Neues Quartett: Zwei nisten sich ein

FETZEN 109 / III / Neues Quartett: Zwei nisten sich ein

Das dritte Kapitel ist wichtig. (Aber welches Kapitel unserer Novelette denn nicht?) Das dritte Kapitel  setzt ein mit Neuankömmlingen. Eines Nachmittags bringt Biancas Bruder zwei Männer mit. Aus der Gegenwartserzählebene heraus vermag sie spätestens im Nachhinein zu urteilen: „Sie waren nicht seine Freunde, auch wenn mein Bruder das glauben wollte.“ Aber schon von Anfang an hat sie offenbar in ihren mehr oder minder deutlichen Reaktionen erkennbare Vorbehalte gegenüber den beiden „Freunden“ ihres Bruders,  gegenüber den für sie Fremden, die allerdings  von Anfang an alles tun, um ihr Vertrauen zu wecken und das anfangs von ihr her vorhandene Eis zwischen sich und Bianca nach und nach zu brechen. Wenn sie etwas ausdrücklich nicht will, berücksichtigen sie dies sofort. Sie wollen ihr offensichtlich in allem möglichst entgegenkommen, um nur ja ihren Argwohn zu zerstreuen und ihr Desinteresse an ihnen zu besiegen. Und dennoch spürt man als Leser, dass hier mit dem Kommen dieser zwei aus unheiterem Himmel ein Verhängnis einsetzen könnte, so zurückhaltend und so zuvorkommend sie sich auch Bianca gegenüber geben und verhalten mögen.

Als zwillingshaft einander ähnliche Personen erinnern sie mich an die beiden immer zusammen auftretenden beiden Männer in Kafkas „Schloss“, in der Art ihres Sich-Einnistens jedoch an die beiden Brandstifter bei Herrn Biedermann. Einer von ihnen spricht – anders als der originäre Bologneser – sein Italienisch offenbar mit nordafrikanischem Akzent. Er könnte Bianca zufolge „Libyer oder Marokkaner“ sein und wird dennoch bald danach entschieden  immer nur noch als Libyer bezeichnet, so, als legte Roberto Bolaño Wert auf die Identität der Herkunft des einen mit der des  Areios, von dem sich – von der christlichen Antike an bis hin zu Goethes „Farbenlehre“ und darüberhinaus noch fortwirkend – der Arianismus herleitet.  Bianca hat zwar beim Mittagessen am nächsten Tag die Namen der zwei fremden „Freunde“ erfahren  –  die beiden hatten mit dem Einverständnis des Bruders, und alsdann dem halben Biancas, im offenbar sonst gemiedenen  Schlafzimmer der tödlich verunglückten Eltern übernachtet und sind bei Biancas Heimkehr von ihrer Arbeit im Friseursalon immer noch da gewesen –  , indessen wir als Lesende erfahren ihre Namen das ganze Buch über nicht. Bianca, die selektierende Ich-Erzählerin, schwankt zwischen Vergessen und Sich-nicht-erinnern-Wollen. Sie hat die fraglichen Namen zwar von den beiden Männern am zweiten Tag selber erfahren, „will sie“, diese Namen,  sich jedoch jetzt auf der gegenwärtigen Erzählebene „lieber nicht eigens ins Gedächtnis rufen“. Sie legt keinen Wert  darauf. Nicht gedacht soll ihrer werden? Ist es ihr wichtig, dass die beiden als Individuen wieder namenlos werden?

