Für das Verstehen des Herzens

Das Kölner Literaturhaus und die Literarische Gesellschaft Köln lockten am Dienstag eine große Horde “wilder” Leser ins “Finstere Herz der modernen Welt”. Moderiert von Norbert Wehr, führte Christian Hansen in Roberto Bolaños posthum erschienenen Großroman 2666 ein, den er in intensiver Arbeit innerhalb von drei Jahren ins Deutsche übersetzte, so dass er in diesem September durch den Hanser Verlag aus München auf den deutschen Markt gebracht werden konnte.

Dabei betonten sowohl Moderator als auch Übersetzer gleich zu Beginn, dass man bei einem Roman wie 2666 in diesem Rahmen allenfalls grobe Schneisen werde schlagen können. Diese Schneisen setzte Hansen wohl überlegt an und mischte Ausschnitte des Romans mit Episoden aus seinem “Übersetzernähkästchen”, dass er bereits für zwei666.de einige Male geöffnet hat, und Anekdoten aus Bolaños Privatleben und dem literarischen Entstehungsprozess einiger Werke.

Die Einteilung in einzelne Romane oder Veröffentlichungen sieht er bei Bolaño als marginal, so entfalte sich das Werk des gebürtigen Chilenen ja “über die Buchdeckel hinweg”. Eine Figur, die in einem der kürzeren Werke vielleicht als Randfigur einen einmaligen Auftritt hat, könne im nächsten Werk schon als Protagonist herhalten. So ziehen sich Figuren, Themen, Kulissen und Motive durch alle Romane und Erzählungen. Die Sprache spiele dabei nur eine untergeordnete Rolle, sagt Hansen, obwohl er die Qualität der Sätze damit nicht schmälern will, viel mehr diene die Sprache einem bestimmten Zweck, werde instrumentalisiert und “transparent” gemacht. Hansen beschreibt Bolaño als einen Protraitzeichner anstelle eines Landschaftsmalers, der es mit wenigen strichen vermag, einen Charakter in seinem exakten Wesen zu skizzieren. Dabei solle man ruhig einige Passagen etwas schneller lesen, versuchen das Gesamtbild zu sehen, das gezeichnet werde – Hansen nennt es eine Form des Daumenkinos, die bei Bolaño zu tragen komme. Dies diene zu weiterer Transparenz und einer Leseerfahrung, die man als “Verstehen des Herzens” bezeichnen könne.

Sich drei Jahre mit einem einzigen Werk zu befassen, kann einen Übersetzer in den Wahnsinn treiben. Dass das bei Christian Hansen nicht der Fall war, lege vor allem an der Beziehung, die er zu seinem Gegenüber aufgebaut hat und die für ihn das wichtigste Element bei der Auswahl seiner Aufträge ist. “Ich muss mich mit  dem Autor streiten können, den ich übersetze, und mit Bolaño ging das wunderbar.” Damit bezieht er sich allerdings auf das imaginäre Gespräch, das er direkt am Schreibtisch sucht. Das persönliche Gespräch konnte Hansen bei der Arbeit an 2666 ja leider nicht mehr suchen.

Christian Hansen ist in den vergangenen zehn Jahren so tief in das Werk und Leben Roberto Bolaños eingetaucht, dass eine neurologische Verknüfung stattgefunden haben muss. Die Leidenschaft und Intensität, mit der er für diese Literatur einsteht, ließen die Zuschauer in vielen Situationen vergessen, dass man keine Autorenlesung, sondern einen Abend mit dem Übersetzer des Werkes besucht. Der Ausblick auf weitere Werke, die ebenfalls posthum erscheinen werden, lässt Einiges hoffen für die nächsten Jahre. Christian Hansen auf der Übersetzerseite setzt der Leser dafür jetzt einfach mal voraus.

Marvin Kleinemeier

3 Responses to “Für das Verstehen des Herzens”

  1. Günter Landsberger

    Folgendes Zitat aus einem der Gespräche Lerke von Saalfelds mit der großen Übersetzerin Swetlana Geier lässt sich, scheint mir, auch auf Roberto Bolaño und sein Lebenswerk beziehen:
    „Ich denke, große Schriftsteller schreiben immer nur das eine; ich denke, auch Shakespeare hat nur das eine Buch geschrieben, Puschkin hat nur das eine Buch geschrieben, Dostojewskij hat ein überdimensionales einziges Buch geschrieben. Es ist immer dasselbe, aber es erscheint in verschiedenen Konstellationen und in verschiedenen Kleidern und Rollenverteilungen.“
    (Swetlana Geier – Leben ist Übersetzen / Gespräche mit Lerke von Saalfeld, Zürich 2008, S.50)

  2. Günter Landsberger

    … aber auch die Lyriker Hölderlin, Trakl, Theodor Kramer …

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