Kapitel 6: Zu Biancas Antworten

FETZEN 169 / VI : Zu Biancas Antworten auf einen Fragebogen der Zeitschrift DONNA MODERNA

Ziemlich genau weiß ich noch, wie mich schon beim ersten Lesen Platzierung und Zuschnitt dieses 6. Kapitels sofort überzeugt haben. Das beklemmende Ende des 5. Kapitels als Einschnitt und die Zusammenfassung der Lage im Kapitelbeginn des 6. wirken noch stärker durch den Kontrast zwischen dem über 5 Kapitel hin subjektiv vergegenwärtigenden  Im-Nachhinein-Erzählen  der Ich-Erzählerin Bianca und den hier manifest gemachten Augenblicksantworten auf die Fragen des  Fragebogens der Frauenzeitschrift. Natürlich handelt es sich hier nicht um Vergleichbares zum berühmten Proust-Fragebogen oder den Fragebögen des 2. Tagebuchs von Max Frisch. Völlig passend findet sich der fragliche Fragebogen in einem Produkt der Yellow (!) Press bzw. der Regenbogenpresse. In jedem Falle aber hat man als Leser… den Eindruck, die zeitlich zurückliegenden und nachträglich wiedergegebenen Augenblicksantworten Biancas vermittelten einen guten Einblick in das Innere dieses Menschen, der Bianca damals war, und gleichzeitig die Möglichkeit eines Vergleichs mit jener Bianca, als die sie (auch über ihre jüngere Vergangenheit urteilend) auf ihrer gegenwärtigen Erzählebene erscheint. So fällt gleich der Schluss des Kapitels besonders auf. Damals hieß es in ihrer letzten Fragebogenantwort, sie wolle „null“ Kinder. Nun ist sie laut S.9 aber bereits „Mutter“ (eines Sohns? einer Tochter? oder gar von Zwillingen? …) und empfindet jetzt (S.32f.) – offenbar zum einzigartig ersten  Male in ihrem Leben – wirkliche  zwischenmenschliche Nähe,  in der Weise der von ihr inzwischen erlebten Mutter-Kind-Symbiose.

Biancas Antworten auf den Fragebogen insgesamt sind geprägt durch das Gemisch teenagerhaften Schwärmens für aktuelle Filmgrößen und des Niederschlags ihrer jüngsten Erfahrungen mit Menschen.  Dass sie von Männern „unter zwanzig“ (von Männern also im Alter ihres Bruders) „viel“ hält, von Männern im Alter „unter dreißig“ (bzw. von 20 bis 30), also im Alter des Bolognesers und Libyers, aber geradezu „nichts“, fällt auf. Ergänzt wird die Mischung der Antworten durch einiges nur intuitiv und allenfalls annähernd erschließbare Bildhafte, das in seiner Art vergleichbar ist mit ihren nie ganz ausdeutbaren, geheimnisvollen Träumen, die gelegentlich mitgeteilt werden.

Auf die Frage, welcher Film sie gerne „sein“ würde, antwortet sie überraschend: „Krieg und Frieden“, teilt aber wie nebenbei einen nichtinhaltlichen Grund mit, der für diese Entscheidung mitausschlagebend sein dürfte, den Umstand, dass der Bologneser und ihr Bruder im Unterschied zum Libyer den Film nicht zusammen mit ihr zu Ende geschaut hätten, sondern währenddessen eingeschlafen seien. Das abschließende Urteil des Libyers „er finde den Film absolut phantastisch“ (S.50) darf wohl mit ihrer späteren Fragebogenantwort, sie wäre gern dieser Film, zusammengesehen werden. Wäre es eine Überinterpretation, daraus abzulesen, dass sie sich zutiefst wünscht, wirklich geliebt zu werden? Überhaupt? Von wem auch immer? Oder sogar gegen ihr eigenes Bewusstsein: vom Libyer?

In  Dostojewskijs letztem Roman findet man den Hinweis, das genau sei „die Hölle“, „wenn man schon nicht mehr lieben kann“. Kann es nicht auch etwas Höllenartiges bedeuten, wenn man zu erleben glaubt, dass es niemanden gibt und nie jemanden gegeben hat und nie jemanden geben wird, der einen wirklich liebt? So ähnlich nämlich mag es um Bianca stehen bzw. gestanden haben. Die Schlüsselwörter „Leere“, „Traurigkeit“, „Untröstlichkeit“ in der erfahrenen Wirklichkeit und „Unglück“ in der weiterhin erwarteten, erahnten Zukunft sowie „Gier und Verzweiflung“ in der sekundären Mattscheibenwelt, Schlüsselwörter, die  wir  allesamt schon im 5. Kapitel finden konnten,  sprechen da eine eigene unverkennbare  Sprache.

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