Gedankenfetzen zum „Lumpenroman“

a) Gattungsbezeichnung als Titel?

Auf deutsch: „Lumpenroman“ (Assoziation  Goethe: „Nur Lumpe sind bescheiden.“) . –  Spanischer Originaltitel : „Una novelita lumpen“.  Eine Lumpennovelette, ein  Lumpenromänchen sonach? Novelette als Gattungsbezeichnung für eine Novelle? Für einen kleinen Roman? Was ja z. B. in der deutschsprachigen Tradition nicht ganz dasselbe ist. Thorsten Wiessmann verwies zu Recht auf die Ausdrucksübereinstimmung mit Stefan Zweigs „Sommernovellette“.

„Lumpenroman“? Assoziationsreihe: Schelmenroman, Picaro-Roman. Anders als sie, zumindest nicht  so ausgeprägt wie diese, ist der  „Lumpenroman“ eben nicht  als Stationenroman geschrieben.

Vergleichbar vom Umfang her aber ist z. B. der „Lazarillo da Tormes“ (übs. ins Deutsche u. a. vom „Rayuela“-Übersetzer Fritz Rudolf Fries!). Darin auch das in der iberischen (Saramago) + lateinamerikanischen  Literatur (Sábato), spanischen Malerei (Goya) und Filmkunst (Buñuel) besonders häufig  vorkommende Motiv des bzw. der Blinden. Aber auch in Ödön von Horváths bekanntestem seiner drei Romane, „Jugend ohne Gott“, gibt es ein einschlägiges Kapitel, in dem gezeigt wird, wie 3 Halbwüchsige, darunter ein die beiden Jungen tonangebend  anführendes Mädchen,  sich die Blindheit einer alten Bäuerin für einen rücksichtslosen Mundraub zunutze machen.

Weitere Assoziation (s.o.): Landstreicherromane (vgl. die Romantrilogie von Knut Hamsun).

Benutzt Bolaño den im Deutschen zweideutigen Ausdruck „Lump(en)“  in seinem Titel bewusst auf deutsch? Auch weil der Ausdruck „Schelmenroman“, an den sein Titel vage erinnert, ein im Spanischen  vielleicht deutsch belassener literaturwissenschaftlicher Fachausdruck geblieben  ist?

Will er womöglich gar die Assoziation eines kleinen Romans, der in Lumpen daherkommt, in uns wachrufen, einer Novelette, die  „zerrüttet, unbeschuht“ daherkommt wie die Liebe in  Eduard Mörikes „Peregrina“-Gedichten?

b) Namengebung

Bianca, Blanche (die Weiße) und die Bedeutung von Licht und Finsternis, von hell und dunkel, von schwarz und weiß im Wechsel von Kontrastierung, Vertauschung und Gleichsetzung …

Maciste“, in der italienischen Aussprache lautlich sehr nahe an das spanische „macho“ (= männliches Tier) gerückt, heißt eigentlich: „Giovanni Dellacroce“ (S.63), leicht übersetzbar hieße das im Deutschen Johannes vom Kreuz bzw. im Spanischen Juan de la Cruz. Die Anspielung auf diesen großen spanischen, klösterlichen Mystiker dürfte nicht unbeabsichtigt sein. Wie ernst und gewichtig ist sie gemeint? Beim allerersten Lesen schon war ich dadurch bereits etwas vorbereitet auf spätere Zimmerbeschreibungen wie diese: „Insgesamt machte das Zimmer einen klösterlichen Eindruck von Geräumigkeit und Armut.“ (S.79) Aber auch darauf, dass in der „Bibliothek ohne Bücher“ in einer Nische zwischen zwei Porträtbildern von „Maciste“ – als Mittelteil eines höchstprivaten Triptychons von Gemälden – das „Bild des Heiligen Pietrino von den Seychellen“ hängt. (S.79f. + S.98). Ob diese Dimension, die hier anklingt, über eine bloße Paradoxie hinausgeht und mehr als bloß eine frivole Spielerei bzw. ein grundloses Hoffen meint, wäre insgesamt zu erkunden. Zumindest dürfte unser Blick auf das Ganze und die Details des „Lumpenromans“ von da her noch zusätzlich geschärft sein.