Was für Leute sind das eigentlich? fragen wir uns als Leser auch. Was führen sie im Schilde? Brüder seien sie nicht und dann doch wieder Brüder – in einem bestimmten Sinne. Auch wenn sich bei dem Schlussbescheid „Blutsbrüder“ das argwöhnische Fragen beruhigen mag, Assoziationen wurden zuvor dennoch freigesetzt und fortan nicht mehr ganz zum Schweigen gebracht: Fratres; Logenbrüder; warme Brüder; Tippelbrüder; Skat- und andere Kartenspielbrüder; Knastbrüder; feindliche Brüder … . Dass Biancas Bruder und die beiden in einem römischen Hauptbahnhofsrestaurant beharrlich auf irgendetwas warten, was wohl?, imaginiert Bianca im eindrucksvollen, detailliert ausgemalten Schlussbild des Kapitels. Überhaupt zeigt sich im „Lumpenroman“ immer wieder die sprechend visionäre und produktive Einbildungskraft Biancas. Sie scheint in szenischen Bildern Triftiges sehen, vorwegnehmen, imaginär und unanalytisch  erkennen  zu können.  –

Der Binnenverweisungszusammenhang innerhalb des kleinen großen Romans ist in und mit diesem Kapitel erneut dichter geworden. Der Kontext religiöser respective pseudoreligiöser Motive hat sich intensiviert: „Nimbus“, „Aureole“, „Lichtkreis“, „Heilige“ (S.26) , „Brüder“ (S.24),  „Osservatore Romano“ (S.28), „unendliche Traurigkeit“ (S.29). Die Farbe Gelb des Anfangs (S.9) taucht merkwürdig genug wieder auf: Bianca empfindet die tiefe Stille der Nacht  „als gelb“. (S.29) –

„So verging die Zeit.“ heißt es ganz am Schluss des Kapitels, als befänden wir uns mit Pluralvariante am Ende von Büchners „Lenz“: So lebten sie hin.

12 Responses to “Neues Quartett: Zwei nisten sich ein”

  1. Andreas Gierth

    So recht weiß ich noch nicht wirklich etwas mit dem 3. Kapitel anzufangen. Worum geht es eigentlich? Günter, du schreibst auch über diese von Bianca imaginierte Bahnhofsszene, die mich an diesem Kapitel vielleicht noch am meisten beeindruckt hat. Bianca denkt sich aus, dass ihre Bruder und die beiden Fremden auf etwas gewartet hätten, „das niemals kam“. Weiß sie also, auf was sie gewartet hatten? Dieses ausgedachte Bild löste in ihr eine „unendliche Traurigkeit“ aus. Ihr war doch offenbar so, als sei sie dem Tode nahe gewesen. Und was macht ihr solche Angst? Dass es hier etwas gäbe, was sie und ihren Bruder „unwiderruflich trennen“ würde. Und sie sagt von diesem ausgedachtem Bild, dass es „tatsächlich eine Vorahnung“ gewesen sei. (Aber bitte nichts verraten!)

  2. Günter Landsberger

    Anders als bei Augustinus einst unterstellt, nämlich in vertauschter Reihenfolge, stellt sich hier im 3. Kapitel schon in Biancas Gemüts- und Seelenzustand die „unendliche Traurigkeit“ ein und nicht erst nach dem jeweiligen Koitus der unmittelbar aufeinanderfolgenden unverliebten Nächte, von denen ziemlich zuletzt erst das 4. Kapitel spricht.
    (Ein weiteres noch unverkennbareres Augustinus-Zitat wird man, zwischen anderen Formulierungen versteckt, am Ende von Kapitel 13 finden können. Aber davon erst bei Gelegenheit mehr.) –

    Übrigens: Hat es etwas zu bedeuten, dass Bianca auch der Name eines der Uranos-Monde ist, des kleinsten, wenn mich nicht alles täuscht?

  3. Herbert Fraunhoffer

    Hat sich auf Seite 28, in der Vision Biancas, ein Fehler eingeschlichen?
    „…während mein Bruder und der Libyer nichts taten, (…), löste der Libyer das Kreuzworträtsel…“
    heißt es da, während in der spanischen Onlineversion folgendes steht:
    „…mi hermano y el libio sin hacer nada, (…), el boloñés resolviendo el crucigrama…“.
    Kann der Libyer gleichzeitig nichts tun und Kreuzworträtsel lösen oder ist es der Bologneser der das Rätsel löst, was ich für wahrscheinlicher halte, scheint er doch auch beim Quiz vor dem Fernseher der Gebildetere zu sein.

