Im finstren Schädelhaus

Das Leben ist mit einer fundamentalen, unauslöschbaren Traurigkeit verbunden. Jeder denkende Mensch ist untrennbar erfüllt von einer tiefen Melancholie. Wer sich selbst dem Strom der eigenen Gedanken aussetzt, wird irgendwann, unausweichlich, von einer Welle der Schwermut umströmt. Die Unberechenbarkeit der eigenen Gedankenwelt birgt vielleicht den Kern der bereits erwähnten “Universalgeschichte der Niedertracht”, mit der wir es bei Bolaño und 2666 zu tun haben. Gerade im Fall von Pelletier und Espinoza wird dieses Phänomen deutlich. In der Verkleidung zweier Durchschnittsintellektueller, die scheinbar weder gedanklich noch körperlich zu Greueltaten fähig sind, durchleben sie im ersten Teil von 2666 eine mentale Metamorphose, die auf den ersten Blick erschreckend, auf den zweiten Blick jedoch erschreckend menschlich erscheint.

Kurz vor dem Abgrund ihrer zum Scheitern verurteilten Dreiecksbeziehung mit Norton werden sie von ihr nach London zitiert. Schon zuvor ahnte man beiläufig, wie angespannt das Verhältnis zwischen Pelletier und Espinoza wirklich zu sein scheint. In London angekommen, offenbart Pelletier die größtmögliche Kälte der chemischen Reaktion, die wir Denken nennen. Als Espinoza sich verspätet, schaltet P. den Fernseher ein, um zu schauen, ob es einen Flugzeugabsturz gibt. Als er das Wrack eines Flugzeuges auf dem Bildschirm erkennt, schließt er automatisch auf E.s Tod. Wenig später erscheint Espinoza in der Tür, Norton erzählt ihm von Pelletiers Kurzschlussreaktion: “Espinoza lachte, sah aber Pelletier ganz seltsam an, was Norton nicht auffiel, Pelletier jedoch sofort bemerkte.”

Und wie in dunkle Gänge
mich in mich selbst verrannt,
verhängt in eigne Stränge
mit meiner eignen Hand:

So lief ich durch das Finster
in meinem Schädelhaus:
Da weint er und da grinst er
und kann nicht mehr heraus.

aus Thomas Brasch, Halb Schlaf

Norton teilt ihnen daraufhin ihre Bitte um Abstand mit, die endgültig etwas in Pelletier und Espinoza zu verändern scheint. Es kann kein Zufall sein, dass sie im Anschluss gemeinsam nach Kensington Gardens zur Peter-Pan-Statue fahren, um den Sonnenuntergang zu genießen. Auch P. und E. scheinen sich ab diesem Zeitpunkt von erwachsenen Männern zu Jungen zurückzuentwickeln, die sich um eine Schüppe im Sandkasten streiten. Mit dem Untergang der Sonne scheint auch in ihrem Denken das Dunkel eingekehrt zu sein. Auf dem Flug zurück nach Frankreich klammert sich Pelletier an den Bildband Berthe Morisots, den er Norton einmal geschenkt hatte. Dazu ein Zitat:

Neues Unheil ist über die Rue Peletier hereingebrochen. Fünf oder sechs Verrückte, darunter eine Frau, haben, von Ehrgeiz verblendet, hier ihre Werke ausgestellt. Viele Besucher bekommen vor diesen Machwerken Lachkrämpfe. Mir zieht es bei ihrem Anblick das Herz zusammen. Diese sogenannte Künstler bezeichnen sich als Umstürzler und Impressionisten. Sie nehmen Leinwand, Farbe, Pinsel, setzen, je nach Lust und Laune, einige Töne nebeneinander und glauben, sie hätten schon etwas Großes geleistet.

Quelle: fembio.org

In der Folge erscheinen Pelletier und Espinoza wie ausgewechselt. Ihre Ausfälle beim ersten Treffen mit dem jungen Dozenten Pritchard in Nortons Wohnung erscheinen noch harmlos gegenüber ihrem völligen Rollenwechsel auf S.97. Nachdem sie, glücklich wie Kinder(!), mit Norton beim Abendessen gesessen haben, lassen sie sich von einem Taxi, der Fahrer Pakistani, nach Hause fahren. Die Szene eskaliert, Pelletier und Espinoza treten den Pakistani auf offener Straße zusammen und verfallen “in die seltsamste Ruhe ihres Lebens” S.99. So drastisch die Entwicklung der beiden Literaturwissenschaftler in 2666 auch dargestellt sein mag. Das Erschreckende ist, dass sie völlig nachvollziehbar ist.

Marvin Kleinemeier, Zeilenschinder.net

6 Responses to “Im finstren Schädelhaus”

  1. Polanco

    Ja ja, die Namen der „Kritiker“…

    Der erste Mensch unter der Guillotine war übrigens Nicolas-Jacques Pelletier († 25. April 1792); man hatte ihn wegen Raubmordes zum Tode verurteilt. Ob Bolaño das gewusst und absichtlich so eingefädelt hat?

  2. Günter Landsberger

    „Im ernsten Beinhaus war’s …“ (Goethe „bei der Betrachtung von Schillers Schädel“)

  3. Andreas gierth

    Sie schreiben, Herr Kleinemeier, das „Erschreckende“ an der Szene mit dem Taxifahrer sei, dass „sie völlig nachvollziehbar“ sei. Warum ist das so „völlig nachvollziehbar“? Mich interessiert das besonders, wenn ich ihr Zitat von Seite 99 weiterführe: „Nachdem sie von ihm abgelassen hatten, versanken sie für Sekunden in die seltsamste Ruhe ihres Lebens.“ Und weiter: „Als wäre es zwischen ihnen doch noch zur menage a trois gekommen, von der sie so viel phantasiert hatten. Pelletier fühlte sich wie nach einem Orgasmus. Nur wenig anders ging es Espinoza.“
    Übrigens hat mich diese Szene an Baudelaire erinnert. An die Zeile „Nach Lüsten gierig bis zur Greueltat, sieh, ich auch schleppe/mich!“ aus „Die Blinden“ („Les Aveugles“) aus „Les Fleurs du Mal““. Und an „Verprügeln wir die Armen!“ („Assommons les Pauvres“) aus „Le Spleen de Paris“. Letzteres ist zu lang, um es hier zu zitieren.