c) Eingangsszene

Zu Beginn der Novelette sehen wir uns einer Situation konfrontiert, in der zwei Halberwachsene,

um nicht zu sagen „Grünschnäbel“ (vgl. Roberto Bolaños „Chilenisches Nachtstück“),  ein Mädchen (Bianca) und ihr Bruder, durch das Autounglück ihrer zu zweit in den Urlaub gereisten Eltern zu Vollwaisen geworden sind. Dieses Factum brutum am Anfang (Verlassenheit; Auf-sich-allein-Gestelltsein) hat mich motivisch gleich an einen ähnlichen Anfang eines leider nicht allzusehr bekannten Romans der deutschen Literatur erinnert: an Wilhelm Raabes sehr lesenswerten Kurzroman „Im alten Eisen“. In ihm ist ein nur etwas jüngeres Geschwisterpaar als bei Bolaño, Junge und Mädchen auch hier, durch den Tod ihrer todkranken Mutter nun ebenfalls vollständig verwaist und mit einem Mal ganz allein im großen kalten Berlin des späten 19. Jahrhunderts. – So unterschiedlich zu Bolaño hier auch erzählt wird, aber ebenfalls gut (!) – ein Vergleich lohnt sich  allemal. Und wenn wir schon bei der Möglichkeit zu Vergleichen sind: Mir ist als Ergänzung – auch wenn man sich nur auf die deutschsprachige Literatur beschränkt – inzwischen eine ganze literarische Reihe in den Sinn gekommen. Marie von Ebner-Eschenbach: „Das Gemeindekind“, Franz Carl Weiskopf: „Die Geschwister von Ravensbrück“,  E. Hackl: „Abschied von Sidonie“, Heinrich von Kleist: „Der Findling“.

Übrigens: Einen Adoleszenzroman hat Wilhelm Raabe auch geschrieben: „Prinzessin Fisch“ (mit Bezug auf die in Goethes Gedicht „Der neue Amadis“ Apostrophierte).

Dennoch: Trotz aller Vergleichbarkeiten bleibt  Bolaños „Lumpenroman“ ein Werk sui generis, ein Werk ganz eigener Art.

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FETZEN 69 / I + II: Zur anderen Dimension

Dass der „Lumpenroman“ als interessant ungewöhnliche und doch unkompliziert erzählte Geschichte gut nacherzählbar ist – was  sich inzwischen die einschlägigen Rezensionen in ihrer Teilfunktion als Inhaltsangaben nachprüfbar zunutze gemacht haben, wird ihm eine zahlreiche Leserschaft sichern. Und die hat er sich auch zweifellos verdient. Und zwar in jedem Sinne. Im vordergründigen wie auch  im nicht vordergründigen.

Die meisten Leser… werden nämlich nicht verkennen, dass der so bescheiden als Romänchen auftretende Roman („nur Lumpe sind bescheiden“) von Anfang an transzendiert, bei all seiner Nähe zu symptombeladener, kaum erhebender Gegenwartsrealität immer schon eine andere Dimension mit im Blick hat.

Wodurch gelingt es, von Anfang an diesen Eindruck zu erwecken, der – dies sei schon verraten – bis zum Ende hin bedenkenlos durchgehalten wird?

Bereits mit dem ersten Satz ihrer Erzählung von ihrer jüngstenVergangenheit, in der sie – und ihr (wie sie selber noch nicht volljähriger) Bruder – durch einen Autounfall schlagartig beide Eltern verloren hatte und sie unversehens nach und nach – und in ihrem Selbstverständnis! –  kriminell wurde, verweist Bianca, die Ich-Erzählerin, auf die nun neue, aktuelle Gegenwart ihres Mutter- und Verheiratetseins, durch die ihre Geschichte, die in kontinuierlicher Folge von ihr selber erzählt wird,  zur Geschichte einer schon zurückliegenden Vergangenheit wird.

Wodurch aber wird diese Geschichte auch als chronologisch gesehen abgeschlossene erzählenswert? Sie bloß als Resozialisierungsgeschichte, als Geschichte einer zuguterletzt gelingenden Resozialisierung der weiblichen Hauptperson zu sehen, würde gewiss zu kurz greifen.

Anzeichen, die auf eine andere Dimension hindeuten, gibt es von Anfang an.

