Freuden der Jagd

Die beiden Herren, die Urrutia nach Europa schicken, tragen zwei seltsame Namen: Odeim und Oido – das sind die spanischen Worte für Furcht und Hass rückwärts geschrieben. Das erklärt vielleicht das ungute Gefühl, dass Urrutia in ihrer Gegenwart stets befällt, oder auch schon beim bloßen Gedanken an sie. Aber wie verhält sich dieses Gefühl zu der Mission, mit der sie ihn beauftragen? Gibt es etwas Harmloseres, als auf Kosten anderer durch Europa zu reisen und sich über Mittel der Taubenbekämpfung zu informieren? Können Furcht und Hass die Triebfedern einer solchen Unternehmung zu sein? Trotz seiner Skepsis den Auftraggebern gegenüber ist Urrutia sofort begeistert von ihrem Anliegen, er sieht sich selbst als den idealen Mann für den Job. Für den Leser freilich hat das alles eine erschreckende Schieflage. Und tatsächlich kommt es während der Europa-Reise zu verschiedenen Zwischenfällen. In Frankreich reißt der Falke von Bruder Paul eine Taube, die zu Ehren einer Sportveranstaltung frei gelassen wird. Die versammelten Sportler und Autoritäten sind empört, nur die anwesenden Kinder sind begeistert und löchern Bruder Paul mit Fragen zu seinem Falken. Sie sind es auch, denen der Geistliche sich dann zuwendet, nachdem er sich zuvor recht lässig bei den anderen entschuldigt hat – mit einer Geste, als wolle er sagen: Tut mir Leid, jeder macht mal einen Fehler. Das alles ist schon sehr seltsam. Was soll man als Leser mit solch einem galoppierenden Symbolismus anfangen? Die Rede des Sterbenden ist geprägt von einem Exzess, einem Überschuss an Sinnproduktion; man möchte als Leser gerne dazwischen gehen und unterbrechen – aber vielleicht ist die Rede selbst ja nichts anderes als eine endlose Kette von Unterbrechungen?

10 Responses to “Freuden der Jagd”

  1. Andreas Gierth

    Ich teile die hier angemeldeten Zweifel (s. z. B. Symbolismus) und muss gestehen, dass ich inzwischen nicht mehr sicher bin, ob ich „Chilenisches Nachtstück“ als Leser für besonders gelungen halte.

  2. Günter Landsberger

    Das Buch kann erst als Ganzes beurteilt werden. Auch mein (wie immer vorläufiges) Urteil könnte ich bereits abgeben: Aber haben denn schon alle zu Ende gelesen?
    Zunächst ist zu gestehen, dass ich all die Symbolismen und bildhaften Verklausulierungen beim Lesen selber nie so bleiern schwer genommen habe, wie es beim scheinbar eilfertig deutungsbereiten Besprechen vielleicht herüberkommt. Das suggestiv Bedeutungsaufgeladene verdichtet sich im Erzählfluss dieses Kurzromans zwar immer wieder gleichsam zu Strudeln, gelesen habe ich das Ganze aber keineswegs so schwerlastig. Meinem Empfinden nach schwingt das meiste nur mit, man darf alles nicht zu bedeutungsschwer lesen. Die Grundlinien treten ohnehin hervor. (So kommt z. B. das Schatten-Motiv in mehrfacher Hinsicht vor und muss gar nicht exquisit auf Platons Ideeenlehre festgelegt werden. Das wird nur angetippt, blitzt nur annähernd auf.) – Dass ich die Namen Odeims und Oidos, die beide als Personen zuerst mit jeweils einer „gelben Straße“ in Verbindung gebracht werden, selbst zunächst nicht als Begriffsmaskierungen gelesen habe, hat nicht geschadet; figürlich funktionierte es trotzdem. Der verhaltene, bei mir von Hause aus (man glaubt es kaum) eher vorsichtige Drang zur Entschlüsselung wird zwar immer wieder geweckt, aber, wie gesagt, die Assoziationen (meine Assoziationen) schwingen nur tastend mit, sind nicht aus auf plumpe Festlegungen. Das wirkt manchmal nur so, wenn man sich antwortend äußert.
    Ganz nah an den Grundlinien der Erzählung sind manchmal Episoden, die ganz schlicht, behutsam und direkt zu wirken vermögen (ohne jegliche barocke Überladenheit bzw. ohne jeden an Symbolismus erinnernden Prunk). Eine von solchen mich beim Lesen sofort aufrührenden Episoden ist z. B. jene gewesen, die von Seite 89 (drittletzte Zeile) bis Seite 90 (neunte Zeile) reicht. Der für die Haltung maßgeblicher Gruppen und Personen in diesem „Nachtstück“ typische Kehrseitengrundzug kommt hier besonders gut, weil wie von ungefähr, zur Geltung: ihre ganze Gleichgültigkeit und Verächtlichkeit gegenüber sozial Schwächeren, ihre Mitleidlosigkeit.
    Hier übt RB indirekt Kritik, durch die Maske seines Ich-Erzählers, seiner mit ihm nicht identischen Rollenfigur hindurch (als Autor hat er natürlich Anteil an allen seinen Figuren, ist er in einem bestimmten Sinne alle seine Figuren). Indirekte, aber deutliche Kritik übt er auch vermittels seines glänzend suggerierten Nebeneinanders innerhalb seiner Parallelerzählung von des Ich-Erzählers bewusst abgehobener Lektüre griechischer Klassiker und der prekären chilenischen Zeitgeschichte. Elitärer ästhetizistischer (nicht: ästhetischer!) Dünkel im Verein mit sozialer Gleichgültigkeit und Mitleidlosigkeit finden sich unverkennbar auch hier.
    Das ganze Buch bietet die erzählerische Selbstentlarvung eines sich hinter Verdrängungen, Sublimierungen und Rationalisierungen gewohnheitsmäßig versteckenden Ästhetizisten. Dass dabei immer wieder Symbolismen unterlaufen, gehört genuin zur Rollenfigur, ist keine Schwäche des Autors.

