Spuren legen VI

Angeblich geht es um einen „delikaten Auftrag in Europa“ (S. 78) Lacroix und Odein gehen in das Lokal Haiti. Lacroix versteht kein Wort von dem, was Odein redet. Lacroix schimpft über die Besucher des Lokals: „Auch Schweine leiden, sagte ich mir.“ (S. 81) Beide verlassen das Lokal. Lacroix lernt Oido kennen, in einem etwas merkwürdigem Büro. (Mir kam es etwas kafkaesk vor.) Oido erzählt ihm zunächst, dass sein Name aus Finnland komme. Dann redet er von dem Auftrag für Lacroix, der „weniger eine Arbeit als ein Stipendium“ (S. 83) sei: „Meine Arbeit bestünde darin, die Kirchen aufzusuchen, bei denen zerfallsverhindernde Maßnahmen am weitesten fortgeschritten waren, die verschiedenen systematischen Ansätze zu prüfen, einen Bericht zu verfassen und wieder heimzufahren.“ (S. 84) An diesem Auftrag dürfte kaum etwas delikat (s. o.) sein.

Odeim und Oido sind Lacroix nicht sonderlich sympathisch: „Auch verfügten sie über keinerlei literarische Kenntnisse, mit Ausnahme zweier frühreifer Gedichte von Neruda, die sie auswendig kannten und immer wieder gern rezitierten.“ (S. 85)

Lacroix schifft sich auf der Donizetti ein und reist nach Europa. In Genua (S. 86) geht er an Land. Auf dem Dampfer, so Lacroix, habe er „viele glückliche Stunden verbracht“ (S. 87). Wie meint er das? Er würde „endlich wieder die Freuden des Lesens“ genießen, sei wieder im „Besitz (s)einer Instinkte“. Er hätte seinen „Lebensmut“ wiedergefunden, sei wieder glückselig in dem „wahrhaftigen Erlebnis der Nähe Gottes, meinen Gebeten, die über die Wolken hinaus zum Himmel auffuhren, dorthin, wo nur noch Musik erschallte, das, was wir den Chor der himmlischen Heerscharen nennen, kein menschlicher Raum, aber dennoch ohne jeden Zweifel der einzige, den wir behausen können, und sei es auch nur im mutmaßlichen Sinne, wir, die menschlichen Wesen; ein unbewohnbarer Raum zwar, aber dennoch der einzige, wo zu leben sich lohnt, ein Raum, wo wir aufhören zu sein, und doch der einzige, wo wir sein dürfen, was wir in Wahrheit sind“ (S. 87).

Was ist das für ein Raum? Es ist ein Raum, „wo nur noch Musik erschallte“.

Man vergleiche einmal diesen Raum mit dem Haiti (Lokal, S. 80 f.) als Raum. Im Haiti erschallte die „Stimme des Pöbels von Santiago“ (S. 80), da verstand Lacroix kein Wort, nur den „chilenischen Tonfall, bedeutungslose Satzfetzen, die jedoch die Jämmerlichkeit und Verzweiflung meiner Landsleute unverkennbar in sich trugen.“ (S. 81) Und: „Auch Schweine leiden, sagte ich mir.“ Lacroix bereut diesen Gedanken sofort: „Auch die Schweine waren eine Hymne an die Herrlichkeit Gottes, und wenn schon keine Hymne, das war vielleicht übertrieben, so doch wenigstens ein Liedchen, ein Gesang, ein kleines Gedicht zur Feier aller Lebewesen unter der Sonne.“

Folgender Gedanke hat sich bei mir eingestellt: Ob es sich lohnt in einem Raum zu leben, ob wir ihn behausen können hängt ab von der Sprache, die in ihm gesprochen wird. Diese Sprache kann sein: 1) Die „Stimme des Pöbels“ (S. 80): Diese Stimme beherrschte die „luftigen Gefilde des Haiti, ohne auch nur einem einzigen anderen Organ Raum zu lassen.“ (S. 81) Keiner anderen Stimme lässt diese erste Stimme irgendeinen Raum. 2) Die Stimme der Messe“ (= Wortverkündigung): Lacroix begreift es als Ehre für die Passagiere auf der Donizetti als er „noch einmal eine Messe las, im Lesesaal unseres Dampfers“ (S. 87). Und ausgerechnet heißt dieser Dampfer Donizetti (Oper, Musik). 3) Die Stimme der Literatur: Lacroix vertieft sich auf dem Dampfer in die „Lektüre der griechischen und lateinischen Klassiker und der zeitgenössischen chilenischen Schriftsteller“ (S. 87). Seine wiedergewonnene Lektüre verhilft ihm auch zu einem Zustand der „Glückseligkeit“. Dieser Zustand ist schließlich der, in dem er sich, wenn „auch nur im mutmaßlichen Sinne“ (S. 87), als lebend in einem Raum vorstellt, „wo nur noch Musik erschallte“. 4) Die Stimme der Musik: In einem Raum zu leben, in dem nur noch die Stimme der Musik erschallt, heißt gleichzeitig nicht zu leben. Es ist eine Art Grenzraum, in dem „wir aufhören zu sein, und doch der einzige, wo wir sein dürfen, was in Wahrheit wir sind“ (S. 87).

