Kritisches Zwischenfazit zum Lumpenroman

FETZEN 2010  / Kapitel I – VII / Kritisches Zwischenfazit zur Hälfte des Buches

Jener, der häufig Zitierte und Weltbekannte, den ich nicht eigens bei Namen nennen muss, sprach schon vor fast 200 Jahren von einem empfindlichen und nicht unerheblichen  Manko der inhaltsversessenen und allenfalls inhaltskritischen deutschen Lesegewohnheiten: „Die Form“ eines literarischen Werkes sei „den meisten“ „ein Geheimnis“.

Gerade die Form ist es aber, die mich am „Lumpenroman“ besonders anzieht. Wie Bernd Berke auf Westropolis hab ich den Eindruck, dass in diesem Buch kein Wort zuviel und keines zuwenig geschrieben ist. Mich besticht die großartige Leichtigkeit, fast Schwerelosigkeit der Erzählweise und Wortwahl. Wie vieles davon auch – oder vor allem – dem Übersetzer Christian Hansen zu verdanken ist, weiß ich nicht ganz genau.  Zumindest: Jedweder Nacherzählungsversuch wirkt deutlich schwerfälliger, behäbiger oder plumper als das Original.

Dabei ist die von Roberto Bolaño offenbar hochgeschätzte und auch hier wieder gewählte Ich-Erzählperspektive einer (wie in „Amuleto“ übrigens wieder weiblichen, jedoch ganz anderen) Rollenfigur von großem Vorteil. Der Text lässt genügend weiße Stellen zurück; eine vollständige Entschlüsselbarkeit wird von vornherein verhindert. Wir können nie ganz sicher sein, dass wir Lesenden Biancas (Vergangenheit und Gegenwart umfassendes, Zukunft ggf. ahnendes) Bewusstsein als Schlüssel zu allen Geheimnissen des Textes betrachten dürfen. Verstohlene Untiefen und Fallstricke sind überall zu erwarten, manchmal zu finden.

Formulierungen wie in den folgenden beiden, hier stellvertretend ausgewählten Textstellen haben mir auf Anhieb gefallen:

„In so einem Fall sprang ich wie von der Feder gelassen aus dem Bett“ (S.53).

„Ich glaube, einige Tage lang lebte ich wie auf Zehenspitzen“. (S.57)

Das hat einen eigenen Ton.

Wie fast immer in Roberto Bolaños Erzähltexten habe ich als Leser auch hier den Eindruck, als wenn sich verschiedene Anspielungsschichten groß- und kleinflächig oder auch mit Tiefendimension mischten und überlagerten. Dabei unterscheide ich Anspielungsbereiche, an die der Autor in bewusster Einbeziehung  schon selbst gedacht haben mag von jenen individuell verschiedenartigen, die sich bei unterschiedlichen Leser…n höchst individuell und assoziativ einstellen werden  und dies auch dürfen angesichts der vom Autor  im Text bewusst dynamisch belassenen Offenheiten. Zuzugeben ist jedoch, dass es schwerfallen wird, selbst die vom Autor in Verschwiegenheit gezielt gemeinten Anspielungsbereiche eindeutig und allgemeinverbindlich zu entdecken. Das könnte ein Mangel dieser Art von Literatur sein, ist es aber gerade hier nicht, wegen der Geradlinigkeit der Gesamtanlage des „Lumpenromans“. Diese Novelette lässt sich immer auch vordergründig ganz einfach lesen und ist dabei erkennbar gut und interessant und Nervenstränge unserer Zeit treffend erzählt. –

5 Responses to “Kritisches Zwischenfazit zum Lumpenroman”

  1. Andreas Gierth

    Ein anderes, etwas provokatives Zwischenfazit

    Im Folgenden handelt es sich um einen Versuch. Ich bin ja noch nicht fertig mit dem „Lumpenroman“.

    Wenn es um Lumpen geht, ist oft weder die Form noch der Inhalt viel wert. Lieber Günter, meinst du im „Lumpenroman“ sei die Form das „Geheimnis“ seiner Poesie? Ich glaube nicht, jedenfalls bis jetzt, bis Kapitel 7 noch nicht. Die „Leichtigkeit“, von der du sprichst, verdankt sich auch, sicher nicht nur, aber auch der Banalität des Inhaltes. Die Fähigkeit die Form den Inhalt anzugleichen besticht mich allein noch nicht. „Samstag und Sonntag waren die schlimmsten Tage, weil wir vier dann alle zusammenhockten und nichts zu tun hatten.“ So ist es. Der Satz ist genau so langweilig wie sein Inhalt.

