, dem sein Augen widersprachen (s.o., GFL). Das Land deines Großvaters, er ruhe in Frieden, habe ich durchstreift wie ein rastloser Schatten (s.o., GFL), sagte er einmal zu mir.“

S.93 „Eines Morgens schenkte er mir ein Klappmesser“ … „Am nächsten Morgen war der Wurm nicht mehr da. Zwei Tage später suchte ich nach ihm in der Pension, wo man mir sagte, er sei in den Norden (!, GFL) gefahren. Ich sah ihn nie wieder.“

S.79 „Nie sah ich ihn mit einer Zeitung, mit einem Brötchen, mit einem Bier, mit einem Buch. Nie sah ich ihn mit jemandem sprechen.“

S.90 „In dem Zimmer stand ein breites Bett, ein Nachttisch, ein morscher Kleiderschrank.“ … „Unter dem Bett erspähte ich einen edlen Lederkoffer einen von der Sorte, die ein Schloß haben wie ein Tresor (s.o., GFL). Ich entdeckte keine einzige Zeitung oder Zeitschrift.“

S.86 „Als es aufhörte zu regnen, zog der Wurm ein Bündel Scheine aus der Tasche, bezahlte und ging.“

S.90 „Gib mir Geld, damit ich dir etwas aus der Apotheke holen kann, sagte ich. Er reichte mir ein Bündel Scheine, das er aus seiner Hosentasche zog, und lag wieder still. Ab und zu überlief ihn von Kopf bis Fuß ein Schüttelfrost, als sollte es mit ihm zu Ende gehen.“

S.92 „Wie gewöhnlich starrte er vor sich hin und schien gesund. Als wir uns an diesem Mittag trennten, reichte er mir mit mürrischer Geste mehrere Geldscheine und sagte etwas von Ungelegenheiten, die ich tags zuvor gehabt hätte. Es war viel Geld.“ … „Es ist lange her“ … „Ich weiß nur noch, daß es ausreichte, mir zwanzig Bücher und zwei Platten von den Doors zu kaufen, und daß es für mich ein Vermögen war. Geld hatte der Wurm genug.“

S.89 „Ich fand schnell heraus, daß er immer eine Waffe trug. Erst dachte ich, er sei vielleicht Polizist oder verfolge jemanden, aber es stellte sich eindeutig (!, GFL) heraus, daß er kein Polizist war (oder zumindest nicht mehr)“ … „Als ich ihn fragte, warum er bewaffnet sei, antwortete der Wurm, aus Gewohnheit, und das glaubte ich ihm sofort. Er trug die Waffe im Kreuz, zwischen Rücken und Hose. Hast du sie oft benutzt? fragte ich. Ja oft, sagte er.“

S.89f „Du hast Fieber, sagte ich, du mußt dich hinlegen. Trotz seiner Proteste begleitete ich ihn zu der Pension, in der er wohnte. Leg dich ins Bett sagte ich. Der Wurm zog sich das Hemd aus, schob die Pistole unter das Kopfkissen und schien auf der Stelle einzuschlafen, wenn auch mit offenen, starr zur Decke gerichteten Augen.“

S.90 „Als ich gerade gehen wollte, öffnete er die Augen und begann, von Villaviciosa zu erzählen.“
S.91 „Er sagte, der Ort sei zwei- bis dreitausend Jahre alt und seine Einwohner arbeiteten als Mörder und als Schutzleute (s.o, GFL). Er sagte, ein Mörder verfolge keinen Mörder, das wäre so, als würde eine Schlange sich in den Schwanz beißen. Er sagte, es gebe Schlangen, die sich in den Schwanz beißen. Er sagte, es gebe sogar Schlangen, die würden sich selbst verschlingen, und wenn man eine Schlange dabei beobachte, wie sie sich selbst verschlingt, solle man schleunigst verschwinden, denn am Ende geschehe immer etwas Schlimmes, gleichsam eine Explosion der Wirklichkeit (s.o., GFL).“

