Noch eine russische Erzählung

Mit Rücksicht auf die vorausgegangene Erzählung („Der Schnee“) im Sammelband „Telefongespräche“ heißt diese ähnlich dichte, aber kürzere, übrigens von Amalfitano und von ihm angeblich aus mündlicher Barceloneser Quelle nacherzählte, ohne zu viel zu verraten: „Noch eine russische  Erzählung“.
Sie hätte auch „Verwandlungen eines spanischen Rekruten“, „Der spanische Rekrut in Russland“, „Irrtum und Zufall“, „Das unverhoffte Zauberwort“ oder „Wie das Leben so spielt“ überschrieben werden können.

Wer einige der kürzeren Geschichten von Jorge Luis Borges kennt oder Kalendergeschichten von Johann Peter Hebel, z. B. „Kannitverstan“,  und mindestes eine von Franz Carl Weiskopf („Die Geschwister von Ravensbrück“), zudem Franz  Kafkas hellsichtig beklemmende Erzählung „In der Strafkolonie“ und den Band „Lebensläufe“ von Alexander Kluge und vielleicht auch noch Novalis („Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren sind Schlüssel aller Kreaturen“) und Eichendorff („Wünschelrute“), schließlich das erste Diapsalma aus Kierkegaards „Entweder-Oder“ und zudem vielleicht Franz Fühmanns Marsyas-Geschichte, der befindet sich bei dieser Geschichte auf vertrautem Gelände. Aber man braucht dies alles nicht unbedingt zu kennen.  Bei dieser fesselnden, mitunter verstörenden, schließlich wunderbaren  Geschichte über die unvorhersehbare Macht des „Zufalls“ im Leben finden wohl die meisten Leser… einen eigenen, sofortigen Zugang.

Dabei kann man die vornehmlich im 2. Weltkrieg in Russland spielende Geschichte von ihrer Anlage her oder von ihrem Erzähler Amalfitano her auch noch jeweils anders lesen. Man kann sich im Vorblick auf „2666“ fragen, ob es ein Zufall ist, dass ausgerechnet Amalfitano eine derartige  Geschichte erzählt und inwiefern diese Geschichte vielleicht sogar weitere Aufschlüsse über ihn selber vermittelt. Man kann sich aber auch darauf einlassen, dass die Erzählung ringförmig angelegt ist, dass sie am Schluss überraschend pointiert doch noch einmal zurück auf das Eingangsthema kommt. Man kann sich sogar jetzt fragen, ob  das in der schlimmsten Bedrängnis des Sevillaner Rekruten von ihm herausgeschriene, herausgebrüllte, dann zu seinen Gunsten verstandene, doch eigentlich missverstandene Wort nicht auch paradox zurückführt zum beinah hoffmannesken Thema, über das Amalfitano und sein Freund offenbar zuvor diskutiert hatten: „über das wundersame Wesen der Kunst“.  Dass Philosophie, gerade auch die große, gelegentlich auf  Mythen, schlichter gesagt, auf Erzählungen kommt, ja auf sie im wahrsten Sinne des Wortes hinausläuft, ist uns frühestens seit Platon, spätestens seit Lessings Nathan vertraut.

