Lang kurz lang.

Vor einer Woche behauptete ich noch etwas kühn, der gemeinsame Nenner der 5 Romanteile ließe sich mit einem Borges-Titel als „Universalgeschichte der Niedertracht“ umschreiben, und am 9.9. prangt ebendieser Titel über einem Artikel zu 2666 in der schweizer Weltwoche und wird von Autor Markus Gasser mit Inhalt gefüllt. Wer an Anekdoten und biographischen Details aus dem Leben des Autors interessiert ist, wird hier ausreichend mit „Bückware“ versorgt – mit Informationen, die nicht in jedem Bolaño-Artikel stehen; in jedem Fall für weitere Mythenbildung gut geeignet: http://tinyurl.com/msn437

Lustigerweise deckt sich auch mein persönliches Ranking innerhalb des Werks von Bolaño exakt mit dem von Markus Gasser: „Borges aber hatte dekretiert, was für ein mühseliger Unsinn es sei, auf aberhundert Seiten einen Plot und Gedanken auszuwalzen, dessen mündliche Darlegung wenige Minuten beanspruche. In seinen besten Werken, dem Erzählband «Telefongespräche» und dem Totenbettpalaver «Chilenisches Nachstück», hielt sich Bolaño an das Dekret — für «Die wilden Detektive» indes umging er es mit glühender Achtlosigkeit: Von der Totalitätsmanie eines Thomas Pynchon befallen, improvisierte er einen Roman ohne Plot und zentralen Gedanken zusammen, der sich nach 600 Seiten Gesprächen über Literatur, Zeitschriftengründungen, verstohlenem Pathos, alltäglichen Flüchtigkeiten und einem Geschlechtsakt auf jeder vierten Seite in nichts verlor. Die an solcherlei Ziellosigkeiten wie an Schlafmittel gewöhnte Kritik war begeistert und krönte dieses Monument der Unlesbarkeit mit dem bedeutendsten Literaturpreis Lateinamerikas.“

2666 scheint noch eklatanter gegen Borges‘ Verdikt zu verstoßen, ist tatsächlich aber eine Überwindung dieses Gegensatzes, nämlich die meisterhafte Verschmelzung von Kleinteiligkeit und überbordender Fülle, von literarischer Kurzform und epischer Breite. Ein schönes Beispiel dafür ist der längste Satz des Romans, S. 30-36. …Wird fortgesetzt.

Christian Hansen, Übersetzer von 2666

3 Responses to “Lang kurz lang.”

  1. Günter Landsberger

    Mit Abschluss der „Telefongespräche“-Woche noch eine herzliche Bitte an Sie, lieber Herr Hansen. Könnte vielleicht auch noch Bolaños Erzählband „Putas asesinas“ (Barcelona 2001) von Ihnen ins Deutsche übersetzt werden, so ansprechend für uns wie alles andere, was Sie von Bolaño dankenswerterweise bereits übersetzt haben? Oder renne ich da ohnehin offene Türen ein?

  2. Der Buecherblogger

    Ich frage mich, warum ich den Artikel von Markus Gasser zynisch finde. Anscheinend gibt es eine moderne Form der Literaturkritik, die sich darin gefällt in post-postmoderner Nonchalance das gesamte Werk eines Autors mal eben durch den Kakao seines Lebens zu ziehen, mit so schmückenden Begriffen wie „Ratten in der Vagina“, „Heroin“ und „Beatnikgedichte“, „Diamanten, Engeln und Schuld“. Spricht da am Ende Neid, nur Literaturkritiker im Rollstuhl der eigenen Kritik zu sein. Muß man sich mit aneinandergereihten Unterstellungen profilieren wollen? Ich hoffe jedenfalls, ich komme nach der Lektüre weiterer Romane und Gedichte Bolaños zu einem anderen Ergebnis. Warum muß man Schuldgefühle ironisieren? Ich finde, Herr Gasser hat Glück, keine gefolterte Frau in Mexiko zu sein.

  3. Jan Fries

    Der endlos lange Satz, von dem das erste Auftreten Archimboldis im Buch begleitet wird, stellt wirklich einen auffälligen Bruch mit den einleitenden, vorhergehenden Seiten dar. Ohne Punkt und Absatz, atemlos, wird jedes Wort über den großen unbekannten Schriftsteller herausgekeucht, als bliebe selbst in der Erzählung durch den Schwaben keine Zeit zum Luftholen.

Schreibe einen Kommentar

Basic HTML is allowed. Your email address will not be published.

Subscribe to this comment feed via RSS