Kapitel 7: Kurz vor dem Wendepunkt

FETZEN 199 / VII / Kurz vor dem Wendepunkt

Merkwürdig. Wenn ich die einzelnen Kapitel dieser so ganz ohne Kunstgepräng‘ geschriebenen, scheinbar so ganz einfachen Geschichte lese und verschiedentlich wieder lese, bietet sich mir immer wieder ein in kleinsten Nuancen unterschiedliches Bild. Was ich dazu schreiben möchte, schreiben könnte, verändert sich je nach Tageszeit, geistig-sinnlicher Wachheit und je nach Gemütszustand um ein kleines Beträchtliches. Manches rasch und spontan Ausformulierte geht mir mitunter durch den Kopf und ich finde nicht die Zeit, es festzuhalten.

Die Sache im 7. Kapitel scheint klar. Bianca sagt es doch selbst, wenn auch mit anderen, schlichteren Worten und Sätzen als den meinen im Augenblick: Die 3 Männer innerhalb ihres  Quartetts finden immer wieder keine Arbeit, um die sie sich ihren eigenen Angaben nach die ganze Woche über bemüht hätten. Bianca ist immer noch im Friseursalon beschäftigt, sie ist die einzige von den vieren, die überhaupt noch etwas verdient. Parasitär leben sie alle vier von ihr. Wie lange  können sie sich zu viert noch so gerade über Wasser halten? Lange wohl nicht mehr. „Nutte“ will sie aber nicht sein. Davor habe sie „Angst“. Dennoch: „Im Grunde wusste“ sie, „dass Prostitution“ für sie „der einfachste Weg war.“  (Warum heißt es hier „war“ und nicht „wäre“?)  Da sie den Weg in die Prostitution aber nicht gehen will, scheint ihr als rundweg einzige Alternative der fortgesetzte Abstieg in kriminelle Bereiche, deren Schattierungen bis hin zur „Diebin“ und „Mörderin“ sie im Geiste durchgeht, für sie unvermeidlich, ja, unaufhaltsam.  Ihr eigener, ihr für das im 7. Kapitel inzwischen erreichte  Stadium aktuellster Befund ist: „Mein Leben gefiel mir nicht.“ (S.53) An Samstagen und Sonntagen, Tagen, an denen alle vier untätig zusammenhocken, wird ihr dies überdeutlich. Nachts vermag sie an solchen Tagen sogar wieder zu weinen, „vor Wut“ über ihr seit dem tödlichen Unfall der Eltern mehr und mehr verunglücktes Leben. Der Beischlaf, die „Vögelei“, zu der sie den Libyer oder den Bologneser gelegentlich herbeiwinkt, dient ihr daraufhin nur zur Betäubung, zur Ablenkung, zur Einschlafhilfe in einen Schlaf mit zumindest andern Träumen.

Von Träumen ist gegen Ende des Kapitels dann noch einmal die Rede, auf durchaus merkwürdige Weise: Von „unbändigen Träumen“ ist da zu lesen, (von leidenschaftlich intensiven sonach), „in denen nichts einen Sinn ergab“ (von widersinnigen, aberwitzigen, in sich unstimmigen, unentschlüsselbaren, an Absurditäten und Unsinnigkeiten reichen also), „in denen“ sie, Bianca, „den Mut hatte, Dinge zu tun, zu denen“ sie „Lust hatte“ (Träume somit voller Lebensmut, in denen ihr insgeheim ersehntes, unabsehbar  ungelebtes Leben lustvoll-spontan gelebt wird); „wenn das auch nicht gerade das war, was ich im wirklichen Leben getan oder worauf ich im wirklichen Leben Lust gehabt hätte“ (S.55), heißt es demgemäß weiter. Und dennoch sei sie auch „damals, als die Nächte wie der hellichte Tag waren“, offenbar auch  in diesem Zwiespalt von faktisch gelebtem und nur geträumtem ungelebtem Leben, „im Grunde“ auch schon  der „einfache Mensch“ gewesen, der sie „heute“ (auf der Gegenwartsebene der Ich-Erzählerin) nun sei. Paradoxien des Einfachen? Paradoxien eines zutiefst einfachen Menschen, dessen äußere Geschichte alsbald nur „noch verworrener“ werden wird?

Ich schaute mich an, und das Licht des Spiegels blendete mich. Es ließ meiner Seele keine Ruhe.

Immer wieder der Blick in den Spiegel (hier und auch in den anderen Büchern Roberto Bolanos). Diesmal wiederum der leere Spiegel; dezidiert also ein Blick, der nichts zeigt. Das Tag und Nacht fortwährende Licht,  das vom Spiegel zurückgespiegelte Licht „blendet“, erlaubt es  Bianca nicht, sich selbst zu sehen. Sich nicht, den im Grunde einfachen Menschen?

Fast fühle ich mich hier an Dostojewskijs Romanfigur aus den „Bösen Geistern“ Kirillow erinnert, der behauptet hat, dass in dem Maße, in dem jeder Mensch sich bewusst mache, dass im Grunde alles gut sei, mit einem Male alles gut werde.

(Schon auf der vorausgegangenen Seite 54 mit der Nachbarschaft von Dirne, Mörderin und Heiliger bewegten wir uns ja bereits –  zumindest terminologisch – in der Dostojewskij-Gegend.)

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