Nehmen wir doch nur den folgenden Satz, der im Zusammenhang mit Biancas Erzählung von der Beerdigung der Eltern von ihr geäußert wird, als Beispiel: „Da wusste ich (obwohl ich das im Grunde schon immer gewusst hatte), dass mein Bruder und ich allein waren in der Welt.“ (S.10) Heißt das nicht im Klartext: Durch den Unfalltod der Eltern sind wir jetzt zwar ganz offiziell Vollwaisen geworden, sind es aber eigentlich schon vorher gewesen?!

Meint dies nun: die Eltern hätten sich schon bei Lebzeiten nicht genug um ihre Kinder gekümmert? Oder ist damit durchgreifender das Bewusstsein von einer noch grundsätzlicheren Verlassenheit gemeint?

Handelt es sich um eine in erster Linie gesellschaftlich und sozial in Betracht kommende Verlassenheit (mit tendenzieller Verwahrlosungsgefahr) oder um eine allgemeine, existenziell noch tiefer fundierte Verlassenheit in einem dann durchaus metaphysischen Sinn: Wir alle sind zutiefst ohne Vater und ohne Mutter, selbst wenn unsere biologischen Eltern noch am Leben wären und erst recht und noch fühlbarer, wenn sie gerade sterben oder schon gestorben sind!? Im letzteren Fall würde ganz entschieden ein Thema aufgegriffen, dass in der gesamten Moderne – mit vielen Stationen seit Jean Pauls „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei“ – immer wieder anklingt. Dies stünde auch im Einklang mit dem von Ödön von Horváth geborgten Titel einer aktuellen NZZ-Rezension zum Lumpenroman: „Jugend ohne Gott“. Nur: das jähe, das bestürzende Zu-Vollwaisen-Werden der beiden Jugendlichen wäre dann unter anderem auch eine gewollte Variante der allgemeinen, oft genug nur latenten Verwaisungserfahrung in einem metaphysischen Sinne, wodurch Biancas autobiographische Erzählung gleichnishafte Züge gewinnt und womöglich auch in diesem Sinne uns alle angeht.

In diese Richtung scheint mir – wiewohl gegenläufig – noch eine andere Erzählebene zu deuten, die als Symbolebene für mich ganz merkwürdige Zusammenhänge mit „Goethes Farbentheologie“ (Albrecht Schöne) aufweist. Wie immer ambivalent das dann von Bolaño her letztlich sein mag, Stellen wie : “Licht … Farbe … alles.“ (S.9) und: „Auf einmal gab es keine Nacht mehr und war alles ein Dauerzustand von Sonne und Licht.“ (S.10) lassen mich durchaus aufhorchen.

In Albrecht Schönes Ausführungen zu Goethes (ketzerisch gegen Newton gerichteter) Farbenlehre  lässt sich unter anderem finden: Die „„herrschende Kirche“ verkündete, daß das farbige Spektrum „eines Wesens“ mit dem weißen Licht sei, in ihm ursprünglich enthalten und durch die prismatische Brechung dann aus ihm zur Erscheinung gebracht.“ Goethe „hingegen hielt die arianische Position. Vor aller Farbenerscheinung, so lehrt er, ist das unteilbar reine Licht. Und die Farben sind ihrem Wesen nach dem Lichte ungleich, sind keineswegs als dessen ursprünglich-uranfängliche Bestandteile immer schon in ihm enthalten, werden vielmehr, wenn das Licht auf die Finsternis trifft, im Medium der Trübe, vom Licht bewirkt, durchs Licht erschaffen. „Die Farben“, lehrt er, „sind Taten des Lichts, Taten und Leiden“ – wie Christus, der leidende Gottessohn, nach arianischer Lehre die vollkommenste Schöpfungstat Gottes war.““ (München 1987, S.73f.)

6 Responses to “Gedankenfetzen zum „Lumpenroman“”

  1. Andreas Gierth

    Lieber Günter,

    wie schön, dass es jetzt wieder losgeht! Also gleich ein paar kleine Kommentare zu deinem Beitrag.

    „Lumpenroman“ = Roman eines Lumpen? Ist Bolano „schweinisch“? (s. Motto)

    Motiv der Blinden: „Über Helden und Gräber“ von Ernesto Sabato?