7 Responses to “Noch eine russische Erzählung”

  1. Dietmar Hillebrandt

    Nun stehe ich vor der schwierigen Aufgabe, ob ein deutscher Soldat in Russland das spanische, unter Lebensgefahr geschriene Schimpfwort COÑO mit dem deutschen Wort Kunst verwechseln kann.
    Im Spanischen bezeichnet dieses Schimpfwort pejurativ das weibliche Geschlechtsorgan. Dass dieses Wort Leben rettet („La palabra cono, metamorfoscada en la palabra arte, le habia salvado la vida“) ist kein Zufall, sondern ein Kunstgriff Bolanos. Ein Beispiel seines makabren Humors, zu dem eine Textstelle passt, die ich bei der Suche nach COÑO fand:
    „In einer Eisdiele im nordspanischen Santiago de Compostela bestellte ich neulich in der Landessprache ein Eis. Dabei sprach ich das Wort „cono“ für „Hörnchen“ wie „konjo“. Mein Gegenüber schaute mich entgeistert an, brach sodann in feixendes Gelächter aus, in das bald auch die übrigen Mitarbeiter lauthals einstimmten. Auf meine wiederholte Bestellung korrigierte der Eismann meine Aussprache, allein das Lachen wollte kein Ende nehmen. Ein spanischer Freund half schließlich bei der Klärung: Statt im Hörnchen hatte ich höflich zwei Kugeln Haselnußeis in der Fotze verlangt.“
    „Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück.“ (Karl Kraus)

  2. Yvonne Berardi

    Diese Frage habe ich mir auch gestellt.Wenn man in Betracht zieht, dass der Sevillaner in jenem Moment eine Zange im Mund hatte, die seine Zunge im Klammergriff hielt und er das Wort COÑO unter großen Schmerzen ausstieß und ihm gegenüber ein russischer Soldat stand, des Deutschen, aber nicht des Spanischen mächtig, bereit irgend etwas zu verstehen, was dieser vermeintliche Deutsche unter Folter aussagen würde, dann ist vorstellbar, dass aus einem geschrieenen COÑO eine gehörte Kultur wird.

  3. Günter Landsberger

    @Yvonne Berardi
    Genau. –
    Außerdem: Schon zuvor (schon nach der ersten Folterfolge) hat sich der Sevillaner auf Deutsch nicht verständlich machen können, auch dem hinzugeholten der deutschen Sprache mächtigen Russen gegenüber nicht, der zwar Deutsch sprechen kann; aber wer sagt uns wie gut? Ausdrücklich heißt es auf Seite 117 zunächst (auf die anderen, kein bisschen Deutsch sprechenden Russen bezogen): „Er (der Sevillaner, GFL) versuchte, dasselbe / – (was er zuvor schon vergebens auf Spanisch gesagt hatte, GFL) – / auch auf Deutsch zu sagen, aber er kannte in dieser Sprache nur zwei, drei Worte, die Russen gar keine.“ Und dann – mit Bezug auf den herbeigeholten Deutsch sprechenden Russen – wird berichtet: „Der Sevillaner versuchte sich auf Deutsch verständlich zu machen, aber vergeblich.“ (ebd.)
    Es ist für mich durchaus glaubhaft, dass ein Deutsch selbst nur als Fremdsprache sprechender Russe einem Spanier, der wie schon zuvor erkennbar kaum ein Wort auf Deutsch richtig herausbringt, zugutehält, dass er das Wenige, das er vielleicht sagen kann, nur entstellt, nur verstümmelt herausschreit, noch dazu in solch entsetzlich qualvoller Situation.

  4. Dietmar Hillebrandt

    @Berardi
    @Landsberger
    Sie haben natürlich beide recht und mein deutscher Soldat in Russland ist natürlich ein schlecht deutsch sprechender Russe. Mea culpa.
    Aber stellen wir uns einfach mal vor, Bolano hätte diese Geschichte nur irgendwo gehört, was er ja häufiger als Rahmenhandlung benutzt und das hinausgeschriene Wort wäre ein ganz anderes gewesen und der Russe, der das Wort missversteht wäre nur eine erfundene Figur, was er ja auch ist und diese Figur ist nichts als eine Person in einer Geschichte, die nur dazu dient, diese glaub- oder unglaubwürdig zumachen.
    Würde es irgendetwas an der Aussage der Erzählung ändern? Fast würde ich sagen, sie wäre noch realistischer, wenn der Sevillaner kurz nach dem Krieg an den Folgen seiner Folterungen gestorben wäre. Aber Bolano ist kein Realist, eher schon Surrealist!