  3. Herbert Fraunhoffer

    Urrutia Lacroix wird also von Furcht und Hass aus Chile ins alte Europa vertrieben. Aber wovor fürchtet er sich so sehr, was hasst er? Ist es der chilenische Literaturbetrieb oder eher sein priesterliches Leben? Durch die Beschreibung der beiden Herren Odeim und Oido, der eine eher indigen, der andere hell, nordeuropäisch, beide „verfügten sie über keinerlei literarische Kenntnisse“, verdichtet sich der Hinweis, daß es die oberflächliche Art seiner Landsleute, die seine tiefen Beziehungen zur Literatur nicht teilen, die Ursache sind. Die Lektüre der griechischen und lateinischen Klassikern auf dem Schiff verdeutlicht diese Tiefe noch.
    Wenn er von Langeweile, Niedergeschlagenheit getrieben auf das „unausweichliche(n) Fiasko“ zusteuert ist diese Flucht sein einziger Ausweg. Erlangt er doch durch die Reise seine alte Energie und Fröhlichkeit wieder.
    Er lässt Chile hinter sich, ohne allerdings alle Verbindungen zu kappen.

  4. Günter Landsberger

    Merkwürdigerweise nicht die gängige und so naheliegende politische Falken-Tauben-Metaphorik bzw. – Symbolik kam mir bezüglich dieser „Dienst-Reise“ nach Europa (S.89 – S.100) als erstes in den Blick. Vielmehr sah ich vordringlich und zunächst die anderen in unserem Roman einer verquält-bemühten Pseudobeichte selber angelegten Verbindungen zum Falken-Motiv. War da nicht wieder eine Verbindung zu den provenzalischen Troubadours (Sordello, ach Sordello), der mittelalterlichen Falkenbeize und der Minnelyrik hergestellt? Vom berühmten Zweistrophler des Dietmar von Aist (Ich zoch mir einen valken …) her kennen wir das ja auch aus dem Zusammenhang der deutschen Literatur. Und welche Rolle spielt die Falkenjagd so buchstäblich wie metaphorisch (vom Motto an) nicht auch im kolumbianischen Kurzroman von Gabriel García Márquez „Crónica de una muerte anunciada“ („Chronik eines angekündigten Todes“)?

  5. Günter Landsberger

    Erforderliche Selbstkorrektur:
    Nicht Dietmar von Aist, sondern „der von Kürenberg“, der Kürenberger, war der Autor des berühmten Falkenliedes:
    http://www.saelde-und-ere.at/Hauptseite/Arbeitsgruppen/Mhdt/Falkenlied/Falke.html

    @ Herbert Fraunhoffer
    Auf die Lektüre der griechischen und römischen Klassiker wird vom (Politisch-Zeitgeschichtliches und Literarisches parallel schaltenden) Zusammenhang der Seiten 100 bis 104 her (Schwerpunkt S. 102 / 103) ein neues Licht fallen.

  6. Benjamin Loy

    Wie schon von Herbert Fraunhoffer bemerkt, ist die Bedeutung der beiden Auftraggeber Hass und Furcht durchaus schwierig zu entschlüsseln. Letztlich scheinen sie mir einfach als symbolische Ankündigungen der sich innenpolitisch zunehmend aufladenden Situation in Chile,vor allem nach der Regierungsübernahme durch Allende und die Unidad Popular, die nach Urrutias Rückkehr erfolgt. Der Verdrängungs- und Fluchtversuch in dieser Situation, wie ja schon mehrfach bemerkt, verschiebt sich wiederum auf das Feld der Sublimierungen und Ästhetisierungen – während sein Land sich zunehmend politisiert und vor allem polarisiert, flüchtet sich Urrutia nicht nur geographisch, sondern auch gedanklich auf entferntes Terrain: Probleme der europäischen Kirchenarchitektur.