    Zum Anfang: Siehe mein Beitrag Lumpenroman I

    „Sonne, Licht und berstende Fenster.“ Was sagst du zu den berstenden Fenstern? (Siehe auch LumpenromanI) Das Fenster als Symbol in der Literatur! Hier aber das in tausend Scherben zerberstende Fenster. Welche Sicht auf die Welt gibt das? Dürfen wir annehmen, dass sich die Scherben für die beiden Kinder nicht wieder zusammenfügen werden und sie keine Sicht mehr auf das Ganze der Welt erlangen werden? Übrigens: Lumpen sind auch zerfetze Kleider, keine Ganzes mehr!

    Beste Grüße, Andreas

  2. Günter Landsberger

    Lieber Andreas,
    Fenster zerbersten durch große Druckwellen?
    Ich fühlte mich auch an Expressionistsiches erinnert, an August Stramm, an die Apokalyptischen Landschaften von Ludwig Meidner.
    Ambivalente Verschränkungen bei RB auch hier. Vgl. in Ergänzung dazu meinen Hinweis auf die Goethesche Farbenlehre in meinem GEDANKENFETZEN und FETZEN/69-Beitrag hier.

    „Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch“ (Gottfried Benn)-

    Ja, „Bericht über die Blinden“ im Roman „Über Helden und Gräber“ von Ernesto Sábato. Der war für mich insgesamt als ganzer Roman eine ganz tolle, erregende und äußerst anregende Lektüre. –
    Herzliche Grüße
    Günter

  3. Günter Landsberger

    Lieber Andreas,
    ob Bolaño „schweinisch“ sei, fragst Du vermutlich – und dann mit vollem Recht – im Ernst. Wenn ich von der spanischen Fassung des Artaud-Mottos ausgehe, würde ich das, so abträglich das auch scheinen mag, in einem ganz bestimmten Sinne bejahen.
    Mir war ja (s.o.) aufgefallen, dass der spanische Text die klare Einheitlichkeit der französischen und der deutschen Wortfamilie „cochon“ alias „Schwein“ klar vermeidet, sie gleichsam durchbricht, sofern „cochonnerie“ und „Schweinerei“ im Spanischen in der Erstbezeichnung des Textes ausdrücklich als „marranada“ erscheint. Und dieses Wort hat im geschrieben: Spanischen eine entschiedene Nebenbedeutung. (Oder handelt es sich sogar um eine Hauptbedeutung, eine mindestens gleichberechtigte Bedeutung?)
    Ein Marrane ist ein nur zum Schein zum Katholizismus bekehrter Jude. Konvertiert ist er seinerzeit nur, wenn er nicht fliehen konnte oder wollte, weil ihm sein Leben lieb war und er begreiflicherweise an seinem Überleben und Weiterleben interessiert gewesen ist. Zuinnerst und insgeheim ist er – potentiell stets tödlich bedroht von inquisitorischer Verfolgung – seiner angestammten jüdischen Religion aus Überzeugung treu geblieben. Ich glaube nun tatsächlich, gerade auch nach der Lektüre des „Lumpenromans“, dass man in dem Erzähler Bolaño annähernd so etwas wie einen kryptischen Metaphysiker und Transzendierer (Überschreiter) des bloß Empirischen sehen kann, einen Marranen gleichsam auf das alle Gegensätze und Gebrechen überschreitende Transzendente hin; so ähnlich, wie man einmal Spinoza als einen Marranen der Vernunft bezeichnet hat, mag Bolano, der im immer noch andauernden Zeitalter der „transzendentalen Obdachlosigkeit“ die Erzählformen so meisterlich gut und so nahe an unserem erlebbarem Leben zu nutzen in der Lage war, als ein Marrane der metaphysisch „letzten Dinge“ zu bezeichnen sein.
    Wassilij Rosanow hat einmal über Gogol geschrieben: „Wenn man Gogol liest, hört man auf, der Wirklichkeit zu vertrauen.“ Mir scheint, dieser Satz ließe sich auch auf Roberto Bolaño anwenden. Auch Bolaño hat Wirklichkeit und Wahrheit nicht verwechselt. Auch er hat gewusst, dass man die empirische Wirklichkeit nicht bruchlos mit Wahrheit gleichsetzen darf bzw. nicht so ohne Weiteres damit gleichsetzen sollte.

