Kanal 34

Ich gebe es zu, ich habe Probleme mit (Sach-)Fehlern in Büchern. Sie werfen mich jedes Mal aus der Handlung, je nach ihrer Schwere bin ich sogar versucht, die Lektüre zu beenden. Was also mache ich mit dem Umstand, dass Pelletier und Espinoza im Jahr 1995 (ca.) in einem deutschen Hotelzimmer einen japanischen Film sehen, der erst 1998 entstehen wird? Bolano beschreibt die Anfangsszene des Films sehr genau, so dass kein Zweifel besteht, dass es sich um „Ringu“ von Hideo Nakata handelt. Ich komme bislang auf drei mögliche Erklärungen für diesen so  offensichtlichen Fehler: a) bloße Nachlässigkeit; b) Bolano wusste um den Anachronismus, aber aus irgendeinem Punkt war ihm die Szene so wichtig, dass er ihn in Kauf genommen hat; c) der Anachronismus selbst spielt eine Rolle und soll dem Leser bewusst werden, deswegen die Wahl eines relativ bekannten Filmes und die ausführliche Schilderung der Anfangsszene: Ein Junge will im Urlaub seine Lieblingssendung nicht verpassen und programmiert am fremden Ort den Videorekorder.

„Das Problem war nur, dass der Junge aus Tokio war, wo seine Lieblingssendung auf Kanal 34 lief, wogegen in Kobe der Kanal 34 nicht belegt, also ein Kanal war, auf dem es nichts zu sehen gab, nur Fernsehschnee. Und als sich der Junge, zurück von der Straße, vor den Fernseher setzte und den Videorekorder anmachte, sah er statt seiner Lieblingssendung eine Frau mit weißem Gesicht, die ihm sagte, dass er sterben werde.“ (S.46)

Ich bin im Buch noch nicht weit genug (Stand: S. 105), um mich für eine der möglichen Erklärungen entscheiden zu können, aber eines fällt schon jetzt auf, nämlich dass der Anfang von „Ringu“ eine ganz ähnliche Dislokation zum Gegenstand hat wie der „Fehler“ im Buch, ganz so, als hätten auch Pelletier und Espinoza in ihrem Hotelzimmer aus Versehen Kanal 34 eingeschaltet. Ist der Erzähler am Ende eine paranormale Tonbandstimme? Im Film nimmt das Ganze keine gute Entwicklung: Das Video spricht in die Realität hinein, das Aufgenommene wird lebendig. Vor diesem Hintergrund bekommen die meist sehr ausführlich geschilderten Träume der Kritiker eine ganz neue Dimension…

