Kapitel 5: Tränen nur im Traum

FETZEN 159 / V / Tränen nur im Traum

Selbst eine Kommentierung von Kapitel zu Kapitel wie diese hier muss den Mut zur Lücke haben. Kaum weniger als jede übersichtlich zusammenhängende Gesamtrezension ist auch sie gezwungen, im Erzähltext Bemerktes zu übergehen oder hintanzustellen. Auch Fragen, die während der Lektüre mit einem Mal in uns aufschießen, werden oft, vielleicht zu oft beiseitegelassen. Warum z. B. erfahren wir so wenig Einzelheiten über das familiäre Vorleben Biancas und ihres Bruders und ihrer Eltern? Erhält das Wenige, das wir dennoch erfahren, dadurch ein stärkeres Gewicht? Oder werden wir dadurch erst recht auf womöglich im Textwortlaut Verschwiegenes aufmerksam?

Sagt die fast schon muttermythische Deutlichkeit, in der Bianca im dritten Kapitel auf die jetzt erkannte Unüberbietbarkeit von Mutternähe (S.32f.) pocht, irgendetwas aus über eine vermisste Elternnähe zuvor?

Indessen: Schon im ersten Kapitel erfuhren wir, dass die Eltern bei ihrem „ersten Urlaub zu zweit“ (S.9) mit dem Auto tödlich verunglücken. Heißt das, dass sie vorher immer zu viert Urlaub gemacht haben – oder manchmal, häufig oder immer zu Hause geblieben sind und gar keinen Urlaub miteinander gemacht haben? Und wenn sie vorher oft alle vier in den Urlaub gefahren sind und das jetzt nicht mehr alle gemeinsam getan haben, heißt das, dass im Bewußtsein der Eltern (mit offensichtlicher Signalgebung) ihre Kinder nun flügge geworden seien? Und wenn das so zu verstehen wäre, würde aus dem Alleingelassensein der beiden „Kinder“ durch den Unglücksfall nur faktisch brutaler, eine Verselbstständigung massivster und radikalster Art. In Frage steht dann, ob und inwieweit unter diesen extrem verschärften Bedingungen ihr Erwachsenwerden gelingen mag.

Im Kapitel 5 nun erfahren wir wieder mehr über das inzwischen erreichte Kräfteverhältnis bzw. die persönliche Machtverteilung im neuen, zum Teil freiwilligem, zu größerem Teil unfreiwilligem Quadrat.

Schloss das 4. Kapitel mit Biancas anscheinender Selbstbehauptung in sexuellen Angelegenheiten, so scheint ihre sexuelle Souveränität nun weiter anzudauern; nun allerdings bald so, dass sie ihre Tür nun nicht jede Nacht mehr verschlossen hält, sondern ein-, zweimal in der Woche mit dezenter Vorankündigung den Zugang wieder ermöglicht. Um das Bewusstsein von Selbstständigkeit mag es dabei gehen, aber auch um sexuelle Bedürfnisse, nachdem sie „verrückt“erweise „auf Tränen“ „gewartet“ hatte, auf eine Spur von Liebe, als sie für den Libyer und den Bologneser die nächtliche Tür zu sich für eine Zeitlang verriegelt hatte. Nachdem diese Tränen nicht gekommen sind, weiß sie mehr oder minder offen, dass das Glück ausbleiben wird und dass es auf der Zufallsebene von Massel oder Schlamassel nicht gefunden werden kann. Das Glück als summum bonum lässt sich nicht machen, auf dieser Zeitebene des augenblickshaften Glückens oder Missglückens ohnehin nicht, es ist entweder da oder nicht da; an die Möglichkeit eines zeitenthebenden qualitativen Umschlags wird aus realistischen Gründen nicht geglaubt.

Die Tränen bleiben ein Motiv im ganzen Kapitel. Die geweinten Tränen bleiben aus: Die beiden Fremden zeigen nicht, dass sie die „Liebe“ Biancas vermissen und zeigen durch ihre von Bianca erhofften Tränen keine liebevolle Gefühlsnähe an; Bianca selber weint zwar Tränen – mit Bezug auf ihre Eltern und auf ihr eigenes Verhältnis zu ihnen – im Traum, nicht aber außerhalb des Traums, da findet sie sich nach wie vor in (medusenhafter) Erstarrung. (S.42) Und ihr Bruder – in ihn ersichtlich nötigender Abhängigkeit von seinen „Freunden“ – bricht in Schreie aus an Stelle von Tränen. (S.45) Dass sie Gewalt behalten über ihn ist der letzte bildkräftige Eindruck, den wir von diesem Kapitel haben und fortan in das ganze Buch hinein mitnehmen.

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