  4. Andreas Gierth

    Wenn man Bolano liest, hört man auf, der Wirklichkeit zu vertrauen. „Auch Bolaño hat Wirklichkeit und Wahrheit nicht verwechselt. Auch er hat gewusst, dass man die empirische Wirklichkeit nicht bruchlos mit Wahrheit gleichsetzen“ kann.
    Ich würde sagen, man hört auf seinem Bild von der Wirklichkeit zu vertrauen. Sie ist kein Ganzes mehr, sondern ein Haufen von Schreben oder eben Lumpen. Die Schweinerei ist doch die, dass er uns genau dies zeigt. Er lässt keinen Platz mehr für Illusionen.(Insofern ist er natürlich auch kein romantischer Taugenichts mehr)

    Ein Lump ist ein Habenichts, ein Taugenichts. Ein Lumpensammler gehört zum umherziehenden Volk. Ein „Lumpenroman“ ist zuerst ein lumpiger Roman, also einer der nichts taugt. Es kann auch ein Roman aus Lumpen sein oder/und der Roman eines Lumpen. Von der Übersetzung her ist letzteres nicht unbedingt falsch, aber doch auch eine Sache der Interpretation.

    Ich darf an Folgendes erinnern: In „Chilenisches Nachtstück“ war immer wieder die Rede von dem Troubadour Sordello. Dieser Troubador gehörte zum fahrenden Volk. Und genau das hat der Schriftsteller Bolano auch an ihm sehr geschätzt. Er hat sich auch als einen ‚herumreisenden‘ Schriftsteller verstanden oder hat gerne ein solcher sein wollen. Er sagt es irgendwo selbst; im Moment finde ich die Stelle nicht. Eine Art Identifikation von Bolano als Schriftsteller mit dem umherziehenden Volk ist geblieben. Aber aus dem Troubadour ist ein Lumpensammler geworden.Das finde ich interessant.

    Als ein solcher Lumpensammler ist er eigentlich auch selbst ein Lump. (Man muss das nicht so negativ sehen.)Er lässt die Illusion über die Wirklichkeit nicht mehr zu. Das ist die Schweinerei. Insofern verstehe ich das Motto von Artaud auch als puren Zynismus. Vielleicht aus Verzweiflung.

  5. Günter Landsberger

    Im Titel „Lumpenroman“ schwingt für mich verhalten-ironisch auch die Stimme des Autors an uns Leser… mit: „Glaubt ihr denn wirklich, ein Lumpenroman sei der Roman eines Lumpen? Eine „novelita lumpen“ sei als das anspruchslose Romänchen eines Lumpen eures Kalibers zu verstehen? Ein Lump in eurem Sinne bin ich nicht. Vielleicht hab ich ja ein geniales Werk vorgelegt? Nur Lumpe sind, wie Goethe wusste, bescheiden. Und bescheiden bin ich selber nicht.“

  6. Günter Landsberger

    Schon beim ersten Lesen hab ich mich gefragt, warum im 4. Kapitel so entschieden „ein Bologneser“ und so merkwürdig vage „ein Libyer ODER Marokkaner“ (S.23) eingeführt wird. Bis ich urplötzlich (neben der Wahrnehmung als einer Art endloser Folterbeleuchtung) den möglichen Zusammenhang des Licht-und-Farben-und-Schwarz-und-Weiß-Komplexes in der „novelita lumpen“ zu Goethes „Farbentheologie“ (s.o.) wahrgenommen habe! Areius, zu dem Goethe sich arianisch-ketzerisch in seiner „Farbenlehre“ ausdrücklich in Analogie setzt (s.o.), war Libyer. Und seine Lebensdaten (260 – 336 n. Chr.) haben seltsamerweise eine gewisse Ähnlichkeit mit der Chiffre „2666“, summiert sogar die gleiche Quersumme wie „2666“. Im „Lumpenroman“ lässt Roberto Bolaño Bianca unentschieden „Libyer o d e r Marokkaner“ sagen. Schnelle Gleichsetzungen legt er nicht nahe, er suggeriert allenfalls Ähnlichkeiten. Plumpe Festlegungen liebt er nicht, Deutungen müssen Spielräume haben, Deutungen müssen atmen können.

    Allerdings: Als ob es sich dabei um eine richtige Pointe handeln sollte, wird in der Folge beharrlich vom „Libyer“, nicht mehr von der Möglichkeit, dass er als Person auch ein Marokkaner sein könnte, gesprochen.

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