  5. Günter Landsberger

    Aspekte einer Zusammenschau der drei von mir vorgestellten „Telefongespräche“-Erzählungen

    1.)Die eine der drei Erzählungen („Henri Simon Leprince“) findet sich in dem ersten Bandteil mit der Teilüberschrift „Telefongespräche“, die anderen beiden („Der Wurm“ + „Noch eine russische Erzählung“) im mit „Kriminalbeamte“ (Detektive) überschriebenen zweiten Teil. Allenfalls in der Geschichte „Der Wurm“ kann man auf die Idee kommen, dass diese Erzählung – dann als einzige der drei – ganz speziell auch unter diesem Obertitel zu lesen ist. Ist „der Wurm“ zumindest früher ein Polizist, Detektiv oder Kriminalbeamter gewesen? „Aus Gewohnheit“ (so seine Antwort auf die Frage Arturos) ständig mit einer Pistole bewaffnet ist er. Von Mord und Tod spricht er gelegentlich. Eine Vorgeschichte, in der mindestens e i n e Frau eine Rolle gespielt hat, die jetzt offenbar tot ist, deutet sich an. Geld hat er anscheinend in Hülle und Fülle. Er verschwindet fast noch plötzlicher, als er vergleichsweise einige Wochen zuvor in die Stadt gekommen war. Irgendwie kennt er sich aus in Kriminalfällen. Was hat er damit zu tun (gehabt)? War er vielleicht sogar selber Täter oder (noch abenteuerlicher!) Auftragskiller? Oder ließe sich alles ganz harmlos erklären? Wir wissen es nicht und erfahren es nicht. Wir können uns nur an das Wahrscheinlichere halten.
    Aber wie ist es mit den anderen Erzählungen im Sammelband? Stimmt meine Vermutung, mein Teilbefund, dass sich die Überschriften jeweils dem Umstand verdanken, welche der Erzählungen (mit einleuchtender Notwendigkeit oder eher zufällig?) zur Titelgeschichte erkoren worden ist? Sind diese Geschichten besonders gut gelungen oder werden sie von Autor und Herausgeber exemplarisch für die anderen um sie gruppierten genommen?
    2.)In „Henri Simon Leprince“ und in „Der Wurm“ spielt jeweils ein einziger, bestimmter Kuss eine bedeutsame Rolle, ein überraschend auf den Mund gegebener (S.37) und ein ebenso überraschender, geschriebener ( S.85). Das gefällt mir. Hier weiß einer, dass ein einziger Kuss mehr sein kann als viele Küsse. – Literarisch gesehen, darf man an verwandte Werke denken: an Adalbert Stifters „Der Kuss von Sentze“, an Gottfried Kellers „Das Sinngedicht“ und an ein so ganz anderes Werk wie „Die Legende vom Großinquisitor“ von F. M. Dostojewskij. Weiß jemand, ob auch „Der Kuss der Spinnenfrau“ von Manuel Puig mit in diese Reihe motivverwandter Erzählwerke hineingehört?
    3.)Wie wirken in RB’s jeweiliger Erzählung Literaturwerke anderer, Filme, Kunst und Musik und anderes Mediale, das eigens erwähnt oder nacherzählend entfaltet wird, auf unser Gesamtverständnis ein? Wird unser Verstehen dadurch gelenkt? Und wenn ja wie? Und wie überzeugend? In der Erzählung „Der Wurm“ frage ich mich z. B., wie wichtig für das Gesamtverständnis (und im Hinblick auf mögliche Verknüpfungen) der breit erzählte französische Film (S.80 – S.82) ist u n d wie wichtig Teile des Inhaltes des zweimal erwähnten kleinen Romans „Der Fall“ von Albert Camus? Ist es für das Gesamtverständnis der Erzählung wichtig, dass im „Fall“ ein Ich-Erzähler sich Vorwürfe macht, einer alsbaldigen Selbstmörderin nicht rechtzeitig geholfen und ihren Suizid so nicht verhindert zu haben? Gibt es da verschwiegene Bezüge zum „Wurm“ und seiner Vorgeschichte? Und welche Rolle spielt der Verbund von Film und Literatur? Geht das in die gleiche Richtung? Oder werden hierdurch verschiedene Verständnismöglichkeiten suggeriert?
    Wie wichtig ist in „Henri Simon Leprince“ die Erwähnung der Lieblingsautoren der Titelperson? Soll mit der Hervorhebung von Stendhal und Daudet (Vater+Sohn) auch Unterschiedliches oder gar Gegensätzliches in der Art der Weltwahrnehmung HSL’s zum Ausdruck kommen?
    4.)Auch als „2666“-Lesern fällt uns so einiges auf: Der Ich-Erzähler in „Der Wurm“ ist Arturo Belano, das häufig in Rezensionen apostrophierte „alter ego“ RB’s – und zugleich der auch für den Roman „2666“ sich angeblich noch herausstellen sollende Erzähler (ebd., S. 1090). Die Geschichte „Noch eine russische Erzählung“ wird Amalfitano zugeschrieben, wobei man sich fragen kann, ob die Auswahl einer solchen Geschichte für ihn typisch ist oder typisch sein soll.
    Frankreich; Mexiko; Spanien + Russland sind die (uns allesamt auch aus „2666“ vertrauten) Schauplätze der drei Erzählungen; in „Der Wurm“ ist außer von dem Handlungsort und Schauplatz DF, sehr häufig vom mexikanischen Norden, von Sonora, Villaviciosa und Santa Teresa die Rede. Man hat bei RB fast den Eindruck, als hätte sich Santa Teresa mehr und mehr zum Pendant literarischer Orte wie Santa María (Juan Carlos Onetti) oder Macondo (Gabriel García Márquez) weiterentwickeln sollen, wenn er noch länger gelebt hätte und nicht so früh – leider viel zu früh – gestorben wäre.

