Die Fährte des Neuen Dekadentismus

Trotzdem, die Ausstellung hätte weder diesen Erfolg noch dieses Echo gefunden, wäre da nicht das Star-Gemälde gewesen, deutlich kleiner als die anderen, das Meisterwerk, das Jahre später etliche britische Künstler auf die Fährte des Neuen Dekadentismus lockte. Dieses zwei mal ein Meter große Bild war, richtig betrachtet (obwohl niemand sicher sein konnte, dass er es richtig betrachtete), eine Überblendung von Selbstbildnissen oder auch eine Spirale von Selbstbildnissen (je nachdem, aus welchem Blickwinkel man es betrachtete), in deren Mittelpunkt die mumifizierte rechte Hand des Malers hing.

Folgendes war passiert. Eines Morgens, nach zweitägiger fieberhafter Arbeit an den Selbstporträts, hatte sich der Maler die Hand, mit der er malte, abgeschnitten. Dann hatte er sich den Arm mit einer Aderpresse abgebunden und die Hand zu einem Präparator gebracht, den er kannte und der bereits über die Art der neuen Arbeit, die ihn erwartete, informiert war. Anschließend fuhr er ins Krankenhaus, wo die Blutung gestillt und der Armstumpf vernäht wurde. Irgendwann fragte jemand, wie es zu dem Unfall gekommen sei. Er antwortete, er habe sich bei der Arbeit mit einem Hackmesser aus Versehen die Hand abgeschnitten. Die Ärzte fragten nach dem Verbleib der Hand, da ja immerhin die Möglichkeit bestand, sie wieder anzunähen. Er sagte, er habe sie aus Schmerz und purer Wut auf dem Weg zum Krankenhaus in den Fluss geworfen.

Gleich zu Beginn des Abschnittes, der diese Woche zu lesen war, findet sich diese Geschichte. Laut Feuilleton eine Schlüsselszene von 2666. Der Maler soll später im Buch weitere Male auftreten, also denke ich, kommen wir nicht umher, uns diese Szene genauer anzuschauen. Assoziationen, Deutungsversuche, Wertungen?

4 Responses to “Die Fährte des Neuen Dekadentismus”

  1. Günter Landsberger

    Assoziationen:
    Raffael ohne Hände
    van Goghs abgeschnittenes Ohr
    Wilhelm Hauffs „Geschichte von der abgehauenen Hand“
    „Schigaljowerei“ in Dostojewskijs „Bösen Geistern“
    („Einem Cicero wird die Zunge abgeschnitten, einem Kopernikus die Augen ausgestochen, ein Shakespeare wird gesteinigt – das ist die Schigaljowerei!“ (FT 14658, F.a.M. 2001, S.550)
    „Reality TV“
    Reality Art
    Theater der Grausamkeit
    gewalttätige Durchbrechung bloßer Fiktion
    Ausbruch aus dem Spiegel

  2. Günter Landsberger

    Schon bei Friedrich Schlegel in der Frühromantik hieß es, dass das Schöne in der Kunst (der Gegenwart und Zukunft) abgelöst werde von dem Interessanten, dem Frappantem, dem Choquanten. -Sofern das Interessante usf. die Kehrseite der Langeweile, des Immer-neu-langweilig-Werdenden ist, jagen sich seitdem die sich überbieten wollenden …-ismen.
    Bei Jean Paul zudem las ich ein Notat von 1800, in dem er in der Musik die Freisetzung der Dissonanz voraussah, weil die Harmonien und die erlösende Auflösung der Dissonanzen ins Harmonische auf Dauer langweilig würden.

  3. Günter Landsberger

    Nachtrag zu 1:
    Elias Canetti: „Die gerettete Zunge“

  4. mediokra

    Ich habe auch unweigerlich an Vincent von Gogh gedacht, zumal die „Kritiker“ Johns in einer psychiatrischen Klinik besuchen.

    Eine zweiter Gedanke war, dass der Künstler sich mit dem Einfügen der Hand in ein Kunstwerk im wahrsten Sinne des Wortes selbst in das Kunstwerk eingebracht hat. Gerade in der Literatur fragen Leser sich ja oft, wie viel vom Autor in seinen Figuren steckt. Vielleicht ein Spiel von Bolano mit Identität.

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