Telefon!

In einem längeren Text von mir stand ich einmal vor dem Problem, einen Anruf zu erzählen, in dem der Hauptfigur mitgeteilt wird, dass seine vermisste Schwester tot aufgefunden wurde. Ich  überlegte hin und her, wie solch eine emotionale Szene am besten zu schreiben sei. Am Ende entschied ich mich dafür, an dieser Stelle von der bis dahin etablierten personalen Erzählhaltung abzuweichen und in einen Stream of Consciousness zu wechseln, in dem das vorherrschende Gefühl das der Wut der Hauptfigur gegenüber dem Polizisten war, der ihm diese erschütternde Nachricht einfach so am Telefon überbrachte. Richtig zufrieden war ich mit dieser Lösung freilich nicht.

Bei Bolaño habe ich dann gesehen, wie man so etwas viel besser macht. Auf den Seiten 460 – 462 erzählt er ein ganz ähnliches Telefonat: Luis Sebastián Rosado erfährt von Albertito Moore, dass sein geliebter Piel Divina* tot ist. Aber Bolaño löst diese Szene ganz anders auf: Zum einen kommt Rosado praktisch gar nicht zu Wort, zum anderen setzt Moore die eigentlich wichtige Information, also den Tod des Geliebten, als schon bekannt voraus, und beginnt das Gespräch mit seinem eigenen Ärger über die „ganz üble Nacht“, die er hinter sich hat. So bleibt Rosado nichts anderes übrig, als immer nur „Was ist passiert?“ zu fragen – ohne dass er von Moore eine irgendwie strukturierte Antwort bekäme. Rosado muss, wie der Leser, das Geschehen selbst rekonstruieren, der aufgebrachte Moore ist dabei keine große Hilfe. Indem das Ungeheuerliche, der Tod, nur immer angedeutet, geradezu umkreist wird, bleibt er in einer Sphäre des Nicht-Greifbaren, dessen Wucht umso brutaler wirkt. Genauso verhält es sich mit der Wirkung, die diese Nachricht auf Rosado hat: sein stoisches „Was ist passiert?“, das er auch dann noch wiederholt, als längst klar ist, dass Piel Divina erschossen wurde, fungiert wie eine Leerstelle, hinter der alle Emotionen verborgen sind. Diese Frage, die zugleich nicht und doch beantwortet wird, ist die einzige Reaktion, die wir als Leser bei ihm beobachten können, und gerade diese Reduktion macht den Horror spürbar.

Das ist erzähltechnisch von einer solchen Eleganz, Einfachheit und Effizienz, dass man nur neidisch werden kann.

*Es wundert mich schon, dass dieser Name im Deutschen einfach so übernommen wurde. Es handelt sich ja offenkundig um einen Spitznamen, der in der englischen Ausgabe entsprechend übersetzt wurde: Luscious Skin heißt der Mann dort, und da des Öfteren die Rede davon ist, dass keiner seinen richtigen Namen kennt, hätte ein eingedeutschter, erkennbarer Spitzname hier mehr Sinn ergeben.

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