  6. Dietmar Hillebrandt

    @Landsberger
    Als Infrarealist hätte wahrscheinlich Bolano selbst alle diese Fragen, schon gar nicht die aller möglichen literarischen Assoziationen, beantworten können oder vielleicht sogar nicht beantworten wollen. Wir sind als Leser unserer selbst beim Lesen Bolanos alle „COMPAÑEROS DE CELDA“. In der Zeit, in der diese Erzählungen wahrscheinlich entstanden sind, gab es noch kein Handy, kein Internet und es wurde nicht getwittert. Von Weblogs hatte niemand etwas gehört. Der Erzähler zieht für seine fernmündliche Kommunikation an mehreren Stellen nur Münztelefone vor, mittlerweile ja fast ein Anachronismus. In jeder Erzählung geht es um das gesprochene Wort, in dieser kann man mit einem missverstandenen Wort sogar überleben. In anderen Erzählungen ist oft von der Sprachlosigkeit am Telefon die Rede. Von der Stille, die etwas über die Nähe oder Distanz der Kommunizierenden ausdrückt. Wenn wir lesen, spüren wir aber die Nähe des Autors, der uns etwas sagen will, auch in den stillen Zwischenräumen der Texte. Wir lesen uns SELBST* in dieser Stille, vielleicht sogar in „selbstmörderischer Manier“.
    (please notify the double meaning of this word in this context and pardon if I´m too vain, I only tried to be a little bit „bolanoesk“)

  7. Günter Landsberger

    Ist man als austauschfähiger Mensch, auch nur als einzelner Leser zwangsläufig eine Monade oder ein Einzeller? Ich glaube nicht, selbst wenn das RB behaupten würde.
    Jedoch zugestanden: Mindestens zu einer eigenen Nuance (oft vielleicht zu mehr) dürfte jede Person als Individualität fähig sein.

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