Nicht der Tod

Als Jugendlicher las ich einmal meiner Mutter Gottfried Benns Gedicht Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke vor. Ich war damals sehr begeistert von Benn und kündigte das Gedicht entsprechend euphorisch an. Meine Mutter war entsetzt, sie konnte nicht verstehen, was ich ’schön‘ daran fand, etwas über Krebskranke im Endstadium zu lesen.

Auch heute käme sie wohl nicht auf die Idee, sich auf über 350 Seiten mit den Leichen von 108 ermordeten Frauen zu beschäftigen. Eine solche Inhaltsangabe, wie sie für den „Teil von den Verbrechen“ ja durchaus zutreffend ist, schreckt wahrscheinlich viele Leser ab. Dabei ist mit ihr alleine nicht sehr viel gesagt. Denn all diese Leichen werden nicht einfach abgearbeitet und katalogisiert, sondern erfahren im Gegenteil eine ganz besondere Würdigung.

Man stelle sich eine Beerdigung vor, bei der die Trauergäste noch einmal über ihre Erlebnisse mit dem Verstorbenen sprechen, wenn bei allem Schmerz irgendwann sogar die lustigen Erinnerungen zur Sprache gebracht werden. Bei einer guten Beerdigung, wenn man das so sagen kann, wird der Verstorbene im gemeinsamen Erinnern noch einmal lebendig, und alle Beteiligten verstehen: nicht der Tod, sondern das Leben hat das letzte Wort.

Mit dem „Teil von den Verbrechen“ schenkt Bolaño den toten Frauen von Santa Teresa eine solche Beerdigung; es handelt sich um Frauen, die sich im wirklichen Leben nicht einmal eine Beerdigung hätten leisten können, deren Freunde, wenn sie welche hatten, wahrscheinlich Mühe gehabt hätten, sich an schöne Momente ihres Lebens zu erinnern. Auch Bolaño kann das nicht beschönigen, er verklärt diese Frauen nicht oder benutzt sie für Sentimentalitäten. Er spart die Brutalität ihrer Tode nicht aus, aber er erfindet um sie herum unzählige kleine Geschichten, deren schiere Unerschöpflichkeit allein die vermeintliche Endgültigkeit des Todes Lügen straft. Deswegen ist dieser „Teil von den Verbrechen“ keineswegs eine deprimierende Lektüre, sondern, bei allem Schrecken, ein ganz und gar erstaunlicher Text über das Leben.

4 Responses to “Nicht der Tod”

  1. Günter Landsberger

    „Der Teil von den Verbrechen“ umfasst im engeren Sinne einen Zeitraum von Anfang 1993 bis Ende 1997, also einen Zeitraum von ziemlich genau fünf Jahren. Die vorausgegangenen Romanteile hatten zuvor schon diesen Zeitraum um einiges überschritten. Zeitlich am weitesten – auch auf das Romanganze gesehen – war sogar schon der erste Teil, „Der Teil der Kritiker“, vorgestoßen, bis hinein nämlich ins Jahr 2001. Er umfasst im engeren Sinn (also in fortschreitend erzählender Chronologie abzüglich der Rückblicke) einen Zeitraum von ziemlich genau zwanzig Jahren, von Weihnachten 1980 bis 2000/2001. Wir haben aus ihm (I) und den beiden folgenden Teilen (II u. III) somit zumindest indirekt erfahren, dass die schreckliche und zugleich symptomatische Mordfolge, mit der wir im vierten Teil laufend und sehr oft schonungslos konfrontiert werden, auch noch nach 1997 weitergegangen ist und – tatsächlich oder nur vorläufig? – kein Ende findet.
    Dementsprechend wird in Teil IV nicht nur der Blick auf die Fall um Fall individuell akzentuierte Folge der Mordopfer gerichtet, sondern auch auf sämtliche eindeutigen und uneindeutigen Aufklärungs- bzw. Verdunklungsversuche; in einer Weise, die uns Leser… unaufdringlich selber auf eine andauernde Spurensuche setzt. Werden diese Morde jemals eindeutig aufgeklärt werden? Mehrere Tat- und Tatverkettungshintergründe werden jeweils (teils einander ergänzend, teils miteinander konkurrierend) suggeriert.
    Zuordnungen werden angeboten, aber nicht vollends sicher vollzogen. Unsere eigene Einschätzung ist gefragt. Die Hoffnung auf Aufklärung und Zur-Rechenschaftsziehung, und sei’s nur partiell, flackert in Einzelnen oder Kleingruppen (Fahndern, Journalisten, Juristen, Abgeordneten) zwar immer wieder auf, aber doch beständig auch in der Bedrohung durch ein möglicherweise unvermeidbares Scheitern aller Anstrengungen. In diesem fast isolierten Teil menschlicher Anstrengungen gibt es zwar immer wieder schmerzlich (oder auch sang- und klanglos) Im-Sande-Verlaufendes, nie aber vollends den Punkt, an dem alle Hoffnung fahren gelassen wird (wie in Dantes „Hölle“). Fast wie in religiösen Zusammenhängen wird hier immer wieder „wider Hoffen“, also auch entgegen alle realistische Hoffnung „gehofft“.
    Worauf aber gründet denn hier diese fast schon verzweifelte Hoffnung? Woraus lebt der Mensch? Wo sind verlässliche „Quellen des Lebensmutes“ zu finden?

  2. Dietmar Hillebrandt

    Zur Realität der „auch nach 1997 weitergegangenen Morde“ möchte ich auf einen kurzen Artikel in der Welt vom 20.10.2009 hinweisen, der von der mörderischsten Stadt der Welt „Ciudad Juarez“ = „Santa Teresa“ berichtet:

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