S.91 „Er sagte, die Leute würden manchmal lange dastehen und den Horizont betrachten, die Sonne, die hinter der Anhöhe El Lagarto untergeht, und der Horizont sei fleischfarben, wie der Rücken eines Sterbenden. Und was erwarten sie, das am Horizont auftauchen soll? fragte ich. Meine eigene Stimme erschreckte mich. Keine Ahnung, sagte er. Dann sagte er: Eine Rute (!, GFL). Und dann: Wind und Staub vielleicht.“

S.93 „Irgendwann fragte ich ihn, welche Sorte Frauen ihm gefiele. Eine dämliche Frage, typisch für einen Jugendlichen, der nur die Zeit totschlagen will. Aber der Wurm nahm sie völlig ernst und grübelte lange über einer Antwort. Endlich sagte er: Ruhige Frauen. Und fügte dann hinzu: Aber ruhig sind nur die Toten. Und nach einer Weile: Genau betrachtet nicht einmal die Toten.“

S.81 (aus der Filmerzählung der Seiten 80 bis 82:) „Eines Tages dringt ein entflohener Sträfling heimlich in ihr Haus ein und nimmt sie als Geiseln.“ … „Der Sträfling ist kein Mörder, jedenfalls kein Frauemörder, und er rettet die Blonde.“ …“Die Tage vergehen, und die Mädchen und der Sträfling kommen sich allmählich näher. Der Sträfling erzählt seine Geschichte: Er ist ein Exbankräuber, ein Exgefangener, seine Exkollegen haben seine Frau umgebracht.“

S.82 „In einer Regennacht fliehen der Sträfling, der zuvor seine beiden Exkumpel umgebracht hat, und die Blonde mit unbekanntem Ziel, und die Rothaarige sitzt in einem Sessel, liest, gibt ihnen einen Vorsprung, bevor sie die Polizei ruft. Beim dritten Anschauen des Films fiel mir auf, daß das Buch, das sie liest, D e r   F a l l  von Camus ist.“

S.83 „Sofort erkannte ich Jaqueline Andere.“ … „Ich weiß nicht, warum ich auf die Idee kam, sie um ein Autogramm zu bitten, dergleichen hat mich nie interessiert. Ich wartete das Ende des Drehs ab.“ …

S.84 „Einen Stift, sagte sie, einen Stift zum Unterschreiben. Ich suchte in meiner Jackentasche nach einem Kuli und ließ sie auf der ersten Seite von   D e r  F a l l  unterschreiben. Sie nahm mir das Buch aus der Hand und betrachtete es ein paar Sekunden lang. Wie soll ich unterschreiben, fragte sie, als Albert Camus oder als Jaqueline Andere? Wie du magst, sagte ich. Obwohl sie nicht vom Buch aufschaute, sah ich, daß sie lächelte.“ …
„Du hast mir eine Frage noch nicht beantwortet, sagte sie, indem sie aufschaute und mir in die Augen sah. Welche Frage? fragte ich. Was du hier treibst. Als ich jung war, hingen die Schulschwänzer in den Billard- und Bowlingschuppen rum. Ich lese Bücher und geh ins Kino, sagte ich. Außerdem schwänze ich nicht die Schule. Klar, du desertierst, sagte sie. Diesmal war ich es, der lächelte.“ …

S.85 „Auf der ersten Seite von  D e r  F a l l  hatte Jaqueline  geschrieben: „Für Arturo Belano, Gymnasiast auf freiem Fuß, mit einem Kuß von Jaqueline Andere.““

Am Schluss noch ein Zitat, in dem mir neben dem grundlegenden Motiv des „Meeresgrundes“ auch die surrealen, traumhaften  Züge so mancher Passagen, die wir in „2666“ finden können, vorweggenommen zu werden scheinen:

S.85 „Nach dem Fortgang der Filmleute, stellte ich erschrocken fest, hatte die Szenerie eine minimale, aber entscheidende Veränderung erfahren: Es war, als hätte sich das Meer aufgetan und als würde man jetzt den Meeresgrund sehen. Die leere Alameda war der Meeresgrund und der Wurm seine wertvollste Perle.“

8 Responses to “Der Wurm”

  1. Günter Landsberger

    In der Rolle des Juvavisten frag ich jetzt GFL, also mich selber:
    Warum zitierst du hier so ausführlich die Erzählung im Wortlaut? Lesen kann die doch jeder selber?