  4. Marvin Kleinemeier

    Lieber Herr Gierth, mit „So drastisch die Entwicklung der beiden Literaturwissenschaftler in 2666 auch dargestellt sein mag. Das Erschreckende ist, dass sie völlig nachvollziehbar ist.“ habe ich Bezug auf die Gesamtentwicklung genommen, die Pelletier und Espinoza im Teil der Kritiker durchlaufen. Die Szene mit dem Taxifahrer erscheint einzeln betrachtet sehr obskur, vielleicht sogar undenkbar, schaut man sich die beiden Literaturwissenschaftler an, wie sie von Bolaño in den Roman eingeführt werden. Ebenso die Szene, in der Sie Pritchard kennenlernen und ihn bereits nach wenigen gewechselten Worten aufs Heftigste angehen.

    Pelletier und Espinoza sammeln meiner Meinung nach über die ersten 100 Seiten genügend Konfliktenergie, um diese Ausbrüche, wenn auch nicht rechtfertigen, so doch für mich nachvollziehbar machen zu können. Doch wie wird dieser Klimax erreicht? Der Umgang der beiden miteinander und jeweils mit Norton scheint klar geregelt und verläuft unspektakulär. Und gerade da liegt für mich der Knackpunkt. Denn die Fakten sind doch: Beide finden die Frau, die sie lieben, die sie Heiraten und mit der sie alt werden möchten – und müssen sie mit jemand anders teilen, ständig in der Gefahr, sie zu verlieren. Sie ersticken an ihrer eigenen liberal zurückhaltenden und gewährenden Einstellung, wenn man so will. Zwischen Pelletier und Espinoza baut sich eine gewaltige Spannung auf, die von gegenseitigem Respekt, Anstand und aus Verantwortung Norton gegenüber im Zaum gehalten wird. Tritt jetzt eine dritte Komponente hinzu, die ihrer Beziehung zu Norton gefährlich werden könnte, oder die Norton persönlich angreift, entlädt sich diese Spannung zwischen den beiden gegen diese dritte Komponente, in unserem Beispiel der Taxifahrer. Für einen unbeherrschten Moment, lassen sie alle Energien frei, in radikaler Form, zugegeben, aber doch in gewisser Weise nachvollziehbar.

    Zumindest war das der Gedankengang, den ich im Teil der Kritiker gegangen bin. Gruß

  5. Andreas Gierth

    Lieber Herr Kleinemeier,

    hier noch ein paar kleinere Überlegungen ohne den Anspruch einen Zusammenhang gänzlich aufzudecken.

    Die Frage der Nachvollhziebarkeit bezog ich mehr auf den Zusammenhang ihrer Gewalttat und ihrem Gefühl danach. Beide fühlen sich, als wäre es doch noch zu einer menage a trois mit Norton gekommen. Hier bricht meines Erachtens etwas aus Pelletier und Espinoza aus, was sich zumindest nicht allein mit Frustration über ihre gezwungenermaßen „liberal zurückhaltende und gewährende Einstellung“ erklären lässt. Dass ihnen ‚Liebe‘, ‚Heirat‘ und ‚Altwerden‘ mit Norton verwehrt bleiben, offenbart ihnen Wünsche, die sie auch haben. Sie erfahren dadurch ihre vielleicht bisher ungeahnten Grenzen und lernen sich anders kennen. Darüber, so scheint es mir, erschrecken sie.
    Und was geschieht unmittelbar nach diesem Erlebnis: „Während eines Kongresses in Berlin besuchten sie statt eines meisterlichen Vortrags von Pohl über Archimboldi und die Scham in der deutschen Nachkriegsliteratur ein Bordell, wo sie mit zwei sehr blonden, sehr großen, sehr langbeinigen Mädchen schliefen. Als sie gegen Mitternacht wieder auf der Straße standen, waren sie so zufrieden, dass sie zu singen begannen wie Kinder unter einem Platzregen. Das Erlebnis mit den Nutten, eine neue Erfahrung in ihrem Leben, wiederholten sie in verschiedenen europäischen Städten, und schließlich wurde es auch zu Hause Teil ihres Alltags. Andere wären womöglich mit Studentinnen ins Bett gegangen. Sie, die Angst davor hatten, sich zu verlieben, Angst, ihre Liebe zu Norton zu verlieren, entschieden sich für die Prostituierten.“ (S. 106)
    Auch in Folge dieser Geschichte mit dem Taxifahrer interessieren sie sich jetzt weniger für das Thema „Scham“, sondern viel mehr für das Bordell und die Prostituierten. Nach der Vögelei mit den Prostituierten fühlen sie sich ‚unschuldig wie die Kinder‘. Sie fangen an zu „singen“! Sie sind also zumindest in diesem Moment der Poesie viel näher, als sie es wohl nach einem Vortrag über „Archimboldi und die Scham“ (s. o.) gewesen wären. Sie sind „zufrieden“.

  6. Marvin Kleinemeier

    @Andreas Gierth: Den letzten Absatz Ihres Kommentars finde ich sehr interessant. Diese Erwähungen des Themas „Scham“ waren mir nicht so direkt aufgefallen.

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