Gewichtig schwerelose Ausgangsfragen

GEWICHTIG SCHWERELOSE AUSGANGSFRAGEN

(nachdem mir das  Artaud-Motto des  „LUMPENROMANS“ mit einem Mal spanisch vorgekommen war)

Wählt ein beachtenswerter Autor ein Motto zu einem seiner Werke, wie hier Roberto Bolaño zu seiner „novelita lumpen“, ist aus der Sicht des nicht ungeneigten Lesers davon auszugehen, dass er es mit Bedacht getan hat. Liest man gleich zu Anfang – dementsprechend  arglos, aber natürlich aufmerksam-neugierig, wie z. B. ich es getan habe – das Artaud-Motto der deutschen Ausgabe des „Lumpenromans“, so kommt einem das Ganze wie eine Verschränkung zweier (un)ziemlich heterogener Elemente und Aussageweisen vor: Irgendwie mag man sich zum einen an mystische oder kabbalistische (vgl. Thorsten Wiessmann) Traditionen oder den Platon des 7. Briefes erinnert fühlen, zumindest jedoch an die grundsätzlichen Schwierigkeiten beim Sagen und Schreiben der Wahrheit; zum anderen aber wird – und soll es hier wohl – nicht nur vom Stil her die (seinerzeit vielleicht kühne) Verbindung mit dem pejorativen Werturteil „Schweinerei“, „Schweine“ und „schweinisch“ mehr oder minder irritieren.

Das Artaud-Motto  findet sich in der brandneuen deutschen Ausgabe auf Seite 7 und das Romantitelblatt auf Seite 3, dazwischen (auf Seite 4) findet sich folgender Hinweis: „Das Motto aus Antonin Artaud: Frühe Schriften, Die Nervenwaage wird zitiert in der Übersetzung von Bernd Mattheus, © Matthes & Seitz Berlin, München 2001“. So weit, so gut. Ein Vergleich mit der französischen Urfassung von 1925 und dieser deutschen Übersetzung weist denn auch keine Unstimmigkeiten auf: Schon das Französische blieb bei der Wortfamilie „cochonnerie“,  „cochons“  und „cochonne“, so denn auch das Deutsche bei der übersetzungssprachlich entsprechenden (s.o.). Auch die deutsche Wendung „das Unbestimmte“ ist wie selbstverständlich eine Entsprechung zum „du vague“ des französischen Originals.

Mit einem Mal beschlich mich die Frage, wie denn das Motto im spanischen Original aussehen mag. Eine unvermittelte Zitation des französischen Wortlautes schien mir  zwar unwahrscheinlich, sonst wäre die deutsche Ausgabe – in Anbetracht der gewohnten Redlichkeit des sehr erfahrenen Übersetzers Christian Hansen – nicht mit der ins Deutsche übersetzten Version des Mottos eröffnet worden. Wieso aber fußt das Motto der deutschen Version so offenkundig auf der originalen französischen? Ist denn auch die spanische Version des spanischen Originaltextes eine ähnlich getreue Übersetzung aus dem Französischen wie jetzt die deutsche?

Ein Rückgang auf den spanischen Originaltext zeigt nun tatsächlich unverkennbare, interessante Unterschiede; in Nuancen – oder doch in mehr als Nuancen.

Die „schweinische“ Wortfamilie wird im originalen Spanisch der „novelita lumpen“ nicht einheitlich beibehalten: zweimal taucht da der Ausdruck „cerdos“ auf („el Cerdo“ ist uns aus „2666“ als Spitz- und Übername einer bestimmten, nicht unwichtigen Person bekannt) und für „cochonnerie“ wurde der umgangssprachliche Ausdruck „marranada“ eingesetzt, der geschichtlich in seiner zusätzlichen Bedeutung (u. U. gewollt?) an die der Verfolgung wegen nicht offen jüdischen „Marranen“ erinnert. Und noch ein anderes Ersatzwort gibt mir zu denken: Hieß es im Französischen „ du vague“, im Deutschen alsdann „das Unbestimmte“, so steht im Spanischen „de la nada“.

Dass „la nada“ mit dem „Nichts“ übersetzt werden kann, wird bekannt sein; dass damit vom Spanischen her ein ganz anderer Bedeutungshof entstanden ist, wohl aber auch.