  4. Herbert Fraunhoffer

    Hat Bolaño einen der Männer als Bologneser in den Roman eingeführt, um mit ihm autobiografische Züge zu offenbaren? Die Ähnlichkeit seines Namens mit der spanischen Bezeichnung „boloñés“ ist mir ins Auge gefallen, ebenso die enzyklopädische Bildung, die sich beim Bologneser beim Beantworten der Fernsehquizfragen und Kreuzworträtsellösen, bei Bolaño allüberall in seinen Werken manifestieren.

  5. Günter Landsberger

    Ich gebe zu, lieber Herbert, auch mir ist diese Namensähnlichkeit durch den Kopf geschossen.

  6. Günter Landsberger

    Außerdem hab ich mir bewusst gemacht, eine wie alte Universität in Italien (Schwerpunkt: Rechtsgelehrsamkeit) die in Bologna doch ist. Ebenso hab ich mich daran erinnert, dass auch „Fra (!) Dolcin, der Ketzer, der von Dante in den 8. Höllenkreis Gebannte“, wie es in einem Gedicht von C.F.Meyer heißt, längere Zeit in Bologna geweilt hat und dass solch ein Ketzer sehr gut zu dem in Libyen geborenen, von der Katholischen Kirche ebenfalls als Ketzer apostrophierten Areios, passen würde, von dem ich ganz zu Anfang in Zusammenhang mit Goethes „Farbentheologie“ schon hier geschrieben habe.

  7. Günter Landsberger

    Und was den Übersetzungsfehler auf Seite 28 angeht, lieber Herbert, da habe ich zunächst gemeint, und in diesem von mir missverstandenen Sinn Dir bereits auf Facebook geantwortet, Du meintest die etwas eigenwillige Übersetzung von „crucigrama“ mit Kreuzworträtsel, sehe aber nun erst, dass Du die offensichtliche Figurenvertauschung „Libyer“ und „Bologneser“ gemeint hast. Da hast Du natürlich recht.
    Obwohl man nicht besonders gebildet sein muss, um Kreuzworträtsel lösen zu können oder zumindest versuchen kann sie zu lösen. (Ich z. B. hab schon als Kind bis ins Alter von 11/12 Jahren hinein sehr gerne Kreuzworträtsel gelöst – und immerhin ist es der Libyer, der als einziger der drei Männer den nicht gerade anspruchslosen Film „Krieg und Frieden“ im Wachbleibzustand zu goutieren weiß. Vgl. hierzu S.50. Oder liegt hier schon wieder eine Personenverwechslung vor? Was sagt dazu der spanische Originaltext?)

  8. Günter Landsberger

    Beim Bologneser, lieber Herbert, bin ich inzwischen auch noch auf einer ganz anderen Spur. Verschiedentlich werde ich nämlich im „Lumpenroan“ und andernorts bei Bolaño auch an den in Bologna geborenen Pier Paolo Pasolini erinnert, der sich in verschiedenen seiner Filme und literarischen Veröffentlichungen unter anderem auch als Kenner des römischen Lumpenproletariats erwiesen hat. In einer bestimmten Phase seines Lebens hat er auch Afrikanisches gegen Europäisches utopistisch gegeneinander ausgespielt. (Der Nordafrikaner, der Araber, ob nun Libyer oder Marokkaner, wäre da eine immerhin vage Entsprechung.)
    Aufgehorcht habe ich aber vor allem bei mindestens einer Passage aus Pasolinis nachgelassenem großen Romanfragment „Petrolio“ (Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1994). Man schlage da z. B. die Seite 657 auf. die ich hier zumindest zur Hälfte zitieren müsste, um den alles andere als unwahrscheinlichen Zusammenhang mit den beiden zwillingshaften Gestalten im „Lumpenroman“ und auch den mit den beiden Figuren A und B aus dem hier schon besprochenen Band der „Telefongeschichten“ aufzuzeigen. (Vgl. zudem den besitzergreifenden Griff zur Hüfte auf der Seite 45 des „Lumpenromans“, einen Zugriff, den wir vergleichbar schon vom Farewell des „Chilenischen Nachtstücks“ her kennen.)