Die Frage wäre doch die, wie weit es (Lacroix, Bolano) gelingt, sich diesem letzten Raum über das Lesen von Literatur – oder auch das Schreiben von Literatur – anzunähern. Wie nahe komme ich also dem Raum, in dem ich sein darf, was ich in Wahrheit bin?

Lacroix reit durch Europa und besucht die verschiedensten Kirchen. Die Kirchen sind vom Verfall bedroht. Und zwar durch den Dreck der Tauben. Die Lösung des Problems (S. 88) sind die sie jagenden und tötenden Falken. Sie alle haben Namen: Turco, Otello, Xenophon und Halt’s Maul. (S. 90/91) Sind das sprechende Namen?

Auf seiner Reise in Frankreich erinnert sich Lacroix wieder an den Troubadour Sordel: „Sordel? Sordello? Welcher Sordello?“ (S. 91) Und er begegnet einem Pater, der krank ist, ihm etwas erzählen will und sich dabei auf einen Ellenbogen stützt: Er „versuchte, sich auf einen Ellenbogen zu stützen, so wie ich selbst Jahre, Äonen später, zwei, drei Minuten nachdem der vergreiste Grünschnabel auf die Bühne gewirbelt war“. (S. 94) Mir ist die Stelle aufgefallen, weil wir uns mit ihr ja wieder in der Erzählgegenwart befinden, in Gegenwart des sterbenden Lacroix. Und zwei, drei Minuten vorher, hatte der „vergreiste Grünschnabel“ seinen Auftritt. Was bedeutet das?

Seite 100: Lacroix beschließt wieder nach hause, zurück nach Chile zu reisen. (Übrigens gefällt mir der Witz auf dieser Seite sehr gut. Hat ihn Bolano erfnden?)

4 Responses to “Spuren legen VI”

  1. Günter Landsberger

    Ergänzung 1:
    Während der langen Schiffsfahrt von Chile nach Italien kommt es unter anderem auch dazu, dass Sebastián Urrutia Lacroix Passagieren und Besatzungsmitgiedern ein offenbar auch heute noch recht bekanntes Gedicht – (vgl. die zu ergoogelnden Links optischer und akustischer Art) – , ein lyrisches Nachtstück aus dem späten 19. Jahrhundert vorträgt: „in Buenaventura, wo ich auf unserem unter sternenklarem Nachthimmel ankernden Schiff eine Lesung des NOCTURNO von José Asunción Silva abhielt, eine kleine Hommage an die kolumbianische Literatur, die mit einhelligem Beifall bedacht wurde, auch von den italienischen Besatzungsmitgliedern und Offiziellen, die zwar kein Wort Spanisch verstanden, aber dennoch die tönende Musik in den Worten des von eigener Hand gestorbenen Dichters zu schätzen wußten“ (S.86).
    Hier ist sie wieder (zutiefst anfechtbar): die Wortinhalt und -aussage und etwaigem Gehalt gegenüber absolut gleichgültige Rezeption von Poesie als bloßer Wortmusik.
    (Gehe ich ganz fehl, wenn ich das als eine Absage RBs an den von Urrutia und seinesgleichen gepflegten, puristischen Ästhetizismus verstehe?)

  2. Andreas Gierth

    Schöner Hinweis. “ (…) die zwar kein Wort Spanisch verstanden, aber dennoch die tönende Musik in den Worten des von eigener Hand gestorbenen Dichters zu schätzen wußten“. Gerade diese Zeile finde ich im Zusammenhang mit dem, was ich in Spuren VI ausgeführt habe, bedenkenswert. Ich meine die „tönende Musik“ lyrischer Sprache.