    Du schreibst, die „Entschlüsselbarkeit (würde) verhindert“. Das setzt voraus, dass der Text ein Geheimnis hätte, etwas in in diesen Teppich Eingewobenes.(s. Henry James „The figure in the Carpet“) Ich glaube das nicht. Ich glaube, wir müssen bei diesem Teppich auch eher an einen Lumpenteppich denken. Herauszufinden wäre, ob einen solchen Teppich zu machen Poesie sein kann und in diesem Fall auch ist.

    Du zitierst zwei Sätze, von denen du meinst, dass sie einen „eigenen Ton“ hätten. Beide Sätze rufen für mich Bilder hervor, die ganz nett sind. Mehr aber auch nicht.

    Wenn überhaupt, hat für mich nur der ganze Absatz, der an dem ersten Satz hängt, einen eigenen Ton. Und dieser Absatz gehört für mich auch zu den stärkeren Textpassagen: „In so einem Fall sprang ich wie von der Feder gelassen aus dem Bett, lief zurück ins Wohnzimmer, machte einem der Freunde meines Bruders ein Zeichen (übrigens ohne mich darum zu kümmern, ob er mich sah) und nahm ihn mit in mein Zimmer, wo wir vögelten, bis ich einschlief und so wenigstens von anderen Dingen träumen konnte.“ Dieser Satz, es ist ja nur einer, gefällt mir. Hier kommt im Zusammenspiel von Form (auch Sprache) und Inhalt etwas hinzu, was ich Poesie nennen möchte. Auch wenn dies dann eher traurig stimmt.

    Bezüglich der so genannten „Anspielungsschichten“ habe ich auch so meine Zweifel. Ich glaube, das eine oder andere, was uns so einfällt, hat wenig mit dem Roman zu tun. Hier lauert wohl auch die Gefahr, ihm Inhalt zu geben, wo er keinen hat.

    Ein Literaturkritiker hat seine heute in der Zeitschrift „Literaturen“ erschienenen Rezension mit folgendem Absatz beendet: „Gewiss werden sich Kritiker finden, die den ‚Lumpenroman‘ für sein virtuoses Spiel und die Kühnheit preisen werden, mit denen er Erwartungshaltungen des Lesers unterläuft. Der Rezensent hingegen hat darin nur einen einzigen Satz gefunden, dem er vorbehaltlos zustimmen kann: ‚Ich kann ganz ohne Ironie sagen, dass ich mich langweile.'“

    Der Rezensent hat seine Rezension unter der Frage geschrieben: „Ist das Weltliteratur?“ Um festzustellen, ob Bolano mit dem „Lumpenroman“ so genannte Weltliteratur geschrieben hat, braucht es natürlich nicht der vorbehaltlosen Zustimmung dieses Rezensenten zu möglichst vielen Sätzen dieses Romans. Der Rezensent stellt letztlich nicht die richtige Frage bzw. geht ihr nicht wirklich nach. Nämlich der Frage: Ist diese Langeweile das Ergebnis des Zusammenwirkens einer kunstvollen Form mit einem Blick Bolanos für den ihr angemessenen Inhalt? Hat er ein Auge für das Langweilige des Lebens und weiß er ihm die entsprechende Form zu geben? Dieser Frage würde ich gerne noch näher nachgehen. Wenn ich sie mit Ja beantworten könnte, bliebe das Buch trotzdem langweilig. Aber auf eine wunderbare Weise.

  2. Günter Landsberger

    Wahrscheinlich, lieber Andreas, langweilt Dich dieses Buch, weil Du dem hier (von wem?) vorgegebenen Tempo folgst und es so langsam kapitelweise liest. Du darfst nicht vergessen, dass ich das Buch sehr bald nahezu auf einen Sitz (verteilt leider auf zwei Tage statt auf einen) gelesen habe und so einen viel flotteren Eindruck habe. Jetzt entsteht leider der falsche Eindruck, man müsste es bedeutungsschwer wie einen heiligen Text lesen. Kein Wunder, dass Du es dann für langweilig hältst. Ich übrigens überhaupt nicht. – Auch mit Form habe ich nichts Äußerliches gemeint, sondern eine zum Ausdruck kommende innere Formung, die ich weniger an den zwei Sätzen als an den zwei Seiten in Andeutung demonstrieren wollte, die im 8. Kapitel stehen. Das, was ich dazu geschrieben habe, hat Marvin aber leider noch nicht ins Netz gestellt; es liegt ihm seit gestern morgen vor. – Wichtig ist Erzählperspektive und Erzählhaltung des Ganzen, die dem Autor die Chance gibt, ein weiteres Bewusstsein zu suggerieren, als die Ich-Erzählerin es hat. Wenn man das Ganze kennt, darf man eine Spannung zwischen Autorenhaltung und Ich-Erzählerinnenhaltung zu Recht vermuten, wodurch eine nicht unkritische Größe ins Spiel kommt, die von der bisherigen Rezensorenkritik nicht wirklich wahrgenommen wird.