Nietzsche z. B., in seiner Streitschrift „Zur Genealogie der Moral“, in den letzten Abschnitten, da, wo es um die letzten Fragen geht, spricht dort nicht nur auf deutsch vom Nichts, sondern geradezu – unter ausdrücklicher Zuhilfenahme der spanischen Vokabel –  vom „Nada, Nichts“. Und welches berühmte Werk war es denn doch gleich, das ganz entschieden mit dem „Nichts“ als letztem Wort endete? –

Unter Umständen wird es interessant sein zu bemerken, ob und inwieweit der doch so leichtfüßig geschriebene „Lumpenroman“ sein dezidiert spanisches, von Artaud her in variierender Übersetzung abgeleitetes  Motto insgesamt vielleicht bestätigen – oder aber ad absurdum führen wird.

9 Responses to “Gewichtig schwerelose Ausgangsfragen”

  1. Günter Landsberger

    Als mein heutiges Lesermotto zur „novelita lumpen“ geselle ich dem Autorenmotto die folgende Strophe aus einem gewiss nicht ganz unironischen Gedicht Heinrich Heines hinzu:
    „Nach Euch, ihr ehrlich reinen Seelen,
    Die ihr bewohnt das Reich des Lichts,
    Sehnt sich mein Herz. Dort braucht ihr nichts,
    Und braucht deshalb auch nicht zu stehlen.“

    (aus: „Schnapphahn und Schnapphenne“)

  2. Günter Landsberger

    In einer Tarkovski-Dokumentation (zugänglich als Bonus zur DVD von Tarkovskis Film „Nostalghia“) hab ich gestern die Aussage gehört, Tarkovskis Filme seien ein „Kampfplatz zwischen Oberfläche und Tiefe“. Auf eine ganz eigene Weise scheint mir Ähnliches auch für den „Lumpenroman“ zuzutreffen.

  3. Günter Landsberger

    Zwei weitere LESERMOTTOS zum „Lumpenroman“ kommen mir heute in den Sinn:

    a) 1982 / 2003: „denn alle Lakaien sind Schufte, die Verkörperung der niedersten Eigenschaften der menschlichen Natur, aber diese verfluchte lakaienhafte Veranlagung sitzt in uns allen“
    (Leonid Zypkin: Ein SOMMER IN BADEN-BADEN, Berlin, 2. Aufl. 2006, S.34)

    b) 1911: „der größte Reiz eines literarischen Werkes ist der, daß es uns scheint, es sei einzig und allein für jeden einzelnen von uns, die wir lesen, geschrieben.“
    (Miguel de Unamuno: Selbstgespräche und Konversationen,
    Graz – Wien 1997, S.228)

  4. Frank Helzel

    Sehr geehrter Herr Landsberger!
    Bin wieder einmal auf Ihren Namen gestoßen, nachdem ich mich zum Motto über dem „Lumpenroman“ kundig machen wollte.
    Der Textauszug zur Literatur als Schweinkram entstammt ja einem größeren Zusammenhang bei Artaud. Wenn ich mir einen ersten Reim darauf mache, geht es bei Artaud um nichts anderes als die von Schiller mitgeteilte Erfahrung, dass der lebendige Geist dem Geist nicht erscheinen kann. „Denn SPRICHT die Seele, so spricht, ach, die SEELE nicht mehr.“ Bei Artaud artikuliert sich diese Verzweiflung, wenn er das Schrifttum seiner Generation betrachtet, mit der er nichts zu tun haben will; indessen hat auch er nichts anderes zur Verfügung als die Sprache, die er dann als Theatermann zunehmend durch Gestik und Mimik verdrängen wollte.
    Bei Bolaños letztem zu Lebzeiten und angesichts eines ziemlich nahe bevorstehenden Todes veröffentlichten Roman, seinen beiden Kindern gewidmet, kann ich mir vorstellen, dass es sich um sein von ihm selbst mit dem Artaud-Motto in Zweifel gezogenen Vermächtnis handelt, über das er angesichts der ökonomisch prekären Familiensituation noch etwas zu erwerben trachtete. Als Schriftsteller hatte er seinen Kindern nicht mehr zu bieten, so dass er sie offenbar selbst dem jungen Lumpenproletariat meinte überlassen zu müssen, das in Südamerika und zunehmend in den Mittelmeerländern für die Mehrzahl der Jugendlichen Standard ist.
    So viel einstweilen.
    Ihr Frank Helzel

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