  3. Günter Landsberger

    Ergänzung 2:
    a) Während der Schiffsreise erscheint Urrutia Lacroix in zunehmendem Maße wiederum als der Glückliche, der er vor seiner ihn so heftig niederziehenden Krise angeblich schon einmal gewesen ist: „wieder im Besitz meiner Instinkte, rundum geheilt“ (S.87)
    Was ist danach aber genau gemeint mit „jene(n) sündigen Schatten, die sich hüteten, mich zu stören in meiner Lektüre“ (S.87)? Ist dabei an die verführerischen Attacken Farewells (S.24ff. + S.68) zu denken und vor allem an das, was dadurch an verdrängter, uneingestandener Homoerotik in Urrutia Lacroix geweckt worden ist? Erinnert er sich mit dem Motiv „Sordel? Sordello? Welcher Sordello?“ nicht immer auch daran? (Vgl. hierzu S.25 – S.27 und S.72/73)
    b) Auf Seite 87 fällt mir die Paradoxie der Formulierungen auf, wenn von den angeblich nur für Menschen vorgesehenen Himmelswohnungen die Rede ist:
    „kein menschlicher Raum, aber dennoch ohne jeden Zweifel der einzige, den wir behausen können, und sei es auch nur im mutmaßlichem Sinne, wir, die menschlichen Wesen;“. Dieses „ohne jeden Zweifel“ – aber auch das „nur im mutmaßlichem Sinne“ – wird meines Erachtens so stark betont, dass einem gerade deshalb Zweifel kommen mögen. Und auch die beiden folgenden parallel geschalteteten Formulierungen klingen paradox und wirken nicht so ganz eindeutig ohne Zweifel geäußert: „ein unbewohnbarer Raum (!, GFL) zwar, aber dennoch der einzige, wo zu leben sich lohnt“ + „ein Raum, wo wir aufhören zu sein, und doch der einzige, wo wir sein dürfen, was in Wahrheit wir sind“ (S.87). In jedem Fall wird die Glaubensverheißung eines Weiterlebens nach dem Tode von der paradoxen Formulierung her als eine Zumutung für den Verstand deutlich. (Dass ähnlich wie schon bei Platon oder Plotin dabei an die Unsterblichkeit der Seele gedacht werden soll, mag naheliegen, wird aber so mit keinem deutlichen Wort erwähnt.) Wie sicher ist sich dieser Priester der Inhalte seines Glaubens? Zumindest – und das ist verräterisch genug – schrickt er auch noch als klerikaler Gast in Pistoia durchaus immer noch aus seinen nächtlichen Träumen. (S.88)

  4. Günter Landsberger

    Ergänzung 3:
    Heute bin ich in einem Detail nachgegangen, hinter dem ich von Anfang an schon mehr vermutete. Ich beziehe mich dabei auf einen Satz der Seite 86: „Wir ankerten vor Arica, wo ich vom Verdeck aus unsere im Glanz heroischer Taten strahlende Festung fotografierte“. Von Arica, verbunden mit Heroismus, hatte ich bislang keine präzise Ahnung (eine Anspielung auf irgendetwas Vaterländisch-Militärisches?), also sah ich heute (ausgerechnet heute am 7. Juni!) bei Wikipedia nach und fand sogleich einen sehr interessanten Artikel und darin u. a. folgende Passage:
    „Arica gehörte nach den Unabhängigkeitskriegen in Südamerika zunächst zu Peru. Nach der Entdeckung reicher Salpetervorkommen in der Atacamawüste kam es zum Salpeterkrieg zwischen Peru, Bolivien und Chile. Nach schweren Kämpfen in den Morgenstunden des 7. Juni 1880 konnten die Chilenen Arica und die von den Peruanern bis dahin gehaltene Festung auf dem Morro, dem Felsen oberhalb des Hafens der Stadt, erobern.“

    Eine Beruhigung und Genugtuung ist es, wieder festgestellt zu haben: Auch bei scheinbar geringfügigsten Details kann man sich auf RB meistens (oder immer?) verlassen. Selbst die Kennzeichnungen en detail passen zum vordringlichen Zuschnitt der allermeisten Erzählfiguren, auch wenn diese in sich selber noch so widersprüchlich und vielfältig sein mögen bzw. zu sein vermögen, wie es hier beim Ich-Erzähler dieses Kurzromans der Fall ist.

Schreibe einen Kommentar

Basic HTML is allowed. Your email address will not be published.

Subscribe to this comment feed via RSS