  3. Günter Landsberger

    Auch in diesem Buch legt Bolaño sich überlagernde oder einander überschneidende Spuren zu Assoziationsfeldern hin, durch das das Buch eine (eingeplante?) zusätzliche Weite erfährt. Mit Nachdruck nenne ich hier zwei noch wenig beachtete Bezüglichkeiten: a) Flauberts Erzählung „Un coeur simple“ („Ein einfaches Herz“ / Man vgl. die Stichworte „Papagei“ in Biancas 1. Traum, S.18 + die mehrfache Selbstcharakterisierung Biancas als „im Grunde“ „einfacher Mensch“) und b) die klare Spur, die zu dem gebürtigen Bologneser Pier Paolo Pasolini, dessen Vater vor seiner Militärzeit „in Libyen gestrandet war“, führt und in das lumpenproletarische römische Milieu seiner frühen Romane und Filme, aber auch in das späte große Romanfragment „Petrolio“.

  4. Andreas Gierth

    Mit dem Lesetempo hat das, was ich über den „Lumpenroman“ geschrieben habe, nur sehr bedingt zu tun. Ich wünschte mir schon etwas mehr Eingehen auf den Inhalt eines Kommentars. Auch bezüglich zum Beispiel des Stichwortes „Assoziationsfelder“. Muss man nicht der Frage nachgehen, was sie mit der Qualität des Romans im Ganzen eigentlich zu tun haben, wenn man nicht stehenbleiben will bei der Aufzählung gelehrter Anmerkungen? Ich möchte nicht missverstanden werden. Natürlich gefällt mir dieses Assoziieren auch, aber was haben all diese Bezüge Verweise etc. mit der Qualität des „Lumpenroman(s)“ zu tun.
    Ich meine schon ernst, was ich schreibe. Aber ich versuche auch durch eine, wie schon gesagt, leichte Provokation ein wenig Wind in die Disskusion hier zu bringen. Es ist so merkwürdig still auf unseren Seiten um diesen Roman.

  5. Günter Landsberger

    Die ganze Qualität des Romans enthüllt sich erst vom Schluss her, obwohl man auch gerade von da aus einen Verriss schreiben könnte. Es geht um die Frage, ob ein Mensch wie Bianca, ein auch seelisch Verwahrloster in einer im Niedergang befindlichen modernen Wohlstandsgesellschaft, erstmals in seinem Leben zu einem verlässlichen Lebenssinn finden kann, ob so etwas wie eine Selbstwahl stattfinden und die Ebene von Langeweile, Misere und Verbrechen in einem existentiell-ethischen Akt schlagartig durchbrochen und dauerhaft überwunden werden kann.
    Umgekehrt: auch ein Verriss wird in dem Maße möglich sein, in dem es unmöglich erscheint, dass ausgerechnet eine derartige Person, die als Ich-Erzählerin laufend ihre dürftige Visitenkarte abgeliefert hat, zu einem derartigen Umschwung glaubhaft in der Lage sein soll. Dann wird aber auch eine Neulektüre des ganzen Textes, bei der ich ja gerade laufend bin, vonnöten sein, um zu erkennen, an welchen Stellen der Erzählerinnengegenwart die vermeintlich verlassene Ebene von Langeweile, Misere und Verbrechen auch nachträglich nicht wirklich überschritten worden ist und sich als – ihrem, Biancas, eigenem (Selbst-)Bewusstsein entgegen – nicht wirklich verlassene herausstellt.
    Auch die Frage möglicher Assoziations- und Bezugsfelder, die zwischendurch sekundär ist, wird von da her Gewicht gewinnen oder sich als verschleierndes Scheinmanöver herausstellen – oder aber uns unabdingbar im beständigen Zweifel zurücklassen.
    Wäre im letzteren Fall dieser Roman als Formprojekt gescheitert?

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