    Schon die Reise nach Europa ist wiederum symbolisch aufgeladen: das Schiff, das ihn nach Italien bringt, trägt den Namen Donizetti und verweist wohl auf den italienischen Opernkomponisten Gaetano Donizetti, der wie schon beim Verweis auf Huysmans zu Beginn des Buches eine Biographie zwischen Kirche (als Komponist formstrenger Kirchenmusik) und (weltlicher) Kunst (als Opern-Komponist)aufweist und, interessantes Detail, am Ende seines Lebens in einem Pariser Irrenhaus endete, wo sich evtl. eine Parallele zum Motiv des Deliriums bei Urrutia erkennen lässt.
    Auch wenn dieser Punkt durchaus Interpretationssache ist, so liegt die Sache bei dem auf S. 86 genannten Intertext wohl eindeutig: Urrutia organisiert eine Lesung von „Nocturno“, eines Gedichtbandes des kolumbianischen Dichters José Asunción Silva. Ohne dieses Buch im Detail zu kennen, kann ich sagen, dass auch dort wieder verschiedene Themen, die im Nachtstück („Chile nocturno“ verweist ja schon im Spanischen auf den Zusammenhang) eine Bedeutung haben, präsent sind: Vergänglichkeit, das Motiv des Erinnerns (in diesem Fall an Silvas verstorbene Schwester, die ihn zu zahlreichen Gedichten inspirierte), allgemein ein große Düsternis und Schwere. Hinzu kommt natürlich auch, dass Asunción Silva als früher Vertreter dessen, was Darío später als „Modernismo“ taufen würde, auch für eine ganz bestimmte literarische Haltung steht: das „l’art pour l’art“, die Schaffung literarisch-fantastischer Kunstwelten,etc. – kurz: alles, was sich auch mit Urrutias Haltung bzw. „Flucht“ nach Europa verbinden lässt.

    Als letzter Punkt soll das Falkenmotiv natürlich nicht unerwähnt bleiben. Auch wenn die Verbindung zu Sordello natürlich ganz klar ist, wie Günter Landsberger schon bemerkt hat, dominiert doch stark die Krieg-Frieden-Metaphorik in dem Bild der Falken und der Tauben. Tatsächlich war es in den lateinamerikanischen Militärdiktaturen durchaus gebräuchlich, diese beiden Bilder zur Unterscheidung verschiedener ideologischer Positionen innerhalb der jeweiligen Streitkräfte zu benutzen. Meiner Meinung nach aber wird hier auch ganz klar auf die gegensätzlichen Haltungen von Allende und Pinochet referriert: Allende, der einen Bürgerkrieg um jeden Preis vermeiden wollte und sich bis zuletzt an die Verfassung als Legitimationsbasis klammerte, und die Militärs um Pinochet, deren einziges Mittel die Gewalt war. Interessant ist im Zusammenhang damit auch der Traum Urrutias auf S. 99, wo es heißt: „Ich erblickte einen Schwarm Falken, Tausende von Falken, die in großer Höhe über den Atlantik in Richtung Amerika flogen.“ Wie dieses Traumbild, das ja wohl für die sich ankündigende (militärische) Gewalt in Amerika steht, genau gedeutet werden kann, darüber bin ich noch unschlüssig: Ich hätte spontan auf eine Parallele getippt zu der Einflussnahme der US-Regierung in Südamerika, die ja nicht unwesentlich an der Installierung verschiedener Militärregierungen in Südamerika beteiligt war. Aber warum fliegen die Falken dann von Europa aus, werden die USA nie mit keinem Wort erwähnt? Oder steht Europa in dem Fall für den „entwickelten“ Westen allgemein und schließt die USA mit ein? Ich habe meine Zweifel…

    Wo meiner Meinung nach aber auf jeden Fall eine Parallele besteht, ist in dem Bild der Kirchenmänner: in Europa trainieren sie die Falken, um die Tauben zu töten; in Chile wird Urrutia (das nehme ich jetzt einfach schonmal vorweg) Pinochet und der Junta Unterricht in Marxismus-Theorie geben, um ihn und seine „Falken“ in Bezug auf die (linken) „Tauben“ zu trainieren.