  9. Herbert Fraunhoffer

    Lieber Günter, beim Film Krieg und Frieden ist es auch im Spanischen der Libyer, der bis zum Ende durchhält, es stellt sich mir aber die Frage, ob er das nicht mit Hintersinn getan hat, er findet den Film absolut phantastisch, vielleicht nur weil er gemerkt hat, dass Bianca dies auch tut. Oder ist es vielleicht sogar umgekehrt und Bianca möchte mit ihm etwas teilen, sich ihm nah fühlen?

  10. Günter Landsberger

    Dass der Libyer Bianca geneigt machen möchte, ihr somit nach dem Munde redet, scheint mir das Hauptmotiv zu sein.

  11. Frank Helzel

    Bologneser und Libyer am Bahnhof (Kap. 3)
    Die beiden Freunde – „unschuldig“, wie Bianca später feststellen wird – sind ihr von Anfang an nicht geheuer. (Sie will die beiden auch nicht „erkennen“, nämlich mit ihnen so eins werden, wie Eva sich von Adam als sein Weib „erkennen“ ließ. Das Sexuelle bringt hier keine Erfüllung, sondern bleibt an der Oberfläche und beliebig zwischen zweien austauschbar. Auch die erwähnten Orgasmen Biancas bleiben für mich oberflächlich und „unschuldig“.) Am Ende von Kap. 3 stellt sie sich vor, wie die beiden mit ihrem Bruder im Hauptbahnhof sitzen und warten…
    Ich denke, dass Bolaño über weite Strecken ein an seiner Gegenwart und ihren Problemen orientierter Autor ist, was mit seinen einschlägigen südamerikanischen Erfahrungen und seinem Exil zusammenhängen mag. („Lumpen“ als in den hispanoamerikanischen Wortschatz übernommenes Wort ist dort bereits zum Verb geworden: „lumpenizar“ = zu Lumpen machen. Es soll auch in der Skin-Szene bekannt sein.) Das bleibt seine Basis als Zeitgenosse, auf der er dann seine Literatur mit all ihren Verästelungen und Anspielungen aufbaut und zum Schein auch ins Märchenhafte öffnet. Manchmal scheint mir diese Basis in dieser Diskussion ganz aus dem Gesichtsfeld zu geraten und die hier angeschlagenen Assoziationstöne, deren Legitimität ich nicht bestreite, gehen mir stellenweise manchmal arg weit. So sehe ich im Bolgneser und in der von Bianca imaginierten Bahnhofszene eine sehr deutliche Anspielung auf das, was 1980 am Hauptbahnhof in Bologna geschah: 85 Tote bei einem Terroranschlag, der am ehesten rechten Terroristen zugeschrieben wird. Dazu gesellt sich dann, wie verschwommen die Identität des Libyers als Nordafrikaner auch teilweise gehalten wird, die Erinnerung an den 1988 von Libyen gesteuerten staatsterroristischen Lockerbie-Anschlag. (Die jungen Männer, die „Faschismus oder Barbarei“ rufen, sitzen in einem „nagelneuen Auto“ [S. 42]. Von wem finanziert?)

  12. Günter Landsberger

    Ein möglicher Zusammenhang mit dem Terroranschlag von 1980 in Bologna ist mir nachträglich auch bewusster geworden, nachdem ich Pasolini-Texte gelesen hatte und auch auf den nachgelassenen Roman „Petrolio“ aufmerksam geworden war.

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