On the Route „TwoSixSixSix“, today page one hundred twenty

Nachdem ich Tier und Pflanze war, möchte ich heute ein Papierfetzen sein, auf dem Bolano einen Namen vermerkte, ihn ärgerlich verwarf und in einem Straßencafé dem Wind überließ, der ihn dahintrieb wie das Stück Papier in American Beauty, womit ich das Schauspiel zufälliger Schönheit gewesen wäre, deren Inhalt nie das Licht der Welt erblickte und nebenbei bemerkt veranlasst dieses rätselhafte Buch kopflose Bibliophile wie mich, im Katalog der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek unter der Signatur 2006/2666 nachzuschlagen und den völig veralteten Reiseführer eines gewissen H. Heine Die Harzreise zu finden, um endlich einzusehen, dass das Chaos der Welt notwendig ist. Zum Verständnis der Erzählhaltung Bolanos empfehle ich die Lektüre von Edgar Allan Poe Die Morde in der Rue Morgue. Auf den ersten vier Seiten beschreibt er die Analysefähigkeit des „wahrhaft imaginativ Begabten“ durch einen Vergleich dreier (Espinoza, Pelletier, Morini) Spiele: Schach, Dame, Whist. Bei der Beschreibung des Damespiels geht er von einem einfachen Spiel mit „vier Damen“ (Steine, Archimboldianer) aus, bei der Beschreibung des Spieles Whist kennt der „wahrhaft imaginativ Begabte“ den Inhalt jeder Hand seiner Mitspieler (Bolanos Maler Edwin Johns S. 117). Poe bemerkt außerdem, dass der Analytiker eine Urfähigkeit habe, die bei „solchen Individuen festgestellt worden ist, deren Intellekt andererseits an Idiotie grenzte“. Außerdem ist Bolanos Hinweis auf S. 118 beim Besuch der drei männlichen Archimboldianer in der Irrenanstalt eine mehr als deutliche Anspielung auf E. A. Poes berühmtestes Gedicht The Raven: „In diesem Moment hörten alle den Gesang oder Ruf des Raben.“

Herzliche Grüße an die vier fiktiven Literaturwissenschaftler und ihrem ebenfalls fiktiven „obskuren Objekt der Begierde“,

„And my soul from out that shadow that lies floating on the floor
Shall be lifted — nevermore!“

Dietmar Hillebrandt, Bücherblog

4 Responses to “On the Route „TwoSixSixSix“, today page one hundred twenty”

  1. Günter Landsberger

    Da, ohne zu viel zu verraten, wohl auch ein Vorgriff auf die Seite 130 erlaubt sein wird, verweise ich auf die merkwürdige, auf die 4 Kritiker gemünzte Formulierung „die Archimboldi-Apostel“ hin.
    Apostel? Wie ist das gemeint? Ironisch? Oder ernst? Mit dem dann vielleicht auch möglichen Schluss auf einen von Archimboldi her in den Blick kommenden kryptochristologischen Zusammenhang? Und sei es gegebenenfalls auch in Form einer Antichrist-Umkehrung.
    (Dass eines der Bücher Archimboldis Albert Bitzius alias Jeremias Gotthelf zum Gegenstand hat, gibt mir dabei auch zu denken. – Am verbreitesten bei uns ist Jeremias Gotthelfs christliche Teufelserzählung „Die schwarze Spinne“. Ob Robert Bolaño vor allem diese Erzählung im Auge hatte oder noch anderes von Gotthelf kennt? Gotthelfs Roman mit dem sprechenden Titel „Geld und Geist“ führt uns z. B. hinein in die Auseinandersetzung von künstlerisch unabdingbarem Anspruchsniveau und wirtschaftlich geforderter Marktrendite.)

  2. Günter Landsberger

    Auch ein besonders lesenswertes Buch des großen spanischen (!), längere Zeit in Frankreich bzw. Mexiko lebenden Filmregisseurs Luis Buñuel gibt es. Titel: „Mein letzter Seufzer / Erinnerungen“, Alexander Verlag Berlin 2004. Dort auch ab Seite 386 ein ergänzender Aufsatz von Jörg Fauser mit dem Titel: „Der diskrete Charme des Luis Buñuel“.

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