5 Responses to “Kanal 34”

  1. Günter Landsberger

    Unbeabsichtigte Sachfehler in realistischer wie in phantastischer Literatur (nicht Fantasy-Literatur, die mich kaum interessiert!) stören mich auch.
    Aber ich finde es gut, dass man in „2666“ den Künstlernamen Archimboldi in der Lautung nicht nur spanisch, sondern auch italienisch lesen kann. Der nun hörbare „k“-Laut schafft den kleinen Unterschied zum Namen des avantgardistischen Renaissacemalers und vermeidet so eine für mein Gefühl zu plumpe Nähe.
    Sachlich irritieren kann auch der Umstand, dass der Hamburger Verleger (ich dachte vor Namensnennung zunächst an den Hoffmann & Campe Verlag, danach vorübergehend an einen der niederländischen Exilverlage wie Querido) ausgerechnet Bubis heißt (und so – beabsichtigte? – Assoziationen freisetzt). Auf Fotos (S.40) wird er durchweg mit deutschsprachigen Exilautoren gezeigt, wenn man die eine (wiewohl auch im Inland entschiedene Antinazine) Ricarda Huch und zuguterletzt auch Hans Fallada (S.41) ausnimmt. Aber alle sind sie hier mit dem einen Verleger nacheinander auf Fotos zu sehen: Thomas Mann, Heinrich Mann, Klaus Mann, Alfred Döblin, Hermann Hesse, Walter Benjamin, Anna Seghers, Stefan Zweig, Bertolt Brecht, Feuchtwanger, Johannes R. Becher, Oskar Maria Graf. Sachlich gesehen: Hat es jemals einen Verleger gegeben, der alle diese Autor…en ausnahmslos unter dem Dach seines Verlages vereint hat? Noch dazu einen, der Bubis geheißen hat? Dass es nicht so ist, stört mich nicht. Das Ganze ist ja als Fiktion durchschaubar. Aber es sind Realitätspartikel darin. Und abgesehen vom (zumindest mir) willkommen Spielerischem des Einfalls kann und darf man sich fragen, ob es (partiell) so hätte sein können.
    Und auch die Figur des „Benno von Archimboldi“ selber, bei dessem Vornamen vielleicht doch nicht nur Germanistikstudenten der 50er und 60er Jahre recht rasch an den einstigen Stargermanisten Benno von Wiese denken! Wird dieser fiktive deutsche Autor mit dem auch spanisch aussprechbaren – und indirekt (vom Akustischen her) so auch anders italienisierbaren – italienischen Namen nicht eingebettet in eine uns durchaus bekannte, zeitgenössische deutsche und europäische Literaturlandschaft? (Nebenbei: Warum vermeidet RB es, die doch getreu aufgeführten fiktiven Werktitel im Original auf deutsch zu formulieren? – Je nach Übersetzung erscheinen sie auf diese Weise in einem jeweils neuen fremdsprachigen Wortlaut; und jetzt zum ersten Mal auf deutsch.) Über die Rangordnung dieses Autors soll ja kein Zweifel sein. Bezeichnet wird er von Arcimboldianern u. a. als der größte deutschsprachige Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, dann in Erinnerung an den Rang Franz Kafkas etwas abgemildert als der bedeutendste deutsche Schriftsteller nach dem Kriege, gelegentlich wird er vom Rang her gleichgesetzt mit Günter Grass und Arno Schmidt. Und doch kann man sich fragen, welcher um 1920 geborene deutsche Autor wäre zu einer derartigen Titelfolge in der Lage gewesen? (Annähernd vergleichbar mit Wolfgang Hildesheimers „Marbot“ und Thomas Manns „Tod in Venedig“ und „Doktor Faustus“ wird hier ein erfundener Künstler eingepasst in die uns vermeintlich vertraute kulturell-geschichtliche Realität.) Die Titelfolge macht neugierig, ihre Disparatheit gibt Rätsel auf. –
    Der folgende Satz auf S. 20 hat ebenfalls eine ganze Assoziationskette bei mir in Gang gesetzt: „Wie war es möglich, fragte sie den Freund, dass ein deutscher Autor wie ein Italiener hieß und trotzdem ein v o n vor dem italienischen Nachnamen trug, was auf eine adlige Abstammung hindeutete?“
    Mir fielen fürs 20. Jh. ein: Wilhelm Genazino, Erica Pedretti, aber nur einer mit einem Adels-„Von“ vor dem italienischen Nachnamen: Bernhard von Brentano.
    Dann fiel mir ein, dass adelige Schriftsteller im 19. Jh. sich oft einen bürgerlich klingenden Namen zulegten: Nikolaus Lenau (Nikolaus Niembsch Edeler von Strehlenau), Anastasius Grün (Graf von Auersperg); obschon auch das Umgekehrte vorkam: Honoré de Balzac.
    Und nun im 20. Jh. wählt ein Schriftsteller ein Pseudonym mit Adelssuggestion? Immerhin kennen wir (ob nun mit falschem oder echtem Adelsprädikat) Autoren wie: Fritz von Unruh, Hugo von Hofmannsthal, Wolf von Niebelschütz, Ernst von Salomon, Ingomar von Kieseritzky, Hermynia zur Mühlen.
    Im schon erwähnten „Tod in Venedig“ heißt die Hauptfigur des fiktiven Autors bekanntlich: Gustav von Aschenbach. (Und im „Tonio Kröger“ erscheint das Italienische im Vornamen und das Deutsche im Familiennamen.)

  2. Thorsten Krämer

    @Mark Z.: Danke für die Info, diese TV-Version kannte ich noch nicht! (Zeitlich kommt es jetzt hin, aber ob Bolano dieses Original kannte? Und ob solch ein japanischer TV-Film in einem deutschen Hotel wohl zu empfangen gewesen wäre?)

  3. Mark Z.

    Also interessant ist ja schon, dass z.B. Filme eigentlich erst ins Kino kommen, dann auf Datenträger (DVD, Video) erscheinen und erst zuletzt im TV ausgestrahlt werden. D.h. wenn Bolano von 1998 gesprochen hätte und es nur diese (bekannte) ’89er Version gäbe, läge er immer noch daneben, da der Film wohl erst ein Jahr später im TV zu sehen gewesen wäre.

