Was für ein Mann der Kirche ist das aber, der diese Reisemöglichkeit erhält? Es ist “einer vom Opus Dei” (S.73), zugleich einer, der wirklich “Augustinus, Thomas von Aquin” gelesen hat, auch “die Lebensläufe der Päpste” studiert hat (S.68) und das allermeiste davon auch noch abfragesicher behalten hat (S.69f.). Aber es ist auch einer, für den schließlich (und relativ bald) der Zeitpunkt gekommen ist, wo ihn das “Beten” langweilt (S.73) und er in Literatur, in eigenes Dichten und in eingreifende Literaturkritik entläuft. Ehe er aber vieldimensional die Literatur als neuen (fragwürdigen) Lebensinhalt für sich entdeckt, setzt bereits die Ästhetisierung innerhalb seiner Religiosität ein. Er gibt sein Priesteramt nicht auf, obwohl in diesem religiösen Zusammenhang selbst unverhohlen von “Langeweile” (als der Kehrseite des Interessanten) die Rede ist; und “Langeweile” ist zutiefst eine “ästhetische” Kategorie bzw. und in anderer Beleuchtung ein Zustand innerhalb des “ästhetischen Stadiums” (Kierkegaard).

Wird (kierkegaardisch gesprochen) das religiöse Stadium der menschlichen Existenz (und vielleicht auch das “ethische”) durch diesen Priester somit nie erreicht und verharrt er so immer nur – gewollt oder ungewollt, bewusst oder unbewusst – im “ästhetischen”?
Eine Ästhetisierung des Religiösen hat es in Literatur und Kunst bereits des öfteren gegeben (vgl. in Frankreich z. B. Chateaubriand und in Deutschland die Malergruppe der “Nazarener”), aber auch etwas viel Brisanteres: nämlich die “Ästhetisierung des Politischen”. Genau darin aber hat Walter Benjamin den Grundzug des “Faschismus” erblickt.
Kommen deswegen im “Chilenischen Nachstück” so häufig Ästheten und Ästhetizisten vor? Huysmans (S.13), Ernst Jünger (S.37ff.) und D’Annunzio (S.40) fallen im letzteren Sinn besonders auf.