    Darauf GFL: Dass man die ganze Erzählung selber lesen kann, das weiß ich und das hoff ich. Aber gerade dadurch, dass ich sie so ausführlich zitiere, deute ich ja an, wie viel über diese Erzählung noch zu sagen wäre. Und wer sich meine Zitatabfolge etwas genauer ansieht, wird ja merken oder, pardon, gemerkt haben, dass ich von bestimmten Stellen der Erzählung aus zu anderen auf dieselben antwortenden in ihr komme und so einen bestimmten Lesevorgang mit fortlaufend stellbaren Fragen anrege, die beantwortet eine eigene Lesart, ja Interpretation ergäben.

    Juvavist: Warum wurdest du hier überhaupt so ausführlich?
    GFL: Ja, ich habe schon gemerkt, dass dies ein Fehler war. Und du selber hast ja auch völlig zu Recht unlängst getwittert:

    „Kürze weckt Missverständnis, Ausführlichkeit das Missverständnis, alles sei gesagt.“

    Andererseits: Ich finde gerade diese Erzählung RBs besonders gut gelungen und sie zu kennen nicht unwichtig.

  2. Dietmar Hillebrandt

    Auch wenn ich lieber schweigen würde:
    Nicht umsonst ist manchmal „Reden Silber und Schweigen Gold“ oder
    kürzer: „In der Kürze liegt die Würze“,noch kürzer „be brief“.
    Shakespeare: Richard III, I:4
    ‚Tis better to be brief than tedious.‘
    Bitte erklären Sie kurz etwas zu Ihrem Reporter-Twitter Alter ego „Juvavist“. Ich habe keine Vorstellung, was dies bedeuten könnte. Ich kenne nur Java und Vista. Vielleicht was mit Jura, aber Sie sind doch Deutschlehrer.
    (Also Dietmar, werd´ hier bloß nicht zu persönlich 🙂

  3. Günter Landsberger

    Die alte Stadt „Iuvavum“ ist mit diesem Namen die Vorläuferstadt der Stadt Salzburg. Ich bin in Salzburg geboren und habe dort die ersten neuneinhalb Jahre meiner Kindheit verbracht. Es vergeht kaum ein Jahr, in dem ich seitdem nicht wenigstens einmal für eine kurze oder auch längere Zeit dort gewesen bin. Nebenbei: Dass auch Mozart und Trakl dort geboren sind, dass auch Paracelsus, Michael Haydn, Stefan Zweig und Max Reinhardt einmal dort zwischen Leopoldskron und Kapuzinerberg oder genau dort gewohnt haben, freut mich besonders.

  4. Günter Landsberger

    Gerne geschehen, DH.
    Im Übrigen kein Problem: Nicht dadurch wird man zur Person, dass man alles verbiestert persönlich nimmt.

  5. Günter Landsberger

    Gerade ist der Gedichtband RBs „THE ROMANTIC DOGS / 1980 – 1998“ (New York 2008) bei mir eingetroffen. 1. Überraschung: Es ist eine zweisprachige Ausgabe (Originalspanisch + englische Übersetzung). 2. Überraschung: Ab S. 16 / 17 findet sich ein langes Gedicht darin mit dem Titel „EL GUSANO“ (The Worm). Auch inhaltliche Übereinstimmungen mit der von mir vorgestellten Erzählung sind unverkennbar. In welchem Ausmaß das der Fall ist, muss ich noch überprüfen.

  6. Günter Landsberger

    „Kannitverstan“
    (Gab es da nicht einen Handwerksburschen, auch aus Tuttlingen, bei Johann Peter Hebel?)

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