    Der 1995 Film von Kanzen-ban kam aber eben nur im TV. Und sicher gibt es auch in Deutschland Hotels mit Internationalem Satelliten TV? Klingt für mich nicht so unwahrscheinlich, sondern m.M. nach unglaublich guter Recherche. Aber danke für den Hinweis, ich habe das komplett überlesen und nicht beachtet.

  4. Günter Landsberger

    Seit etwa einer Woche habe ich (recht ungern natürlich) meine Lektüre von „2666“ unterbrochen. Bis S. 201 war ich bislang gekommen. Ab Montag geht’s endlich wieder weiter. Darauf brenne ich schon.
    Nachgetragen sei, wie ich in den Roman hineingekommen bin. Seit dem Erscheinen von Essays Roberto Bolaños vor nicht ganz zwei Jahren im Berenberg Verlag wurde ich auf Roberto Bolaño aufmerksam. Daraufhin besorgte ich mir alles, was von ihm (RB)aufzutreiben war (vorwiegend antiquarisch). Ich war außerdem froh, mit ihm an frühere Vorlieben anknüpfen zu können. Mit Macht hatte ich zu Beginn der 70er Jahre die lateinamerikanische Literatur für mich entdeckt: Auf Borges und Asturias folgten Onetti, Rulfo, Cortázar, Roa Bastos, Sábato, Mario Vargas Llosa …
    Abgesehen von der Anziehungskraft des Baudelaire-Mottos hat mich der Sog der Lektüre von „2666“ sofort erfasst. Das verlockende Identifikationsangebot für mich war zunächst vor allem das lebendige Literaturinteresse von vier jungen Leuten, die jeweils auf eigene, sehr individuelle Weise sich dem Werk eines bestimmten Autors näherten (hier des der realen literarischen Welt aufgepfropften, fiktiven „Benno von Archimboldi“). Dass der eine von ihnen, und zwar gleich der Erstgenannte, (Jean-Pierre Pelletier), in Form einer Erstbegegnung zunächst auf den 3. Teil der als Trilogie angelegten Romane Archimboldis stieß, ist gut nachvollziehbar; der französische, auf Jacques-Arsène d’Arsonval (08.06.1851 – 13.12.1940) verweisende Titel mochte gerade für einen Franzosen verlockend sein. (Ich erinnerte mich übrigens sofort daran, dass ich als etwa Neunjähriger Karl Mays „Winnetou III“ ja auch noch vor den ersten beiden „Winnetou“-Bänden gelesen habe.) Schön fand ich wie die aus verschiedenen europäischen Ländern stammenden brennend Literaturinteressierten jeweils mit eigener Zugangsweise vorgestellt wurden und nebenbei sich das Gesamtwerk Archimboldis Titel für Titel auffächern ließ. Da es im Roman (nur bisher?) nicht zu viele Erläuterungen zu diesen einzelnen Werken und Titeln gibt, stellt sich für mich beispielsweise die Frage, in welchem Sinne, aus welchem Grund und mit welcher Bedeutung Archimboldi auf das Thema „Bitzius“ (Jeremias Gotthelf) gekommen ist, (einem Autor, mit dem ich mich selber auch bereits ausgiebiger beschäftigt habe). Morini im Rollstuhl erinnert mich an jene Literaturwissenschaftlerin aus Libuše Moníkovás Roman „Pavane für eine verstorbene Infantin“, deren literarische Favoriten Kafka und Arno Schmidt (!) hießen und die sich nur scheinbar notgedrungen (in Wahrheit aber freiwillig) in den fortan Tag für Tag von ihr genutzten Rollstuhl begeben hat. Was unterscheidet wohl Morini von ihr? Wie und wodurch ist er in einem Rollstuhl gelandet? –

    Will sagen: Jede(r) von uns wird gerade auch diesen, so besonders assoziationsoffenen Roman schon deswegen anders lesen, weil ja jede(r) Leser(in) wohl eine eigene genuine Lebens- und Leseerfahrungsgeschichte hat.
    Merkt man meiner eigenen Rezeptionsweise noch bis heute an, dass für mich mit 16 Jahren F. M. Dostojewskijs „Schuld und Sühne“ (und dann sein weiteres Werk) meine fortwährend wichtigste literarische Entdeckung war?

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