“Ibacache” und “Farewell”

Zwei Überlegungen bzw. Erkenntnisse zu den Namen „Ibacache“ und „Farewell“, die vielleicht hilfreich sind:

1. In der Schaffung des Pseudonyms „Ibacache“ gelingt RB eine besonders originelle, hybride Namenskonstruktion, wenn man die Hintergründe von S. Urrutia betrachtet: Einerseits ist der Name „Ibacache“ ein altspanischer Nachname, der vor allem in den Nordprovinzen Baskenland und Navarra vorkommt, was wiederum die logische Verbindung zum ebenfalls baskischen Nachnamen „Urrutia“ zu sein scheint. (wer mehr dazu wissen möchte, kann sich ja mal auf dieser spanischen Seite für Namensforschung umtun: heraldico.com).

Andererseits aber bedeutet „Ibacache“ im Mapudungun, also der Sprache der Mapuche in Chile und Argentinien, „Maispflanze“, stellt also in diesem Sinne eine Verbindung zu Urrutias Heimatland Chile her, wo sich ja, wie in „Ibacache“, ebenfalls spanische und indigene Elemente vermischt haben bzw. noch immer vermischen.

2. „Farewell“: Ich habe eben mal schnell das Gedicht Nerudas im Original überflogen, tatsächlich geht es darum um den melancholischen Rückblick eines lyrischen Ichs auf eine verflossene Beziehung, das sich an eben diese Verflossene wendet. Interessant in diesem Zusammenhang ist sicher diese immer angedeutete, aber nie explizierte erotische Beziehung zwischen Urrutia und „Farewell“ im Verlauf des Buches, an die mich einige Verse des Neruda-Gedichtes haben denken lassen, wie z.B. wenn das lyrische Ich sagt, dass seine Augen sich nicht mehr an denen der Geliebten ergötzen werden, sein Schmerz sich nicht mehr in Zweisamkeit versüßen wird, aber dass, wo immer das lyrische Ich auch hingeht, es den Blick der Angebeten mitnehmen wird, welche wiederum den Schmerz des lyrischen Ichs auf all ihren Wegen mit sich nimmt,etc. pp. Kurzum: Man müsste sicher etwas intensiver Vergleichsstellen suchen, aber diese Verbindung zwischen dem Gedicht und einer möglichen Transponierung der dort behandelten Beziehungen auf die Ebene der beiden Kritiker scheint mir durchaus möglich.

Und noch ein Aspekt: Bei dem aus dem Englischen stammenden „Farewell“ klingelte es bei mir gleich bezüglich eines anderen sehr berühmten Pseudonyms in Chile: Hernán Díaz Arrieta, der bekannteste Literaturkritiker Chiles des 20. Jahrhunderts, firmierte seine Beiträge stets mit „Alone“. Auch sonst scheint es Parallelen zwischen der Konzipierung des „Farewell“ und der realen Person des „Alone“ zu geben, wie z.B. die Tatsache, dass Alone niemals heiratete und selbst bekennder Anti-Kommnist war (was seine Wertschätzung für Nerudas Werk nicht beeinflusste). Ich werde versuchen, bei der weiteren Lektüre diese Information im Hinterkopf zu behalten, um herauszufinden, ob es weitere Indizien gibt, die diese Parallele zwischen den beiden erhärten.

3 Responses to ““Ibacache” und “Farewell””

  1. Herbert Fraunhoffer

    Sebastián Urrutia Lacroix: frei übersetzt
    Sebastián: „der Heilige, der seinen Glauben verheimlicht, von Pfeilen durchbohrte“
    Urrutia: baskisch für „weit weg, entfernt“
    Lacroix: französisch „das Kreuz“

    Der seinen Glauben Verheimlichende, der weit weg vom Kreuz ist?
    Das würde passen, da hat Bolaño auch schon im Namen einiges vorweg genommen.

    Gibt es eine deutsche Übersetzung von „Farewell“, irgendwo im Netz?

  2. Benjamin Loy

    Noch mal eine interessante Anmerkung zu „Farewell“ von Neruda, auf die RB in seinem Erzählband „Putas asesinas“ in der Geschichte „Carnet de baile“ explizit Bezug nimmt, wo der Erzähler sagt, er habe von Neruda lediglich die „Veinte poemas de amor“ und „Crepusculario“ gelesen, dessen „Gedicht Farewell den Gipfel aller Gipfel des Kitsch verkörperte, aber dem gegenüber ich eine unerschütterliche Treue verspüre.“

    Die Aussage erhärtet meiner Meinung nach den Verdacht, dass es bei der Namenswahl des Kritikers sowohl Nerudas Gedicht als auch die Figur Alones eine Rolle gespielt haben.

  3. Der Buecherblogger

    Die Ehefrau Pablo Nerudas hieß Matilde Urrutia. Vielleicht hat diese Rede der Selbstrechtfertigung viel mit der Autobiographie Nerudas zu tun „Confieso que he vivido. Memorias“. In einer Rezension auf Amazon las ich als Resümee: „So haben wir meiner Ansicht nach ein Buch vor uns, dass poetisch zum Vollkommensten gehört, was ich kenne, moralisch aber zugleich völlig belanglos ist.“
    Dem Dichter Neruda wird seine Parteilichkeit für Stalin vorgeworfen, die auch Bolaño nicht von dessem dichterischen Werk trennen kann, aber vermutlich gern trennen würde.

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