  7. Günter Landsberger

    Auch die Episode mit dem Falken Rodrigo in Burgos (S.93 -S.96) ist sprechend, in mehrerlei Hinsicht: Einmal ist die Anspielung („Rodrigo“ + „Burgos“) auf den spanischen Nationalhelden (!) El Cid unverkennbar und mit Händen zu greifen: http://de.wikipedia.org/wiki/El_Cid .
    Des weiteren zeigt sich, wie hier ein ausnahmsweises Ausscheren aus der üblich gewordenen klerikalen Falkenposition dem reuigen und schuldbewussten Pater Antonio zunächst zwar gelingt, letztlich aber doch vergeblich bleibt. Als Pater Antonio auf dem Sterbebett liegt, erbarmt sich Urrutia Lacroix nicht wie dieser (in seiner letzten Zeit) in reuiger Umkehr der Tauben, sondern ganz entschieden des Falken Rodrigo. Er setzt ihn gezielt frei, woraufhin dieser ein abermaliges Blutbad unter den Tauben anrichtet.
    (Vgl. auch analog dazu Isaak Babels Kindheitserlebnis der sadistischen Ermordung (s)einer Taube während eines Pogroms, sowie Johannes Bobrowskis auch darauf reagierendes Isaak Babel – Gedicht.)
    Halten wir fest: Hier wird der immer so fromm und harmlos Tuende, sein eigenes Verwickeltsein jeweils Herunterspielende zum ersten Mal selber im Sinne der Falkenpartei aktiv, ist hier schon deutlich mehr als ein bloßer Mitläufer und Sympathisant.
    Kaum dass sich nach seiner Rückkehr nach Chile (mit dem Flugzeug!) der Wahlsieg Allendes bereits abzuzeichnen scheint, ist er in seinem nachträglichen Erzählen gleich wieder da, der untertreibende Tonfall: „Ich bin kein übertriebener Nationalist, aber ich hege eine wahrhaftige Liebe zu meinem Land Chile.“ (S.100f.) Und als Allende die Wahlen tatsächlich gewonnen hat, ist es an uns, wiederum zwischen den Zeilen zu lesen, um uns das von Urrutia nur sehr versteckt Zugegebene auf das eigentlich Gemeinte hin zu verdeutlichen: „Und ich trat vor meinen Spiegel, um die entscheidende Frage zu stellen, die ich mir für diesen Augenblick aufgespart hatte, aber sie weigerte sich, über meine blutleeren Lippen zu kommen.“ (S.101)

    Dass mir gerade bewusst wird, dass bei Dostojewskij am Schluss der Großinquisitorlegende auch dezidiert von den „blutleeren Lippen“ des Kardinalgroßinquisitors die Rede ist, die der eingekerkerte, von Ketzerverbrennung bedrohte Christus küsst, ist hier wohl abwegig, eine bloße Privatassoziation? – Oder nicht?

  8. Herbert Fraunhoffer

    Habe vorhin einen Artikel an Marvin geschickt, in dem ich versucht habe die Namen der Falken zu entschlüsseln. Dieser wird wohl später online gestellt.
    Nur vorweg: bei Rodrigo habe ich mich bewußt für Rodrigo Borgia, der spätere Papst Alexander VI., der auf´s engste mit Südamerika und dessen Aufteilung und Missionierung verbunden ist, entschieden, obwohl wie Günter feststellt natürlich auch El Cid in Betracht kommt. Im Zusammenhang mit dem Auftrag in Europa und den Auftraggebern Odeim und Oido (Angst und Hass), sowie dem Bezug zu Opus Dei, habe ich der klerikalen Schiene den Vorzug gegeben.

  9. Marvin Kleinemeier

    Es sind einige sehr schöne Artikel in der Pipeline (Thorsten Krämer, Herbert Fraunhoffer, Alea Torik(!) ), die ich heut Nachmittag in der Uni veröffentlichen werde. Leider habe ich zu Hause immernoch Probleme mit dem Netz! Tut mir Leid!

  10. Der Buecherblogger

    @Landsberger/Symbolismus/Ich-Erzähler/Schwerlastigkeit

    Elitärer ästhetizistischer Dünkel im Verein mit sozialer Gleichgültigkeit und Mitleidlosigkeit finden sich unverkennbar auch hier.
    Das ganze Buch bietet die erzählerische Selbstentlarvung eines sich hinter Verdrängungen, Sublimierungen und Rationalisierungen gewohnheitsmäßig versteckenden Ästhetizisten. Dass dabei immer wieder Symbolismen unterlaufen, gehört genuin zur Rollenfigur, ist keine Schwäche des Autors.

    Absolut richtig! Wahrscheinlich wird der auf die chilenische Kultur bezogene hintergründige durchaus leichte Humor und der Sarkasmus Bolaños in der Übersetzung natürlich nicht so deutlich.

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